Tettnang – Mitten im Wald gelegen war der Forstbetriebshof Tannau bislang über die Ortsgrenzen hinaus wohl nur wenigen ein Begriff. Seitdem der Bund der Steuerzahler jüngst die Kostenexplosion beim Bau des Gebäudes in seinem Schwarzbuch rügte und ein RTL-Fernsehteam für den "Schlechtwetterunterstand" extra ins Bodenseehinterland gereist war, hat sich das wohl geändert. Der Bau des Forstbetriebsgebäudes im Wald lief dem Bund der Steuerzahler zufolge aus dem Ruder. "Ursprünglich sollte der Betriebshof Tannau ein Schlechtwetterarbeitsplatz werden, der die Steuerzahler 150 000 Euro kostet. Stattdessen wurde daraus die Luxus-Variante eines multifunktionalen Betriebsgebäudes – für mehr als 611 000 Euro", so der Steuerzahlerbund.

  1. Wie kam es zu dieser Kostenexplosion? Das Landratsamt Bodenseekreis als zuständiger Ansprechpartner der Unteren Forstbehörde im Bodenseekreis macht dazu keine Angaben. Pressesprecher Robert Schwarz erklärt auf Anfrage: "Das Ministerium hat die Kommunikation zu diesem Thema übernommen." Nur so viel könne er sagen, "Planung und Bau fanden in Abstimmung mit der zuständigen Abteilung des Regierungspräsidiums statt". Die Anfrage ans Regierungspräsidium Freiburg blieb unbeantwortet. Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg teilt mit, das Gebäude sei zunächst als Schlechtwetterarbeitsplatz mit einer ersten Kostenschätzung von 150 000 Euro angemeldet worden.
    Im Zuge der konkreten Planung auf örtlicher Ebene habe sich gezeigt, dass ein größerer Funktionsumfang mit dem Gebäude abgedeckt werden sollte. Im Rahmen dieser Planung wurden daher zusätzlich ein Besprechungs- und Sozialraum für die Beschäftigten, Sanitäranlagen, eine zentrale Wildkammer und Lagermöglichkeiten integriert, sodass im Ergebnis ein multifunktionaler Betriebshof konzipiert wurde. Die vom Architekten vorgelegte erweiterte Planung belief sich nach Angaben des Ministeriums auf 472 321 Euro. Hierbei seien die Kosten für Erschließung und Innenausstattung in Höhe von rund 70 000 Euro allerdings noch nicht enthalten gewesen. Insgesamt kamen so Kosten in Höhe von rund 540 000 Euro zusammen. "In der tatsächlichen Bauausführung wurde der erweiterte Planungsansatz dann um rund 15 Prozent überschritten", begründet das Ministerium die Gesamtkosten von 611 000 Euro.
  2. Warum hat das Ministerium nicht früher eingegriffen? Grundsätzlich, so das Ministerium, seien Investitionen in dieser Größenordnung als Einzelprojekt im Zuge der Aufstellung des Wirtschaftsplans Forst BW beim Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz zu beantragen und von dort zu genehmigen. "Im konkreten Fall lag eine solche Genehmigung nicht vor", heißt es dazu aus Stuttgart. Für die Planung, Steuerung und Abwicklung der Bauvorhaben sei der Fachbereich Forstrecht, Liegenschaften und Jagd beim Regierungspräsidium Freiburg in Zusammenarbeit mit den Betriebsteilen bei den Unteren Forstbehörden zuständig.
  3. Aus welchen Töpfen wird die Summe nun bezahlt? Der Forstbetriebshof Tannau wurde vollständig aus betrieblichen Mitteln des Landesbetriebs Forst BW sowie Mitteln des Forstgrundstocks finanziert, erklärt das Ministerium. Die nicht geplanten Ausgaben seien nachträglich durch Kürzungen und Einsparungen an anderer Stelle im Betriebshaushalt vollständig ausgeglichen worden.
  4. Warum braucht ein Gebäude, das als Schlechtwetterarbeitsplatz vorgesehen ist, einen Kamin, Sozialräume und mehr? Bei dem Objekt handle es sich um ein multifunktionales Betriebsgebäude, das in erster Linie folgenden Zwecken dient: Schlechtwetterarbeitsplatz für Forstwirte, Besprechungs- und Sozialraum mit Sanitäranlagen für Forstwirte und Forstbetrieb, zentrale Wildkammer für die Untere Forstbehörde des Bodenseekreises, Lagerraum für Forstgeräte, Betriebsstoffe und Material, Garage für Betriebsfahrzeuge. Im Staatswald der Unteren Forstbehörde Bodenseekreis habe es bisher keine geeigneten Infrastrukturen mit diesen Funktionalitäten gegeben, schreibt das Ministerium. Forst BW benötige solche multifunktionalen Betriebsgebäude, um die nachhaltige Bewirtschaftung des Staatswalds sicherzustellen. Die verschiedenen Funktionen des Gebäudes seien alle – jede für sich – berechtigt und nicht zu beanstanden. Allerdings: "Der bauliche Standard und insbesondere die tatsächlich entstandenen Kosten übersteigen jedoch den für die rein forstbetrieblichen Zwecke üblichen Rahmen."
  5. Wie wird das Gebäude inzwischen genutzt? Das Gebäude wird in erster Linie wie vorgesehen als multifunktionaler Betriebshof für den Forstbetrieb genutzt. Das Ministerium habe außerdem veranlasst, dass dieser auch darüber hinaus zur Verfügung steht, so zum Beispiel für ein verstärktes Waldpädagogikangebot. Der Bodenseekreis bietet auf seiner Internetseite für Klassen und Gruppen Waldpädagogik in Tannau an.
  6. Wurden personelle Konsequenzen gezogen? Das Ministerium hat eigenen Angaben zufolge eine umfassende Prüfung disziplinarischer Konsequenzen auf allen betroffenen Ebenen in die Wege geleitet. Die Verfahren seien noch nicht abgeschlossen.
  7. Wie wollen die Verantwortlichen so etwas künftig verhindern? "Das MLR hat den Vorgang intensiv überprüft und das Ergebnis zum Anlass genommen, Bauprojekte künftig prozessoptimiert abzuwickeln", schreibt das Ministerium dazu. Zu diesem Zweck sei eine Geschäftsprozessoptimierung unter Einbindung der Akteure aller betroffenen Verwaltungsebenen vorgenommen worden. Verantwortlichkeiten, Arbeitsschritte und Informationsflüsse seien hierzu neu geregelt und klar definiert worden. Und weiter heißt es dazu: "Das Verfahren für die Bewirtschaftung der Investitionsbudgets wurde grundlegend überarbeitet, um derartige Vorfälle für die Zukunft auszuschließen. Alle Bauvorhaben werden ab sofort nach diesen neuen, verschärften Regeln bearbeitet."

Gebäude und Gemarkung

  • Das ganz aus dem hellen Holz der Weißtanne gefertigte Forstgebäude in Tannau wurde im Herbst 2015 eingeweiht. Der Entwurf eines Vorarlberger Architekturbüros gewann einen Gestaltungspreis.
  • Außer, dass der Forstbetriebshof Tannau auf der Gemarkung von Tettnang steht, gibt es nach Angaben der Stadtverwaltung Tettnang keine Verknüpfung zur Stadt. Daher sei man weder in der Planung noch Umsetzung sowie auch nicht in Gesprächen über Kosten involviert worden. Man habe daher erst durch die Presse erfahren, dass die geplanten Kosten überschritten worden sind. (wie)