Einen strafrechtlich wie moralisch derben Fall hatte am Montag das Amtsgericht Tettnang zu verhandeln. Auf der Anklagebank saß ein 22-jähriger Mann, der im Herbst 2016 einen 14-Jährigen sexuell missbraucht und genötigt haben soll. Angezeigt wurde der Fall allerdings nicht vom Opfer selbst, sondern kam eher durch Zufall ans Licht. Weil gegen eine Gruppe von Jugendlichen wegen diverser Delikte ermittelt wurde, erwähnte einer der Beteiligten den Vorfall bei seiner Vernehmung. Die Kriminalbeamten gingen der Sache nach und der Tatverdacht verdichtete sich. Der Angeklagte selbst sieht sich als Opfer eines Komplotts. "Die haben sich diese Geschichte nur ausgedacht", erklärte er zu Beginn des Prozesses. Dass das Opfer erst 14 Jahre alt war, davon will der 22-Jährige nichts geahnt haben. "Sie wollen mir doch nicht ernsthaft erzählen, Sie hätten geglaubt, dass die alle über 18 sind", so Richter Martin Hussels-Eichhorn.

An den genauen Tatzeitpunkt konnten sich weder das Opfer, noch seine als Zeugen geladenen Freunde so richtig erinnern. Klar war nur, dass die Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren wieder einmal von zu Hause sowie aus Jugendhilfe-Einrichtungen ausgebüxt waren. In solchen Fällen griffen sie auf die Möglichkeit zurück, beim 22-jährigen Angeklagten in dessen Zimmer in einem Wohnheim in Friedrichshafen übernachten zu können. Dort soll dann auch der eine oder andere Joint gekreist sein. Was am Herbstabend im Jahr 2016 weiter passierte, dies zu schildern, fiel dem 14-jährigen Schüler äußerst schwer. Richter Hussels-Eichhorn setzte die Befragung daher ohne Öffentlichkeit fort. Bestätigt wurden die Schilderungen danach von zwei 16-jährigen Freunden, die nur einen Meter nebenan auf einem Sofa gesessen sein sollen. Eingegriffen hatten sie offenbar nicht, als sich der Angeklagte an ihrem Freund verging. Der Grund wurde auf erschreckende Art und Weise klar: Sie wollten laut Aussagen in einer kühlen Nacht nicht auf der Straße schlafen müssen. Der Angeklagte soll nämlich gedroht haben, sie rauszuwerfen, wenn sein Wunsch nach einer sexuellen Handlung verweigert würde.

Während die Strafverteidigung mit Rechtsanwalt Hubert Mangold aufgrund der nicht eindeutigen Beweislage auf Freispruch plädierte, hielt Oberstaatsanwalt Wolfgang Angster einen Strafrahmen von einem Jahr und vier Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung für angemessen. Beim letztlichen Urteil blieb das Gericht zwei Monate unter dieser Forderung, bestätigte aber sonst die Ansicht der Anklage. "Ich hatte keinen Anlass für Zweifel an den Schilderungen von Opfer und Zeugen, denn für eine fälschliche Belastung gab es kein Motiv", begründete Richter Martin Hussels-Eichhorn seine Entscheidung.

Aufgrund der schwierigen Lebensumstände der vergangenen Jahre und der Aussicht, in Kürze eine berufliche Chance ergreifen zu können, ließ laut Urteilsbegründung eine Strafe an der unteren Kante des für derartige Delikte infrage kommenden Strafrahmen in Betracht kommen. Die Strafe wurde für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, zudem ordnete das Gericht einen Bewährungshelfer sowie 80 Sozialstunden an.