Überlingen – Sie waren ihrer Zeit voraus und konnten damals noch nicht ahnen, wie es mit Tiertransporten und Fließbandschlachtungen weitergehen sollte. Als der Betreiber des Überlinger Schlachthofs an der Zimmerwiese 1992 die Einstellung seines Betriebs an dieser Stelle angekündigt hatte, war guter Rat teuer. Mit eigener Initiative eine lokale Alternative zu schaffen, war das ehrgeizige Ziel des örtlichen Bunds für Umwelt- und Naturschutz (BUND).

Bild 1: 30 Jahre Schlachthof-Initiative GmbH Überlingen: Der lange Weg zum regionalen Schlachthof

Die Transportwege für die Tiere möglichst kurz zu halten und die regionalen Erzeuger zu unterstützen, etwas für die Bauern und lokalen Metzger zu tun, das waren wichtige Argumente, um bei zahlreichen Widerständen gegen den Sog der Zentralisierung anzukämpfen, der von großen EU-Schlachthöfen ausging. Und im Hintergrund der stete Gedanke, dass kleinere Einheiten auch bei Schlachthöfen irgendwie gesünder sein müssen und alle Beteiligten nur davon profitieren könnten.

Hanne Auer und Ulrich von Mühlen vom BUND und Anneliese Schmeh von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) gelang es zunächst, Fridolin Zugmantel als örtlichen Metzger von dem Ziel zu überzeugen und noch 1992 die Schlachthofinitiative Überlingen auf den Weg zu bringen, die 1993 in eine rechtliche Form gegossen wurde. Die Stadt und mehrere Umlandgemeinden wurden später zu stillen Gesellschaftern und sind es heute noch.

Schon im Dezember 1994 hatte die Schlachthofinitiave einen von der Ford Foundation ausgeschrieben Europäischen Umweltpreis erhalten. Ein Bestätigung ihrer Pionierarbeit war es, als die Überlinger in London damit ausgezeichnet wurden. Doch es sollte noch lange dauern, bis der angestrebte eigene Schlachthof Realität werden sollte. Mehrfach hatten sich die Richtlinien der Europäischen Union geändert, während die Initiative versuchte, Planung und Finanzierung voranzutreiben. Erst im Frühjahr 2006 konnte die kleine Einrichtung auf den Reutehöfen eröffnet werden. Etwa ein halbes Dutzend Metzger und Landwirte aus der Region waren damals mit im Boot.

Die spätere Erweiterung durch Matthias Minister und mit einem Zerlegebetrieb machte die Nutzung etwas rentabler und sicherte damit auch die Zukunft der gesamten Einrichtung. Bereits seit einigen Jahren ist Minister auch Geschäftsführer der Initiative, hat die Leitung des gesamten Schlachthofs inne und organisiert den Betrieb. In seinem Erweiterungsbau bietet er auch zweimal pro Woche einen Werksverkauf seiner Firma „fairfleisch“ an. Dank dieser Kombination können örtliche Metzger und Landwirte die Einrichtung und deren Dienstleistungen bis heute in Anspruch nehmen. Matthias Minister macht allerdings keinen Hehl daraus, dass er sich eine intensivere Nutzung durch Betriebe aus der Region vorstellen könnte. Ein aktueller Vergleich: Im kleinen Überlinger Schlachthof werden pro Woche neben 40 Rindern rund 100 Schweine geschlachtet, im Schlachthof Ulm sind es 45¦000 wöchentlich.

Ins Rampenlicht rückte der Überlinger Schlachthof erst in diesen Tagen, nachdem von andernorts wieder einmal unhaltbare Zustände und Behandlungsmethoden von Tieren öffentlich gemacht worden waren. Matthias Minister war mit der Überlinger Einrichtung im SWR Fernsehen willkommener Gesprächpartner um darzustellen, dass ein Betrieb auch ohne Missstände arbeiten kann.

Eine Feier zum 30-Jährigen Bestehen mit Tag der offenen Tür findet am Montag, 1. Oktober ab 11 Uhr statt

Das Programm

  • 11 UHr: Begru?ßung durch Geschäftsführer Matthias Minister; Grußworte: Martin Hahn, (MdL, Bu?ndnis 90/Grüne) und Walter Sorms, Stadt U?berlingen
  • 13 Uhr: Fu?hrung durch den Schlachthof
  • 14 Uhr: Vorfu?hrung Fleischzerlegung