Wer erinnert sich nicht gern an seinen ersten Kinobesuch! Das aufgeregte Warten, bis der Film endlich beginnt, Popcorn und Cola, vielleicht sogar ein erstes heimliches, schüchternes Händchenhalten mit dem Schwarm – solche Momente haben zahlreiche Überlinger im ehemaligen Rabensaal, später auch Tivoli genannt, erlebt. „Doch das Tivoli war nicht das erste Kino in Überlingen“, erzählt Hansjörg Straub, der sich ausführlich mit Überlingens Kinogeschichte beschäftigt hat. „Die erste Kinovorführung fand vermutlich am Landungsplatz in einem Zelt statt. Wann genau das allerdings war, lässt sich nicht mehr ermitteln.“

Anfangs musste die Polizei Kinovorführungen genehmigen

Um mehr über diese Anfänge zu erfahren, recherchierte Straub und wurde in den Polizeiakten fündig – die Polizei war zuständig, weil die Vorführungen in den Sittlichkeitsbereich fielen. Und in eben jenen Polizeiakten findet sich neben einigen Absagen eine positiv beantwortete Anfrage der in Sigmaringen ansässigen Firma "Kinematograph Royal" vom Oktober 1907 für eine einzelne Filmvorführung. „Dass dieser Genehmigung bereits andere vorausgegangen waren, ist wahrscheinlich, aber nicht mehr nachprüfbar“, ergänzt Hansjörg Straub. Er stellt eine Ausstellung zum Thema „100 Jahre Kino in Überlingen“ im Städtischen Museum zusammen und betreut diese auch.

1919 wurde ein Kinosaal im "Adler" eingerichtet

Von den Freiluftveranstaltungen am Landungsplatz bis zum festen Kino in Überlingen sollten noch viele Jahre vergehen. Belegt ist, dass Herman Demeter, Josef Waldschütz und Albert Posch im März 1919 einen Antrag auf einen Kinosaal im Gasthaus "Adler" stellten, der positiv beschieden wurde. Das Unternehmen legte sich mächtig ins Zeug und bereits am 20. Juni 1919 wurde die Eröffnung der Lichtspiele Überlingen im Seeboten für den darauffolgenden Tag verkündet.

Anfangs gingen die Filme 15 bis 30 Minuten

Das war die Geburtsstunde des Kinos in der Franziskanerstraße. „Lange dauerten die vorgeführten Filme in den Anfangsjahren allerdings nicht“, berichtet der kinobegeisterte Straub. Das durchaus nur sehr kurze Vergnügen von gerade mal 15 bis 30 Minuten war der Kapazität der Filmrollen geschuldet, die begrenzt war – zumal ein Film mehrere Rollen benötigte. „Die einzelnen Rollen wurden dann als Akte bezeichnet, in Anlehnung an das Theater“, schildert Straub. Häufiger wechselte das Kino in den Anfangsjahren den Pächter, bis es nach einer längeren Pause im Jahr 1936 Hellmuth Stange übernahm. Das Geschäft, mittlerweile die Kammerlichtspiele, florierte derart, dass Überlingen einen weiteren Kinosaal benötigte.

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Die Wahl fiel auf den Rabensaal in der Wiestorstraße. Ursprünglich war der Rabensaal 1924 als Fest- und Veranstaltungshalle gebaut worden. „Er erfreute sich großer Beliebtheit. Theater und Operetten wurden dort aufgeführt und Vorträge gehalten“, beschreibt Straub die Nutzung des Saals bis zur Eröffnung des Kinos. „Aber in Erinnerung ist er vor allem wegen der Fastnachtskonzerte geblieben. Bevor jedoch im Rabensaal 1952 bewegte Bilder gezeigt wurden, diente er in den Monaten nach Kriegsende als Unterkunft für marokkanische Soldaten der französischen Besatzungstruppen.“

1952 ging das Tivoli im Rabensaal in Betrieb

Ein Blick in den geschmückten Rabensaal: Er wurde zum Kino Tivoli.
Ein Blick in den geschmückten Rabensaal: Er wurde zum Kino Tivoli. | Bild: Stadtarchiv Überlingen

Anfang der 50er Jahre erwarb die Stadt das Gebäude und verpachtete es an die Theaterbetriebe Stange. Ehe sich die Überlinger dem Filmgenuss hingeben konnten, musste Stange jedoch erheblich investieren. „Er trennte den Zuschauersaal vom Eingangsbereich ab und ließ neben Toiletten und diversen anderen Umbauten auch noch einen entsprechenden Raum für die Projektionsapparate einbauen“, beschreibt Hansjörg Straub den aufwendigen Umbau. 1952 war es endlich so weit: Im Rabensaal an der Wiestorstraße wurden Filme vorgeführt, schildert Hansjörg Straub die Anfänge des Tivoli. Auch Nachrichten wurden im Kino gezeigt.

Das Gebäude wurde abgerissen, der Name blieb

Damit alle Zuschauer in den Genuss der Wochenschau kamen, musste ein „Wochenschaupendler“ die Filmrollen zwischen den einzelnen Kinosälen hin und her transportieren. Während das Tivoli über mehr Plätze verfügte, punktete die Kammer mit besserem Equipment. Doch das Tivoli geriet ins Hintertreffen, da das Gebäude marode war. 1979 fiel für das Kino im Rabensaal nach 27 Jahren der letzte Vorhang. Das Gebäude wurde abgerissen und stattdessen ein Parkhaus errichtet. Der Name allerdings blieb: Als Renate und Dieter Lailach 1981 die Kammerlichtspiele übernahmen, wurde in der Franziskanerstraße umgebaut und es entstand dabei ein weiterer Kinosaal mit dem Namen Tivoli. Deshalb können die Überlinger Kinder heute noch mit strahlenden Augen ihren ersten Kinofilm im Tivoli sehen und noch Jahre später von diesem Erlebnis schwärmen.