Zwei markante Werke von Franz Schubert hatte der Kammerchor Tettnang für sein Jahreskonzert in der St. Gallus-Kirche herausgesucht. Zur Einstimmung glänzte die Kammerphilharmonie Bodensee Oberschwaben (KBO) in der Sinfonie Nr. 8 h-Moll mit ihren starken Qualitäten im sinfonischen Bereich. Die „Unvollendete“ mit ihren zwei Sätzen ist heute Schuberts berühmtestes Werk. Vielleicht weil Melodie und Klangfarbe aufs Höchste miteinander verbunden sind. Genau dieser Entwicklung der Melodie aus dem Charakter des jeweiligen Instruments heraus spürte MD Joachim Trost in seiner Interpretation nach. Ob in der leisen Einleitung mit Cello und Kontrabass, der Gesangslinie mit Klarinette und Oboe im Hauptthema, die warmen Umspielungen vom Horn oder die agogische Themenübernahme durch die Violinen, jedes Mal gab Trost genügend Raum für eine freie Entfaltung. Zusammen mit dem ruhigen Tempo, den fein ausmusizierten Übergängen entstand eine Atmosphäre entrückter Schönheit. Aber auch das Unbarmherzige, die Dramatik der im Krisenjahr 1822 entstanden Musik, brachte das KBO im harten Fortissimo, verstärkt mit Trompeten und Posaunen und Pauke, zum Ausdruck. Nach dem wunderschönen Ausschwingen des Einleitungsthemas am Ende des 1. Satzes erklang die Schlussfermate in dezentem an- und abschwellen in reiner gehaltener Stimmung.

Die Es-Dur-Messe entstand im Juli im letzten Lebensjahr Schuberts. Sie ist die längste und größte Messe, von seinen Freunden auch als sein Requiem bezeichnet. Neben den üblichen vier Gesangssolisten kommt noch ein zweiter Tenor hinzu. Bei den Blechbläsern fordert Schubert zwei Hörner, drei Trompeten und drei Posaunen.

Durch die gleiche Anzahl von Frauen -und Männerstimmen bekam das „Kyrie eleison“ einen ruhigen, kompakten, ausgewogenen Gesamtklang. Mit mehr Bewegung führte Trost mit kräftigen „Christe eleison“ Rufen zum ersten melodisch dynamischen Höhepunkt. Mühelos wechselten die hochkonzentrierten Chormitglieder zwischen homophonen und polyphonen Abschnitten im „Gloria“ und im „Credo“. Erstaunlich der einheitliche Ausdruckswechsel von strahlender Lobpreisung zum verinnerlichten Glaubensbekenntnis. Trefflich jeweils von der KBO unterstützt. Bewundernswert, wie der gerade einmal 40köpfige Chor die kräftezehrenden großen Fugen mit deutlichster Deklamation durchhielt. Stimmlich ausgewogen das eingebundene Terzett. Maria Hegele (Sopran), Richard Resch (Tenor) und Nik Kevin Koch (Tenor) legten viel Leidenschaft mit ihren klaren, hellen Stimmen in das „Et incarnatus est“. In feinen dynamischen Abstufungen gab Trost dem „Sanctus“ den Charakter eines demütigen Gebets, um das „Osanna“ mit Koloraturen und strahlender Höhe freudig zu feiern.

Martina Gmeinder (Alt) und Maximilian Lika (Bass) erweiterten die Solisten zum Quartett im „Benedictus“. Gut aufeinander abgestimmt, entstand die etwas nachdenklich geforderte Stimmung. Höhepunkt in Chor und Orchester: das „Agnus Dei“. Ein bedrohliches Viertonmotiv in c-Moll, ständig in irgendeiner Stimme präsent, laut und dissonant, in radikaler Polyphonie und der Einsatz des ganzen Orchesters führten zu einer verzweifelten Klage. Das anschließende „Dona nobis pacem“ fühlte sich in Es-Dur wie eine Erlösung an. Nach nochmaligem kurzem „Agnus Dei“ ein ruhiger Ausklang. Viel reichhaltiger Applaus für den Kammerchor, die Solisten das Orchester und Dirigent Joachim Trost.