Die schlechte Nachricht zuerst: Anny Hamm wird auch in der kommenden Fasnet aus gesundheitlichen Gründen keine tragende Rolle spielen. Die gute Nachricht gleich hinterher: Sie fiebert der fünften Jahreszeit aber dennoch entgegen, und wird sie sie auch wieder genießen, wie sie mit kräftiger Stimme und mit Nachdruck betont. „Ich sehe und ich höre schlechter, jaja, so ist das mit dem Älterwerden“, lacht die Überlingerin. In einer Fernsehsendung über Menschen, die das 100. Lebensjahr überschritten haben, sagte Hamm noch im vergangenen Jahr zu Moderator Kai Pflaume: „Ich möchte doch mal wissen, wie das ist, sich alt zu fühlen.“ Das ist der ganz typische „Hammsche-Humor“, der Büttenrednerin, deren Schalk und Schlagfertigkeit nicht nur auf den Fasnachtsbühnen, sondern auch in ihren eigenen vier Wänden allgegenwärtig ist.

Hochzeit feierte das Ehepaar Hamm am 7. Juli 1993 im „Ochsen“ in Überlingen. Der damalige Stadtpfarrer Fridulin Dutzi war ein Ehrengast des Jubelpaares.
Hochzeit feierte das Ehepaar Hamm am 7. Juli 1993 im „Ochsen“ in Überlingen. Der damalige Stadtpfarrer Fridulin Dutzi war ein Ehrengast des Jubelpaares. | Bild: privat

Geboren wurde Anny Hamm 1914 als der Erste Weltkrieg begann, beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war sie bereits ein Viertel Jahrhundert alt. Ihren Ehemann Heinrich Hamm hat sie 1943 geheiratet, mitten im Krieg. Ein Jahr später wurde Tochter Rita geboren, zwei weitere Töchter, Reintraud und Roswita folgten. So waren sie ein „Vier-Mädel-Haus“, sagt die dreifache Mutter und zweifache Groß- und Urgroßmutter, der einzige Enkelsohn ist natürlich ein Hänsele. Beim Rückblick auf die eher schweren Jahre des Zweiten Weltkriegs, ihr Vater wurde mit einem Bauchschuss verletzt, erinnert sich die 105-Jährige an das größte Glück ihres Lebens: „Dass mein Mann Heinrich aus dem Krieg zurück kam war für mich mein größtes Lebensglück. Er war zwar verletzt durch einen Lungenschuss, aber er kam wieder heim.“

2018 schaffte Anny Hamm den Sprung ins deutsche Fernsehen. Sie war zu Gast in „Zeig mir Deine Welt“. Beim Besuch von Moderator Kai Pflaume am Bodensee war auch die Insel Mainau ein Ausflugziel.
2018 schaffte Anny Hamm den Sprung ins deutsche Fernsehen. Sie war zu Gast in „Zeig mir Deine Welt“. Beim Besuch von Moderator Kai Pflaume am Bodensee war auch die Insel Mainau ein Ausflugziel. | Bild: Privat

105 Lebensjahre führen automatisch zu Fragen nach Rezepten für ein so langes Leben, und zur Bitte um Lebensweisheiten für alle Menschen, die jünger sind als Anny Hamm. Das sind die meisten Menschen auf der Welt und alle Bürger Überlingens, das Geburtstagskind ist die älteste Einwohnerin der Bodenseestadt.

Video: Stef Manzini

Wenn Anny Hamm heute in ihrem fast biblischen Alter eine letzte große Rede halten würde, was wären ihre Themen, worauf käme es ihr an? Nach kurzem Nachdenken kommt die Antwort sehr bestimmt: „Meine Großmutter hat immer gesagt, wenn es nur zwei Menschen auf der Welt gäbe, dann würde der eine dem anderen noch die Sonne verdunkeln. Also sage ich, Neid ist das größte Übel der Gesellschaft. Schaut doch auf Euch selber und seid zufrieden mit dem Erreichten, zufrieden mit Eurem Leben, ganz egal, wie das der Anderen aussieht. Das zweite ist, vergesst nicht das Lachen, denn wer miteinander lacht, kann sich nicht ernsthaft böse sein. Vor allem aber sollt Ihr auch über Euch selbst lachen, das ist so wichtig. Dann kommt der Mut, denn darauf kommt es im Leben an. Immer wieder neuen Mut schöpfen, dabei hat mir auch mein Glaube an den lieben Gott mein ganzes Leben lang geholfen.“

Am 7. Juli 1943 heirateten Anny und Heinrich Hamm in Radolfzell. Das Paar blieb 55 Jahre bis zu Heinrich Hamms Tod im Jahre 1998 verheiratet.
Am 7. Juli 1943 heirateten Anny und Heinrich Hamm in Radolfzell. Das Paar blieb 55 Jahre bis zu Heinrich Hamms Tod im Jahre 1998 verheiratet. | Bild: Privat

Zufriedenheit, Humor, Glaube und Mut, dass empfiehlt Hamm als Rezept für ein Leben mit viel Freude. Wie lange dieses Leben jeweils währt, dazu könne sie nichts empfehlen, denn sie habe schließlich nichts dazu getan, dass läge in Gottes Hand, erklärt sie bestimmt.

Dieses Bild zeigt Anny Hamm mit angeklebten Schnauzbart in der Mitte ihrer Fasnachtsgruppe als „kalte Krieger“ beim närrischen Treiben während des Umzugs 1958 in Überlingen. Weltweit erstarkte damals das Bestreben um atomare Abrüstung.
Dieses Bild zeigt Anny Hamm mit angeklebten Schnauzbart in der Mitte ihrer Fasnachtsgruppe als „kalte Krieger“ beim närrischen Treiben während des Umzugs 1958 in Überlingen. Weltweit erstarkte damals das Bestreben um atomare Abrüstung. | Bild: Privat

Die Seniorin ist immer noch am Puls der Zeit. Die „Fridays for Future„-Bewegung ist ihr bekannt, und sie hat für die Proteste der jungen Leute Verständnis. Allerdings nur solange die friedlich bleiben, so Hamm energisch. Den US-Präsidenten Donald Trump nennt sie ein „Trampeltier“.

Kaum zu glauben: Als dieses Bild von Anny Hamm bei einer Büttenrede entstanden ist, war sie schon 100 Jahre alt.
Kaum zu glauben: Als dieses Bild von Anny Hamm bei einer Büttenrede entstanden ist, war sie schon 100 Jahre alt. | Bild: Privat

Der alten Dame ist der Frohsinn sehr wichtig und schnell kommt sie auf die Anfänge des Frauenkaffees in den 1960-er Jahren im Überlinger Gasthaus Raben, und somit einem ganz wichtigen Bestandteil ihres Lebens, der Fasnet. Ob auf der Bühne im Raben oder im Kursaal und dann später im Pfarrsaal. Ob während der Straßenfasnacht, mal als Reiter mit Steckenpferdchen oder als Mohr mit Bananenblättern aus dem Stadtgarten oder beim Schnurren von Kneipe zu Kneipe: Es ist unmöglich, alle Varietäten aus über 70 Jahren prall vollem fasnachtlichem Treiben wiederzugeben. Anny Hamm immer mit dabei, immer mittendrin, dass trifft es wohl am besten. Als guten Jahrgang bezeichnete sich Hamm 2017 bei ihren letzten Auftritten im Kolpingsaal und im Weinhaus Renker, sie kam als Weinkönigin.

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Die zurückliegenden Jahre waren turbulent, erzählt Hamm und alles begann mit dem SÜDKURIER-Artikel zu ihrem 100 Geburtstag, sagt sie. Beinahe wäre sie in einer internationalen Kinoproduktion gelandet, die Dreharbeiten fanden schon statt. Im Fernsehen war sie 2018 zu Gast bei Kai Pflaume in „Zeig mir Deine Welt“, der Südwestrundfunk widmete ihr ebenfalls einen großen Beitrag und damit sei noch lange nicht Schluss, so Anny Hamm augenzwinkernd, „den Heesters mit seinen 108, den top ich noch“.

Ein Leben in Zahlen

Anny Hamm, geborene Brunner, wurde am 1. November 1914 als ältestes von drei Kindern in Radolfzell geboren. Ihr Bruder Josef verstarb 2004, Bruder Franz ist jetzt 92 Jahre alt. 1942 heiratete sie Heinrich Hamm, 1951 zog das Ehepaar nach Überlingen. Heinrich Hamm bekam dort eine Stellung als Leiter des Arbeitsamtes. Er hatte diese Position rund 20 Jahre inne und verstarb 1998. Anny Hamm ist Mutter von drei Töchtern, zweifache Groß- und zweifache Urgroßmutter.