"Ich habe kein Problem damit, dass die anderen Männer sind", sagt die Stettener Narrenpolizistin über ihre uniformierten Kollegen im Alemannischen Narrenring (ANR). Umgekehrt sei das genauso. "Sie ist die einzige Bütteline", bestätigt August Reichle als Präsident und Narrenmeister. Sonst seien die Frauen eher bei den Narreneltern aktiv, in der kleinen Bodenseegemeinde Stetten sei das anders.

Ihre Utensilien für die neue Fasnetsaison sind schon gerichtet.
Ihre Utensilien für die neue Fasnetsaison sind schon gerichtet. | Bild: Martina Wolters

Ob ein närrischer Nachfahre der ehemaligen Dorfpolizei grundsätzlich ein Mann oder eine Frau sein soll, darüber gibt es laut Reichle keine Regelungen innerhalb des Verbands. "Da herrscht buchstäblich Narrenfreiheit", sagt er. Außer bei der einen oder anderen Zunft werde das intern anders gehandhabt. Für den ANR-Präsidenten spielt es keine Rolle, ob eine Frau oder ein Mann in der Polizistenuniform steckt. Er sieht das nach eigener Aussage "wertneutral". Dass Christa Müller in Stetten die fünfte Jahreszeit einläutet, Schüler befreit und den Bürgermeister entmachtet, findet er gut. Der Narrenmeister meint sogar, eine "Entwicklung" hin zu mehr Frauenpower innerhalb der Fastnachtsämter festzustellen. "Vielleicht stellen wir in fünf Jahren fest, dass Frau Müller Vorreiterin war", sagt er und kann sich durchaus mehr närrische Polizistinnen an der Fastnachtsspitze vorstellen.

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Derzeit ist die 56-jährige Stettenerin allerdings noch die Einzige. Zu ihrem Amt ist sie ganz zufällig gekommen. Weil der amtierende Büttel am Fastnachtsdonnerstag im Jahr 1985 nicht zur Stelle gewesen sei, habe Hilde Brunner Polizistenkappe und Schelle aus ihrem Korb geholt. "Ruckzuck hatte ich diese Mütze auf und die Schelle in der Hand", erinnert sich Müller und spricht ob ihrer Begeisterung von einer "Fügung".

33 Mal im Häs einer Dorfpolizistin aufgetreten

33 Mal ist sie seitdem im Häs einer Dorfpolizistin aufgetreten. Einmal musste ihr Ehemann Anton sie seither vertreten, damit sie selber zu Hause bleiben und ihren zweiten Sohn stillen konnte. Das sei "kein Problem" gewesen in einer Familie, die von jeher ab Fettdonnerstag bis Fastnachtsdienstag höchst närrisch unterwegs sei.

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Den Schmotzigen Duntschdig bezeichnet die begeisterte Närrin als "höchsten Feiertag". Besonders der Narrensamen liegt ihr am Herzen. Für die Kindergarten- und Schulkinderbefreiung füllt sie im Vorfeld extra eine "Schatzkiste" mit Luftballons, Keksen, Haargummis oder Bonbons. Die werde von einem Waldgeist der Narrengemeinschaft Hasle-Maale verwaltet und am Ende dürfe jedes Kind hineingreifen. Müller findet es "absolut herrlich", fröhliche Kinder an der Dorffasnet zu erleben und die dörfliche Fastnachtstradition zu erhalten.

Außerhalb der Fasnet führt Christa Müller zusammen mit Ehemann Anton einen Gemüseanbau mit Hofladen in Stetten.
Außerhalb der Fasnet führt Christa Müller zusammen mit Ehemann Anton einen Gemüseanbau mit Hofladen in Stetten. | Bild: Martina Wolters

In ihrer Polizistenrolle geht die Bioland-Gemüsebäuerin offensichtlich auf. Jedes Jahr verändert sie ihr Outfit ein bisschen, wie sie erzählt. Mal trägt sie einen Fantasie-Schmetterling auf der Schulter, mal zieht sie eine Plastikente auf Rollen hinter sich her. Sogar eine eigene, handgeschliffene Schelle hat sie sich geleistet. Wegen des "wahnsinnig schönen Klangs", erklärt Müller. Den früheren Säbel hat die Narrenpolizistin ganz abgeschafft. Der sei "unkommod" gewesen. Ihre vormals schwarze Kluft hat sie gegen eine weiblichere eingetauscht. Vor ein paar Jahren habe sie beschlossen, eine rote, taillierte Jacke zu weißer Hose zu tragen. "Das ist fraulicher und darf auch so sein", unterstreicht sie.

Blick in die Nachbarschaft: "Die Männerdomäne der Narrenpolizisten ist schon lange gefallen"

Rainer Hespeler, Präsident der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee, berichtet: "Die Männerdomäne der Narrenpolizisten ist in unserer Narrenvereinigung schon lange gefallen." Bei der Zunftmeistertagung in Gaienhofen habe er eine über 80-jährige Närrin von der Fuchszunft Menningen in den Stand einer Oberistin erheben dürfen. Es handelt sich dabei um Rosel Molz, die noch heute in Meßkirch-Menningen lebt und mit dieser hohen Auszeichnung geehrt wurde.

Renate Hermann, Schreiberin der Narrenvereinigung, sagt über Rosel Molz: "Sie hat aus Not vor 36 Jahren das Amt der Narrenpolizei übernommen, ist ins Häs geschlupft und hat bei den Umzügen die Grafschaft Fuchsbühl zu Menningen, also die Fuchszunft mit ihrer Schelle angeführt." Für den Gründungspräsidenten der Narrenvereinigung, Heinrich Rehm, sei das damals eine Besonderheit gewesen, Molz als Narrenbolizei zu entdecken.

Rosel Molz aus Meßkirch-Menningen war 19 Jahre Narrenbolizei bei der Fuchszunft. Ihr erstes Häs nähte die heute 82-Jährige selbst.
Rosel Molz aus Meßkirch-Menningen war 19 Jahre Narrenbolizei bei der Fuchszunft. Ihr erstes Häs nähte die heute 82-Jährige selbst. | Bild: privat

Rehm habe gemeint: "Mädle, wer hot au die so fortgschickt? Wenn de hoim kunnscht, sagsch deim Vorstand, er soll dir e anderes Bolizei-Häs mache lau." Sie hatte damals in der Schnelle ein Feuerwehrhäs angezogen. Molz, die noch heute mit 82 Jahren die Fuchshäser in der Zunft näht, hat sich im Jahr 1983 dann selber ein Bolizei-Häs genäht, das sie anschließend der Fuchszunft schenkte.

"Aus Not wurde Leidenschaft. Sie war dann 19 Jahre Narrenbolizei in Menningen", sagt Schreiberin Renate Hermann. "Seither hatten wir immer wieder etliche Damen in solchen Funktionen", fügt Präsident Rainer Hespeler hinzu. Auch zurzeit dürften in den 120 Mitgliedszünften der Narrenvereinigung etwa zehn Narrenpolizistinnen unterwegs sein, meint der Präsident. Ähnliches gelte für Zunftmeisterinnen: "Jede fünfte Zunft bei uns hat eine weibliche Chefin."

Es geht auch ohne Frauenquote

Im Präsidium seien fünf von 15 Stellen mit Kolleginnen besetzt. Jüngst sei im 60. Jahr der Vereinigung auch die erste Landvögtin gewählt worden; in der Landschaft Rosenegg, weiß Renate Hermann zu berichten. Präsident Rainer Hespeler sagt: "Und das ohne vorgeschriebene Frauenquote. Das alles stellt aus meiner Sicht überhaupt kein Problem dar. Die Damen stehen in den Zünften genauso ihren 'Mann' wie ihre männlichen Kollegen."

Schreiberin Renate Hermann sagt: "Selbstverständlich sind wir begeistert von unseren Narrenbolizisten. Ob darin eine Frau oder ein Mann steckt, ist völlig unerheblich, denn Fastnacht kommt aus dem Herzen." Sicher sei es früher eher ein Männerhäs gewesen, "aber wir sind doch längst in einer Zeit angekommen, da Frauen auch großartige Fastnacht machen und auch wesentlich mitorgansieren".

Volker Gegg, Pressereferent der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), erinnert sich noch daran, wie es war, als die erste Frau ins VSAN-Präsidium gewählt wurde. Gegg: "Legendär." In den 68 Narrenzünften, die der Vereinigung angehören, gibt es zwei Zunftmeisterinnen. Laut Gegg wurden sie in den vergangenen Jahren in ihre Ämter gewählt. Manche Abteilungen innerhalb der Zünfte hätten es, dass nur Frauen oder Männer Mitglieder sein könnten, sagt Gegg. Eine Regel, dass die Narrenpolizei ausschließlich männlich sein müsste, gibt es ihm zufolge aber nicht. Trotzdem weiß er bislang nicht von einer Narrenpolizistin innerhalb der Vereinigung zu berichten.

Siegfried Burgermeister, Präsident des Verbands Alb-Bodensee – oberschwäbischer Narrenvereine (VAN), hat nach eigenen Angaben noch nie eine Frau als Narrenpolizistin gesehen. 56 Zünfte sind im VAN organisiert. Darunter seien sieben Zünfte, die auch eine Narrenpolizei hätten, sagt der VAN-Präsident. Burgermeister zufolge sind diese alle männlich. Narrenpolizeien seien in Zünften, die nach 1985 gegründet worden, unüblich. Meist seien dies Zünfte mit einer einzigen Maskengruppe, sagt Burgermeister, beispielsweise Hexengruppen. Zünfte mit einem Alter ab 50 Jahren hätten dagegen fast alle Narrenpolizeien und Elferräte. In Immenstaad gebe es auch ein Prinzenpaar, so Burgermeister. Das seien Elemente aus dem Karneval und nicht schwäbisch-allemannisch. Im VAN würden sie dennoch geduldet. "Bei allen Regeln muss man noch Fastnacht feiern", sagt Burgermeister.