Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert eröffnet das Überlinger Jubiläumsjahr. Das ganze Jahr 2020 über feiert die Stadt ihre Ersterwähnung vor 1250 Jahren. Den Auftakt macht ein Festakt am 12. Januar im Kursaal. Neben Norbert Lammert hält Oberbürgermeister Jan Zeitler eine Ansprache, der Madrigal Chor und die Lake Voices singen, Jäckle und Schäuble zeigen in einer Ur-Aufführung ihren Kurzfilm über Überlingen.

86-Jährige fühlt sich ausgeschlossen

Eine 86-jährige Überlingerin findet: „Das ist so ein großes Stadtereignis und von hoher öffentlicher Bedeutung, dass gewährleistet sein müsste, dass alle Bevölkerungsgruppen daran teilnehmen können.“ Doch genau daran könnte es scheitern. Die 86-Jährige, die sich als „schüchtern“ bezeichnet und Sorge hat, als „Meckertante“ dazustehen, und die deshalb ihren Namen in der Zeitung nicht nennen möchte, sieht sich nicht in der Lage, für Eintrittskarten anzustehen. „So gut bin ich nicht mehr auf den Beinen“, sagte sie gestern am Telefon.

Der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert ist prominenter Festredner beim Festakt am 12. Januar.
Der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert ist prominenter Festredner beim Festakt am 12. Januar. | Bild: Bernd Von Jutrczenka, dpa

Kein Sonderkontingent für Gehbehinderte

Die Dame müsste, um sich einen Sitzplatz für den Festakt im Kursaal zu sichern, am kommenden Montag für Eintrittskarten anstehen. Die Ausgabe erfolgt zentral bei der Tourist-Information am Landungsplatz, ab dem kommenden Montag, 9 Uhr. Wenn sich zuvor schon Warteschlangen bilden, so die Überlegung der 86-Jährigen, müsste sie gut zwei Stunden Wartezeit einplanen. „Und das schaffe ich einfach nicht.“ Sie kenne niemanden, den sie bitten könne, für sie die Karte abzuholen. Deshalb rief die Dame bei der Tourist-Information an und erkundigte sich, ob es vielleicht ein Kontingent für ältere Bürger gibt, die sich eine Karte auf anderem Wege sichern können. Nein, gebe es nicht, lautete die Antwort.

Daraufhin der Anruf unserer Redaktion bei der Stadtverwaltung. Zeitlers Pressesprecherin antwortete: „Wir sind uns bewusst, dass die Plätze im Kursaal begrenzt sind. Aber wie eine gerechte Verteilung organisieren? Auch wenn wir jetzt ein Kontingent für Menschen mit einer Gehbehinderung zurückhalten würden, würde sich wieder die Frage stellen, wie diese Karten gerecht zu verteilen sind.“ Natürlich habe man sich in der Stadtverwaltung Gedanken darüber gemacht, wie so etwas gut und gerecht gelöst werden könne. „Wir schaffen deshalb zusätzlich die Möglichkeit, eine Live-Übertragung im Rathaussaal zu besuchen. Außerdem kann die Veranstaltung weltweit live im Internet verfolgt werden.“

„Ich habe ja Zeit:“ Kristin Müller-Hausser.
„Ich habe ja Zeit:“ Kristin Müller-Hausser. | Bild: BÜB+

Kristin Müller-Hausser, Stadträtin von BÜB+, schließt sich der Auffassung der 86-Jährigen an. Es gehe nicht an, dass eine ganze Gruppe quasi von der Veranstaltung ausgeschlossen wird. Doch auch ihr Anruf bei zuständigen Stellen bewirkte keine Änderung. Sie habe zwar auch keine Idee, wie sich das Problem fair lösen lässt, doch finde sie schon, dass man ein Kontingent anderweitig vergeben solle. In Überlingen lebten nun einmal viele alte Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Das stelle sie als frisch gewählte Oberbürgermeister-Stellvertreterin jede Woche aufs Neue fest, wenn sie Altersjubilare im Namen der Stadt besucht und Glückwünsche überbringt. Als Stadträtin kommt sie in den Genuss, dass ihr ein Platz beim Festakt reserviert wird. „Das ist mir eigentlich gar nicht recht“, meinte sie. Nun werde sie – „ich habe ja Zeit“ – sich am Montag für eine Eintrittskarte anstellen. Diese übergibt sie dann der 86-Jährigen.

Das könnte Sie auch interessieren