Kurz nach seiner Geburt 1847 ist die Familie von Alexander Lauterwasser auf der Flucht. Laut des alten Familienbuchs muss der Vater nach dem Scheitern der Revolution von 1848, mit der er nicht nur sympathisiert hatte, sondern auch aktiv beteiligt war, über den Schwarzwald nach Überlingen fliehen. Dort eröffnet der gelernte Wirt und Küfnermeister das Gasthaus "Rose".

Doch nicht nur der Vater beweist Geschäftssinn, sondern auch sein Sohn: Alexander Lauterwasser eröffnet in der Christophstraße 28 Jahre nach Erfindung der Fotografie 1867 in Überlingen das erste Foto-Atelier. Neben Porträtaufnahmen lichtet er auch gern seine eigene Familie ab – und er macht Außenaufnahmen. Und für die braucht es neben Arbeitskraft auch viel Geduld. Für eine Aufnahme vom Bodensee muss das Equipment, bestehend aus mannshohen Gerätschaften samt Holzkonstruktion, transportiert werden. Nicht selten braucht Alexander Lauterwasser hierfür bis zu vier Helfer. Anschließend benötigt er für die Belichtung noch bis zu einer Stunde Zeit.

Lauterwasser fotografiert aber nicht nur den Bodensee oder die schönen Berge, er widmet sich auch intensiv der Region. Sowohl die Menschen, die in ihr leben, als auch die Umgebung fotografiert er. Neben den Überlinger Persönlichkeiten lichtet er die Seegfrörne, diverse Hochwasser und Überschwemmungen ab. Auch das Überlinger Brauchtum und besonders das Fastnachtstreiben hält er fest. Als einer der wichtigsten Chronisten dokumentiert er zeitgeschichtliche Ereignisse und den Wandel in der Stadt bildhaft.

Mit seinen Arbeiten legt er nicht nur den Grundstock für das Familienunternehmen, sondern auch für das Lauterwasser-Archiv, das mit über 18 000 Negativfilmen, 10 000 Dias, vielen Glasplatten und zwei Terrabyte Daten aufwarten kann – und so über 150 Jahre die Geschichte der Stadt Überlingen fotografisch dokumentiert.

Das Fotogeschäft der Familie Lauterwasser ist heute in der Münsterstraße in Überlingen.
Das Fotogeschäft der Familie Lauterwasser ist heute in der Münsterstraße in Überlingen. | Bild: Mike Durlacher

Doch nicht nur seine Bilder hinterlässt er, sondern auch ein Fotografen-Gen. Die folgenden Generationen führen bis heute sein Geschäft weiter und so ist es eines der ältesten im Familienbesitz befindlichen Fotostudios Deutschlands. Die Tradition beginnt bei Sohn Alexander junior (1878-1933). Er übernimmt 1912 dessen Betrieb und verlegt das Studio in die Münsterstraße. Sein Enkel Siegfried zeigt schon früh sein großes Talent, bereits mit zwölf Jahren kann er mit seinen Wasseraufnahmen den ersten Platz eines Fotowettbewerbs gewinnen. Siegfried macht erst die Ausbildung beim Vater und vervollständigt diese dann 1931 bei seinem Onkel. Danach will er aber lieber als Kameramann arbeiten. Jedoch zwingt ihn der frühe Tod des Vaters 1933 zurück in den Familienbetrieb. 1937 legt er die Meisterprüfung ab, drei Jahre später wird er von den Wagner-Brüdern eingeladen, die Festspiele in Bayreuth fotografisch festzuhalten. Es sollen noch viele weitere Jahre bei den Festspielen folgen. Bei der Seegfrörne 1963 gelingt ihm ein Jahrhundertfoto. Es ist der Sonntag nach dem großen Fastnachtsumzug: Er nutzt die Gelegenheit, bittet die Hänsele auf das Eis und nutzt als Kulisse die Stadt im Hintergrund. Ein wahrhaftig einmaliger Augenblick der Überlinger Fasnet.

1990 übernimmt seine Tochter Katharina Lauterwasser-Stielow das Fotogeschäft und seit 2001 ist auch deren Tochter Anna fester Bestandteil des Familienbetriebs. Die beiden Frauen halten wie ihre Vorfahren die Überlinger Ereignisse fest – und schaffen somit Spuren für die Nachwelt.