Das Abschlusskonzert des „Lebendigen Barockschlosses“ konnte wie geplant, auch bei etwas stürmischem Wind und kühlen Temperaturen, im Innenhof des Neuen Schlosses in Tettnang stattfinden. Wie bei allen Veranstaltungen der vergangenen zwei Wochen war auch dieses Programm mit Bernstein und Dvorák treffend für das Motto des Bodenseefestivals „Variations on America“ ausgewählt. Für die besondere Note, die geforderten „Variationen“, stand der Auftritt der Saxophonistin Grace Kelly, „Young Artist in Residence“.

Gleich in der Ouvertüre zu „Candide“ von Leonard Bernstein waren die Musikerinnen und Musiker der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben (KBO) mit ungewöhnlichen Taktarten gefordert. Sicher leitete GMD Thomas Dorsch aus Lüneburg durch die schnellen Wechsel der Orchestergruppen mit kurzen Melodiefloskeln, forderte vom Gesamtorchester starke percussive Akzente. Vier Minuten fröhliche, unbeschwert heitere Musik mit der großartig reagierenden KBO, die viel zu schnell vorbei waren.

Bandleader Eddie Sauter, einer der ersten, der symphonische Instrumente zur Standard Big Band hinzufügte, komponierte für den legendären Saxophonisten Stan Getz sieben Stücke, die auf dem Album „Focus“ 1961 veröffentlicht wurden. Als der Bostoner Musikprofessor Thomas Oboe Lee gebeten wurde, ein Werk für Grace Kelly und Sinfonieorchester zu komponieren, kam ihm das legendäre Getz-Album wieder in den Sinn. So gab es 2010 die erste Aufführung mit der Wellesley Symphony von „Focus on Grace“.

Vom ersten Ton an begann eine faszinierende musikalische Endeckungsreise mit der jungen amerikanischen Saxophonistin. Zurückhaltend, aber auch im Piano äußerst ausdrucksstark, die ausgeschriebenen Themenvorstellungen, die behutsam mit flüssigen Skalen erweitert wurden. Schön gestützt von dem durchlaufenden, repetierenden Begleitrhythmus des Orchesters und der Combo. Im „Bossa“ glänzte Kelly, über voll klingenden Akkordfolgen der Begleitung, mit freien Improvisationen. Fast endlose melodische Einfälle, Phantasieflüge von grummelnder Tiefe zu grandiosen Spitzentönen, erklangen in einer betörend natürlichen Spielweise.

Mehr gefordert war die KBO bei der Erstaufführung der Orchesterfassung der Eigenkomposition Kellys, „101“, im Arrangement von Geoffrey Keezer. Unterstützt von der hervorragenden Combo mit Julian Pollack (Keyboard), Julia Pederson (Bass) und Ross Pederson (Schlagzeug) bekam der Siebener-Takt seinen leicht vorwärtstreibenden Groove von der „entkrampften“ KBO mit Dirigent Dorsch an der Spitze. Mit schroffen Gegensätzen, schrägen Einwürfen, aber auch lyrischen Duetten mit dem Orchester gestaltete die Solistin auf dem Sopran-Saxophon die emotionalen Hoch- und Tiefschwankungen eines 16jährigen Teenagers. Zu einem emotionalen Moment führte die Zugabe „Trying to figure it out“ mit unter die Haut gehender Stimme.

Die Kammerphilharmonie Oberschwaben-Allgäu hatte vor dem Konzert in einem Festakt ihr 25 jähriges Bestehen gefeiert. (Wir berichten morgen).

Passend zum Festivalmotto hatten sich die Musikerinnen und Musiker die große Sinfonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“ von Antonin Dvorák als Geburtstagsgeschenk gewünscht.

In großer Besetzung, kraftvoll und energiegeladen entstand das Bild des umtriebigen Lebens und Treibens der Weltstadt New York in den beiden Ecksätzen. Markanten Themenvorstellungen der Blechbläsergruppe standen gut abgesetzte, feine Fortführungen der ausgewogenen Streichergruppe gegenüber. Die gesamte Holzbläsergruppe und ihre Solisten glänzten mit selbstbewusstem Auftreten und detailreich aufeinander abgestimmtem Ensembleklang. Dorsch gelang es, trotz der vielen Themen, in prägnanter Kürze den großen Bogen der Gesamtanlage deutlich zu machen. Mit agogischen Übergängen, plastisch herausgearbeiteten Einsätzen, spannenden Einleitungen und breit aufgefächerter Dynamik, alles ohne Partitur, führte der Dirigent sehr engagiert durch das imposante Werk. Ruhig, in langem Bogen erklang das berühmte Englischhorn-Solo im zweiten Satz. Rhythmisch prägnant, schön phrasiert und einheitlich ausmusiziert das Scherzo. Nach dem letzten Themenkopf in den Streichern und Holzbläsern in der Coda des letzten Satzes führte eine feurige Stretta zur langen Fermate, die sich im Piano auflöste.