Der Wolf hatte keinen direkten Fürsprecher am Mittwochnachmittag am Schafstall in Salem. Es ging um die Probleme der Schäfer und um die Frage: Was verändert sich, wenn Wölfe in hiesige Gefilde kommen? Drei Politiker von Bündnis 90/Die Grünen trafen sich zu einem Hintergrundgespräch mit Annette Wohlfarth vom Landesschafzuchtverband und Schäfer Florian Gulde in seinem Betrieb in Salem-Buggensegel.

In Überlingen wurde der Wolf am 21.&nbsp;Juni gesichtet.<em> Foto: Marco Roth</em>
In Überlingen wurde der Wolf am 21. Juni gesichtet. Foto: Marco Roth | Bild: privat

Am 21. Juni war ein Wolf in Überlingen gesichtet worden. Wenige Tage später war er tot. Nach Sichtungen in Stockach, Bad Dürrheim und bei Breitnau im Hochschwarzwald wurde das Tier am 8. Juli mit einer Wunde im Brustbereich im Schluchsee im Schwarzwald gefunden. Markus Böhlen, Grünen-Bundestagskandidat aus Immenstaad und Martin Hahn, Grünen-Landtagsabgeordneter, äußerten Verwunderung über die lange Aufklärungsdauer der Todesursache. Rund vier Wochen hatte es gedauert, bis bekannt wurde, dass der Wolf erschossen worden war. Der lange Zeitraum macht eine Strafverfolgung Angaben der Staatsanwaltschaft zufolge schwierig.

"Ich hoffe, dass ihn schleunigst einer überfährt", hatte Schäfer Florian Gulde damals gesagt. Zu dieser Äußerung steht er nach wie vor und gibt freimütig zu, froh über den Tod des Wolfs zu sein. Der Schäfer sorgt sich um seine Tiere. Nicht dem einzelnen vom Wolf gerissenen Schaf gilt sein Hauptaugenmerk, sondern der Unruhe in der Herde, die einem Wolfsangriff seiner Meinung nach folgen könnte. Die Folgen davon wiederum könnten, laut Gulde, verheerend sein. Der Schäfer beschrieb Szenarien wie Verkehrsunfälle auf Straßen oder Zugunglücke – verursacht dann durch ausbrechende Schafe. "Der Wolf ist dann weg – und wer haftet für diese großen Schäden, wer steht gerade für Verletzte oder Tote?", fragte Gulde.

Florian Gulde
Florian Gulde

Die Entschädigungssummen, die das Land Baden-Württemberg laut EU-Regelung bisher bereitstellt, sind auch laut Meinung von Annette Wohlfarth vom Landesschafzuchtverband viel zu gering. Für einen Zeitraum von drei Jahren sind bisher in den EU-Mitgliedsstaaten insgesamt 15 000 Euro vorgesehen, hier greift die sogenannte De-minimis-Beihilfe. Diese wird an Unternehmen bezahlt, dient aber auch zum Ausgleich für die Pflege von Hanglagen und dergleichen.

Die Forderung der Schäfer an die anwesenden Politiker war klar formuliert. Annette Wohlfarth: "Folgeschäden sind ein Riesenthema in unserem dicht besiedelten Gebiet hier. Wir erwarten von der Politik, die den Wolf unter Artenschutz stellt, entsprechende Versicherungen und Entschädigungen an uns." Die Europa-Abgeordnete der Grünen, Maria Heubuch, wollte von den Schäfern wissen: "Warum können die hiesigen Herden nicht mit einem Herden-Schutz-Hund gesichert werden?" Der Herden-Schutz-Hund wächst in den Schafherden auf und wird von den Tieren als Mitglied akzeptiert. Greift ein Wolf die Herde an, verjagt der Hund den Angreifer. Florian Gulde: "Ja, aber der Herden-Schutz-Hund jagt dann auch Nachbars Lumpi oder einen Mountainbiker, er macht dann halt seinen Job." Annette Wohlfarth erklärte, es kämen auf die über 1000 Schafe der Schäferei Gulde dann zehn Hunde. Die damit verbundenen Kosten seien nicht zu stemmen, die Arbeit nicht zu leisten.

Martin Hahn, Landtagsabgeordneter, und die Europa-Abgeordnete Maria Heubuch.
Martin Hahn, Landtagsabgeordneter, und die Europa-Abgeordnete Maria Heubuch.

Zäune stellen eine weitere Möglichkeit zum Schutz der Schafsherden dar. Die Herde des Schäfers Gulde zieht in einer Raumschaft von Salem bis Herdwangen umher. Auch bisher werden diese mobilen Zäune, Stäbe mit Netzen, schon verwendet. Der Landesschafzuchtverband testet Prototypen, auf denen 4000 Volt Strom mögliche Angriffe eines Wolfes abwehren sollen. Hier sehen die Geschäftsführerin des Verbandes und der Schäfer mehr Chancen als mit den Herden-Schutz-Hunden.

Nachdem das Thema Wolf so hohe Wellen geschlagen habe, könnten alle an diesem Nachmittag versammelten nur gewinnen, denn ein Austausch sei wichtig, sagte Markus Böhlen von den Grünen. Auch Martin Hahn bezog sich auf die Wichtigkeit des Austauschs und verwies auf eine Anhörung im Landtag am 26. Oktober. Das Fazit von Annette Wohlfarth vom Landesschafzuchtverband war deutlich: "Wir wollen ihn nicht – aber er wird kommen."

"Mit dem Wolf haben wir ein Riesen-Thema im dicht besiedelten Baden-Württemberg."Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin Landesschafzuchtverband
"Mit dem Wolf haben wir ein Riesen-Thema im dicht besiedelten Baden-Württemberg."Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin Landesschafzuchtverband

Der Wolf von Überlingen

Die Aufregung war groß, als am 21. Juni ein Wolf bei Überlingen gesichtet wurde. Landwirt Marco Roth hatte das Tier in seiner Obstplantage zwischen Lippertsreute und Bambergen entdeckt. Während sich die einen über die Rückkehr des Wolfes an den Bodensee freuten, hatten andere Sorgen um die Nutztiere vor Ort. Am 8. Juli wurde der Wolf tot im Schluchsee im Schwarzwald gefunden. Wie die Untersuchung am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin ergab, stammte die Wunde von einem Projektil, das bei der Obduktion in der Leber des Wolfes gefunden wurde. Sowohl das Landwirtschaftsministerium, als auch die Naturschutzbünde BUND und Nabu verurteilten die Tat. Auch der Landesjägerverband distanzierte sich vom Schützen und forderte eine Strafverfolgung. (mde)