"In diesem extrem komplizierten Fall gab es keine Optimallösung", sagte Hussels in seiner Urteilsbegründung. Dass der 19-Jährige all diese Straftaten begangen habe, sei nach der Beweisaufnahme und den Geständnissen klar. "Der Jugendgerichtsbarkeit stehen aber wenig Mittel zur Verfügung, um hier eine langfristige Unterstützung zu ermöglichen", so der Richter. Nachdem der 19-Jährige bereits seit Ende August in Untersuchungshaft sitze, müsse in den restlichen drei Monaten der Haftstrafe "alles Mögliche versucht werden, das Leben dieses jungen Mannes in geregelte Bahnen zu bringen."

Die Vita des 19-Jährigen liest sich wie ein trauriges Drehbuch. Die alkoholkranke Mutter gab ihn wenige Wochen nach der Geburt an ein Mutter-Kind-Projekt, wo er aufwuchs. Zu seiner Schwester und sechs weiteren Halbgeschwistern, die allesamt in Pflegefamilien leben, hat er kaum oder gar keinen Kontakt. Sein Vater wurde kurz nach der Geburt in die Türkei abgeschoben. Schon früh wurden Anzeichen für eine Intelligenzminderung, ADHS und Aggressionsstörungen festgestellt. Sein ehemaliger Pflegevater, der selbst als Zeuge geladen war und den 19-Jährigen angezeigt hatte, nachdem er ihn mit den Worten "Ich stech' dich ab. Ich schwöre, ich stech' dich ab!" bedroht hatte, erzählte aus jüngeren Jahren: "Meine Frau kam mit ihm und seinen Aggressionen irgendwann nicht mehr zurecht, weil er einfach zu groß und zu stark wurde." So wechselte der 19-Jährige ständig von Pflegefamilie zu offener Wohngemeinschaft, in die Obdachlosigkeit, auf die Coach von Kollegen und zurück. Anstelle eines geregelten Tagesablaufs mit wichtigen Medikamenten, um seine Störungen einzudämmen, geriet er, wie er selbst sagte, "in falsche Kreise", in denen Drogen, Alkohol und Bagatelldelikte zum guten Ton gehörten.

So soll er zwei Döner als Mutprobe, eine Geldbörse zum Drogenkauf oder ein paar Klamotten von einem Wäscheständer aus Rache gestohlen haben.

"Wir haben hier ja keinen Berserker, der durch die Stadt läuft und grundlos Menschen angreift oder beleidigt", sagte Staatsanwalt Julian Mayer in seinem Plädoyer, "diesem jungen Menschen muss auf andere Art und Weise geholfen werden, als durch die erzieherische Maßnahme Gefängnis."

Gemeinsam mit seiner gesetzlichen Vertreterin versuchte man die Pflegemutter zu erreichen, ob sie ihn für einen unbestimmten Zeitraum aufnehmen könne. Wohl nur weil sie ablehnte, hob Richter Hussels den Haftbefehl nicht auf und entschied sich für die Mindeststrafe von sechs Monaten ohne Bewährung. "Ich kann nicht verantworten, ihn in eine vollkommen ungewisse Situation zu entlassen."

Der 19-Jährige selbst zeigte Reue auf der Anklagebank: "Ich weiß nicht, wie ich so abstürzen konnte. Ich habe Dinge getan, auf die ich nicht stolz sein kann. Es tut mir wirklich leid."