Eine vermeintlich harmlose Rangelei unter Jugendlichen war Thema vor dem Amtsgericht in Tettnang. Der Fall von Körperverletzung trug sich in Meckenbeuren zu. Nach mehr als dreieinhalb Stunden endete die Hauptverhandlung mit einem Schuldspruch durch Richter Martin Hussels-Eichhorn.

Bei der Auseinandersetzung am Bahnhofsvorplatz in Meckenbeuren ging es um nicht viel, um ein "Schrottfahrrad", um 10 Euro Schulden – und um ein Täschchen, über dessen Inhalt die Meinungen auseinandergingen. Für einen der Kontrahenten entstand eine lebensbedrohliche Situation, die eine Notoperation im Uniklinikum Ulm erforderlich machte. Ein zum Tatzeitpunkt 18-jähriger junger Mann aus Meckenbeuren, der ohne Rechtsbeistand zur Verhandlung erschienen war, wurde zu einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen à 10 Euro verurteilt und hat die Kosten des Verfahrens zu tragen. Eine "Notwehrsituation" erkannte das Gericht nicht. Sowohl Arianna Büttner als Vertreterin der Jugendgerichtshilfe als auch Staatsanwältin Diana Rupflin sahen keine Reifeverzögerung, sodass Erwachsenenstrafrecht zur Geltung kam.

Zurück zum Nachmittag des 12. Mai 2017: Ein Fahrrad hatte der Angeklagte dem geschädigten 17-Jährigen ausgeliehen, weil dieser in einem Supermarkt in der Nähe des Meckenbeurer Bahnhofs etwas zu essen holen wollte. Dieser ließ seinen Rucksack bei der Clique, kam selbst aber viel später als abgemacht zurück. Das Fahrrad hatte er unverschlossen am Bahnhof stehen lassen. Verärgert marschierte der Angeklagte in Richtung Bahnhof und nahm als "Pfand" ein Täschchen mit, das er im Rucksack des Geschädigten gefunden hatte. Ob sich darin Kopfhörer befanden oder aber ein Döschen mit etwa 0,5 Gramm Marihuana – darüber gingen die Aussagen der beiden jungen Männer auseinander.

Auch zum eigentlichen Tathergang gab es unterschiedliche Aussagen. Der Geschädigte will den Verurteilten zuerst im Schwitzkasten genommen, anschließend aber eindeutig signalisiert haben, den Streit nicht fortsetzen zu wollen, worauf ihn sein Kontrahent aber seinerseits in den Schwitzkasten genommen habe. Der Beschuldigte wiederum behauptete, angegriffen worden zu sein und deshalb in Notwehr als einziger seinen damaligen Kumpel in Schwitzkasten genommen zu haben. Fakt ist, dass beim 17-Jährigen das Gelenk zwischen Schlüsselbein und Brustkasten auskugelte. Wie sich bei der späteren Untersuchung im Tettnanger Krankenhaus herausstellte, war die Gefahr einer lebensbedrohenden Gefäßverletzung so groß, dass man in Tettnang das Operationsrisiko nicht tragen wollte und den Patienten deshalb an die Uniklinik Ulm überwies. Dort konnte die nötige Operation erfolgreich ausgeführt werden. Der Geschädigte wurde nach zwölf Tagen Krankenhausaufenthalt entlassen, befindet sich aber bis heute in ambulanter physiotherapeutischer Behandlung.

"Irgendeiner von euch beiden verscheißert mich", hatte Marin Hussels-Eichhorn im Laufe der Beweisaufnahme gesagt. Wer nun die Wahrheit sagte, das konnte nicht zweifelsfrei festgestellt werden. Auch die Zeugenaussagen eines weiteren "Kumpels" sowie der Mutter des Geschädigten brachten kein weiteres Licht ins Dunkel. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Richter schenkten dem Geschädigten aber mehr Glauben als dem Beschuldigten. Er ist bereits mehrfach aktenkundig, hat bereits diverse Sozialstunden für den Diebstahl eines Fahrrads und den mehrfachen Erwerb von Betäubungsmitteln für den Eigenbedarf abgeleistet und fiel kürzlich durch einen Fahrkartenbetrug, bei dem es um 2,65 Euro ging, auf. Er entschuldigte sich bei seinem Kontrahenten und dessen Eltern. "Ich will mein Leben endlich in den Griff bekommen", sagt er.