Wer schon einmal von Ittendorf her die Stettener Hauptstraße entlanggefahren ist, dem ist neben dem fest installierten Blitzer zum Ortsende hin sicher schon die etwas nach hinten versetzte Zehntscheuer ins Auge gefallen. Siegfried Serden und seine Ehefrau leben im zugehörigen Anwesen. In mühevoller Kleinarbeit haben sie unter Aufsicht des Landesdenkmalamts die 1985 zum Kulturdenkmal erhobene Scheuer wieder hergerichtet.

Bis 2013 legte der 78-Jährige selbst Hand an

Da gab es viel zu tun: Vom Dach über die Außenfassade bis hin zu den im Laufe der Arbeiten wiederentdeckten Wandmalereien hat sich Serden seit 2005 vorgearbeitet. Bis vor fünf Jahren legte der heute 78-Jährige immer wieder selbst Hand an. 1500 Stunden wurden ihm von der Denkmalbehörde anerkannt und mit 6 Euro pro Stunde vergütet. Doch in Wirklichkeit hat er viel mehr Zeit in das historische Gebäude investiert.

Stolz weisen Inge und Siegfried Serden auf die bei Malerarbeiten entdeckte Jahreszahl 1650 im linken Gefach oberhalb des Scheunentors hin.
Stolz weisen Inge und Siegfried Serden auf die bei Malerarbeiten entdeckte Jahreszahl 1650 im linken Gefach oberhalb des Scheunentors hin. | Bild: Martina Wolters

Mit dem Ergebnis sind sowohl er uns seine Familie als auch der Denkmalschutz höchst zufrieden. Das Fachwerk erstrahlt in neuem Glanz, ebenso die Malereien oberhalb des Scheunentors, die während der Restauration gefunden worden waren. Stolz weisen die Serdens auf die Jahreszahl hin, die inmitten der zierlich aufgemalten Ähren und Blüten bei der Restauration auftauchte. Derzufolge ist die Scheune 1650 entstanden, zwei Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs.

"1969 wildromantisch mit zwei Meter hohen Brennnesseln"

So sah die Zehntscheuer vor ihrer Restaurierung aus.
So sah die Zehntscheuer vor ihrer Restaurierung aus. | Bild: privat

"Als wir den stillgelegten Hof im Jahr 1969 kauften, war das noch wildromantisch hier mit zwei Meter hohen Brennnesseln", erinnert sich Siegfried Serden schmunzelnd. Doch von Anfang an sei er von dem Gebäudekomplex angetan gewesen. Serden erzählt, der damalige Stettener Ratsschreiber habe ihn gefragt, ob er überhaupt wisse, was er da kaufe. Es handle sich um eine ehemalige fürstbischöfliche Hofstelle der Konstanzer Fürstbischöfe und den zugehörigen Naturalienspeicher, habe der Schreiber versichert.

Fachleute für Restauration aus Meersburg am Werk

Aus diesem Grund, aber auch, weil es sich um eine der wenigen Hofstellen am Ort handle, hat Serden in das Landgut investiert. Fachliche Anleitung kam vonseiten des Landesdenkmalamts. Meersburger Fachleute der Restauration, wie die Zimmerei Sebastian Schmäh, der Architekt Norbert Zepf, der Stuckateurbetrieb Pfau und die Malerfirma Kopp, übernahmen laut Serden wichtige Aufgaben bei der Sanierung der Scheuer.

Siegfried Serden hat alle Arbeiten an der historischen Scheuer dokumentiert.
Siegfried Serden hat alle Arbeiten an der historischen Scheuer dokumentiert. | Bild: Martina Wolters

Serden beschloss, beim maroden Dach der historischen Scheune anzufangen und sich Stück für Stück nach unten vorzuarbeiten. "Nur so war gewährleistet, dass das Gebäude trocken ist und weitere Arbeiten nicht durch eventuell eindringende Nässe zerstört werden", erläutert der gelernte Maschinenbauer. Verfaulte Dachsparren wurden ersetzt, der Dachboden wurde neu verlegt. Die originale Lehmwickeldecke über der intakten Fruchtschütte konnte erhalten werden.

Konzilsgebäude liefert Vorbild für Dachziegel

Zunächst hatte das Denkmalamt gegen den Willen Serdens darauf bestanden, die alten Dachziegel wieder zu benutzen. Weil Serden bei einem Segelausflug nach Konstanz feststellte, dass bei der dortigen Sanierung des Konzilgebäudes sehr wohl neue Ziegel verarbeitet wurden, und zwar bunt geflammte Wellenbiber, bat er kurzerhand um Ziegelproben und überzeugte damit schließlich die Denkmalschutzbehörde. "Zwei Wochen habe ich auf dem Bauch gelegen", erinnert er sich an das Ausmauern, Säubern und Wiedereinsetzen von Mönch- und Nonnenziegeln, die zwischen den Sparren beibehalten wurden.

Gern zeigt Siegfried Serden die kleinen Details der Sanierung, an die er selbst Hand angelegt hat, wie beispielsweise die selbstgeschmiedeten Fenster- und Torriegel.
Gern zeigt Siegfried Serden die kleinen Details der Sanierung, an die er selbst Hand angelegt hat, wie beispielsweise die selbstgeschmiedeten Fenster- und Torriegel. | Bild: Martina Wolters

Selbst tätig war Serden auch beim Wiederherstellen abgefaulter Schwellenschlössern, die er vor dem Neueinsetzen mit der Motorsäge 60 Zentimeter tief ausfräsen musste. Auch das Schmieden der Scheunentorbeschläge geht auf sein Konto. Überhaupt sei die ganze Familie nebst Enkel im Einsatz gewesen, resümiert der Stettener. Obwohl die Sanierung viel Arbeit machte, sei er zufrieden mit dem Geleisteten, sagt Siegfried Serden. "Es hat Spaß gemacht und was herausgekommen ist, kann sich sehen lassen."

Früher war die Zehntscheuer ein Speicher, um Steuerabgaben in Form von Naturalien aufzubewahren. Heute dient sie als Bootabstellplatz. Manchmal beherbergt sie auch bis zu 120 Gäste anlässlich von Hochzeiten oder Geburtstagen.
Früher war die Zehntscheuer ein Speicher, um Steuerabgaben in Form von Naturalien aufzubewahren. Heute dient sie als Bootabstellplatz. Manchmal beherbergt sie auch bis zu 120 Gäste anlässlich von Hochzeiten oder Geburtstagen. | Bild: Martina Wolters

Einen Traum hat der 78-jährige Hausherr aber noch: In der alten Fruchtschütte möchte er ein kleines Museum einrichten und darin seine Sammlung von alten Schmiedewerkzeugen und Weinbaugeräten ausstellen.

Die Zehntscheuer früher und heute

Seit dem Altertum über das Mittelalter bis in die Neuzeit waren Abgaben an Kirche, König oder Grundherren üblich. Diese zehnprozentige Steuer in Form von Naturalien oder Geld wurde als Zehnt bezeichnet. Die Zehntscheuer diente dazu, diese eingetriebenen Ernteerträge einzulagern.

Die Stettener Zehntscheuer im Privatbesitz der Familie Serden dient aktuell als Unterstand für Boote und alte Traktoren. Außerdem wird sie hin und wieder als privater Festsaal für rund 120 Menschen genutzt, beispielsweise bei Hochzeiten und Geburtstagsfeiern innerhalb der Familie. In der Fruchtschütte befindet sich, in Kisten verpackt, eine komplette Schmiedeeinrichtung. Diese und historisches Gerät zum Weinbau sollen zu einem späteren Zeitpunkt Grundlage für ein kleines Museum werden.

Zwei Holunderbüsche, die Serdens an der Südost- und der Westseite des Gebäudes gepflanzt haben, sollen Blitz, Hagel und Unheil fernhalten. Dass Holunder davor bewahrt, ist ein alter Mythos. Von den Reben, die das Haus einrahmen, erntet Siegfried Serden rote Trauben. Daraus entstehen jährlich rund 60 Liter Hauswein mit eigenem Etikett: "Serden's Zehntscheuer Rot-Cuveé".