Der Wasserstand des Bodensees sinkt und auch die Quagga-Muschel behindert zunehmend die Wasserentnahme der Bodensee-Wasserversorgung in Sipplingen. Aus beiden Gründen sieht sich das größte Fernwasserunternehmen Deutschlands aufgerufen, in den kommenden 15 Jahren rund 360 Millionen Euro in Sipplingen zu investieren. Durch den Bau von zwei neuen Wasserwerken und einer Komplettsanierung des bestehenden Wasserwerkes in Süßenmühle soll die Versorgung von rund vier Millionen Menschen mit Trinkwasser für die kommenden Jahrzehnte sichergestellt werden. Im Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung sind 320 Kommunen Baden-Württembergs zusammengeschlossen.

Bisher liegt die Entnahmestelle der Bodensee-Wasserversorgung östlich von Sipplingen. Nun soll eine zweite im Westen, Richtung Ludwigshafen, entstehen.
Bisher liegt die Entnahmestelle der Bodensee-Wasserversorgung östlich von Sipplingen. Nun soll eine zweite im Westen, Richtung Ludwigshafen, entstehen. | Bild: SÜDKURIER-Grafik Müller

Erster Spatenstich soll 2023/24 erfolgen

Auf die Bodenseegemeinde Sipplingen kommen damit große Änderungen zu: Die Bodensee-Wasserversorgung (BWV) will auf dem Gebiet der Kommune neben dem bereits bestehenden Wasserwerk ein weiteres Wasserwerk mit voneinander unabhängigen Entnahmeleitungen bauen. Das existierende Wasserwerk soll umfassend erneuert werden. Zudem soll im Gewann Pfaffental an der Grenze zu Bodman-Ludwigshafen (und damit zum Kreis Konstanz) ein weiteres Wasserwerk entstehen. Der technische Geschäftsführer der BWV, Christoph Jeromin, im SÜDKURIER-Gespräch: „Wir hoffen 2022 die Entwurfsplanung und eine darauf basierende exakte Kostenberechnungen vorlegen zu können. 2023/2024 sollte dann der erste Spatenstich erfolgen.“ Die BWV geht von einer zehnjährigen Bauzeit aus.

Ein Längsschnitt durch das vom Bodenseeufer aus ansteigende Geländeprofil. Zwischen neuer Entnahmestelle und dem Wasserwerk hoch auf dem Sipplinger Berg werden unterirdische Druckleitungen verlegt.
Ein Längsschnitt durch das vom Bodenseeufer aus ansteigende Geländeprofil. Zwischen neuer Entnahmestelle und dem Wasserwerk hoch auf dem Sipplinger Berg werden unterirdische Druckleitungen verlegt. | Bild: SÜDKURIER-Grafik Müller

Bestehende Anlagen erreichen ihre Altersgrenze

Durch den Einsatz moderner Filtertechnik in allen drei Wasserwerken soll den massiven Problemen begegnet werden, die durch die sich seit 2016 im Bodensee schnell ausbreitende Quagga-Muschel hervorgerufen werden. Zudem nähere sich die in Süßenmühle bestehende Anlage nach über 60 Betriebsjahren ihrer Altersgrenze und müsse ersetzt oder erneuert werden, heißt es.

Das Pumpwerk der Bodenseewasserversorgung in Sipplingen. Insbesonders hier setzt die Quaggamuschel der Technik zu, die BWV musste zusätzliches Personal einstellen, um die Muscheln zu beseitigen. Nach 60 Jahren kommt die Technik langsam in die Jahre.
Das Pumpwerk der Bodenseewasserversorgung in Sipplingen. Insbesonders hier setzt die Quaggamuschel der Technik zu, die BWV musste zusätzliches Personal einstellen, um die Muscheln zu beseitigen. Nach 60 Jahren kommt die Technik langsam in die Jahre. | Bild: Patrick Seeger

Wasserspiegel über Entnahmestelle braucht Mindesthöhe

Vor allem der sinkende Wasserspiegel des Bodensees bereitet den Experten der Bodensee-Wasserversorgung Kopfzerbrechen. Er bewegt sich seit vielen Jahren eher am unteren Limit der Pegelstände, die einst Grundlage der technischen Auslegung des bestehenden Wasserwerkes in Süßenmühle waren. Pumpen bringen das Wasser durch Druckleitungen auf den Sipplinger Berg, wo es aufbereitet und dann weiter verteilt wird. Um diesen Pumpen genügend Wasser aus dem Bodensee zuführen zu können, muss die Wassersäule über der Entnahmestelle eine Mindesthöhe und damit ein Mindestgewicht haben. Andernfalls funktioniert das System der kommunizierenden Röhren nicht mehr. Mit anderen Worten: Der Wasserspiegel des Bodensees darf über den rund 60 Meter tief gelegenen Entnahmestellen nicht weiter absinken, andernfalls ist die Zulieferung des Wassers an die Pumpen und dadurch die Versorgung von rund vier Millionen Bürgern mit Trinkwasser aus dem Bodensee gefährdet.

Die jetzige Entnahmestelle vor Sipplingen, die im Hintergrund zu sehen ist. Eine Boje markiert das Wasserschutzgebiet. Dieses Foto entstand von einem Boot der Wasserschutzpolizei aus.
Die jetzige Entnahmestelle vor Sipplingen, die im Hintergrund zu sehen ist. Eine Boje markiert das Wasserschutzgebiet. Dieses Foto entstand von einem Boot der Wasserschutzpolizei aus. | Bild: Martin Baur

Ursache für sinkenden Wasserspiegel ist der Klimawandel

Bei der Planung der Anlage vor über 60 Jahren hatten die Ingenieure ihren Berechnungen Zahlen zugrunde gelegt, die auf bis zum Jahr 1850 zurückreichenden Messungen basierten. Doch der Klimawandel macht den Ingenieuren heute einen Strich durch ihre Rechnung. Nur durch einen Um- beziehungsweise Neubau der Wasserwerke könne die Bodensee-Wasserversorgung dieser Entwicklung Rechnung tragen. Die Entnahmestellen sollen tiefer gelegt und auf drei unabhängig voneinander arbeitende Wasserwerke verteilen werden.

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Entnahmemenge soll nicht erhöht werden

Dabei ist nicht daran gedacht, mehr Wasser aus dem Bodensee zu entnehmen. Gegenwärtig entziehen 16 Wasserwerke rund um den Bodensee pro Sekunde sechs Kubikmeter Wasser dem See, davon vier Kubikmeter die Bodensee-Wasserversorgung. „Zusammen entnehmen alle Wasserwerke zusammen dem Bodensee zwei Prozent des Wassers, das der Rhein auf der einen Seite in den Bodensee hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus leitet“, heißt es von der Bodensee-Wasserversorgung. Es gehe nicht darum, die Entnahme der Wassermenge durch drei Wasserwerke zu erhöhen, betont Christoph Jeromin, sondern darum sicherzustellen, dass auch zukünftig die 320 im Zweckverband zusammen geschlossenen Kommunen mit dem ihnen zustehenden Trinkwasser versorgt werden könnten. Jeromin weiß, dass es eine Vielzahl von Kommunen im Land Baden-Württemberg gibt, die sich gerne dem Zweckverband anschließen und vom Bodenseewasser profitieren würden. Doch BWV-Vorsitzender Jürgen Zieger hatte unlängst im SÜDKURIER diesem Ansinnen eine klare Absage erteilt und erklärt: „Kommunen haben derzeit keine Möglichkeit auf Aufnahme im Zweckverband.“

Schon morgens um 10 Uhr gut besucht: Das Informationszelt der Bodensee-Wasserversorgung, in dem Mitarbeiter das Projekt Zukunftsquelle vorstellten.
Schon morgens um 10 Uhr gut besucht: Das Informationszelt der Bodensee-Wasserversorgung, in dem Mitarbeiter das Projekt Zukunftsquelle vorstellten. | Bild: Michael Schnurr

Planung in „sensiblem und geschütztem Gebiet“

Das Großprojekt der Bodensee-Wasserversorgung mit dem wohlklingenden Namen „Zukunftsquelle – Wasser für Generationen“ wurde jetzt der Öffentlichkeit im Wasserwerk Süßenmühle vorgestellt. 300 Besucher fanden den Weg dorthin. Sie wurden an Schautafeln, mit Videoinstallationen und in persönlichen Gesprächen ausführlich über das Vorhaben informiert. Die BWV ist sich bewusst, dass ihr Bauvorhaben im Pfaffental exponiert ist. „In dieser Lage eine Baugenehmigung zu erhalten, ist schon etwas ganz Besonderes“, betonte Christoph Jeromin. Und BWV-Chef Zieger erklärte in einer Pressemitteilung: „Wir sind uns bewusst, dass wir in einem sensiblen und geschützten Gebiet planen.“ Man sei mit den Behörden und Naturschutzverbänden, aber auch mit den Anliegern und anderen Betroffenen in einer intensiven Abstimmung. Im Herbst dieses Jahres soll die Umweltverträglichkeitsprüfung beginnen, weitere Verfahren seien angestoßen oder in Vorbereitung.

Groß dimensionierte Druckleitungen fördern das Wasser von der Entnahmestelle in 60 Metern Wassertiefe hoch ins Quellwerk auf den Sipplinger Berg.
Groß dimensionierte Druckleitungen fördern das Wasser von der Entnahmestelle in 60 Metern Wassertiefe hoch ins Quellwerk auf den Sipplinger Berg. | Bild: Martin Baur

Los geht es mit neuem Wasserwerk Pfaffental

Am Seeufer sollen in Höhe des Pfaffentals neue Gebäude entstehen, Steigleitungen müssen in Tunneln hoch zum Haldenhof und von dort weiter unterirdisch zum Sipplinger Berg verlegt werden. Zuerst soll das neue Wasserwerk im Pfaffental gebaut und in Betrieb genommen werden, um die Wasserversorgung durchgehend zu gewährleisten. Dann soll der Um- und Neubauten in Süßenmühle beginnen.

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Aktuelle Vorsorge für Niedrigwasserstände

Was aber, wenn bis zur Fertigstellung der neuen Anlagen schon der „Ernstfall“ eintritt und plötzlich nicht mehr genügend Wasser zum Sipplinger Berg gepumpt werden kann: „Wir sorgen vor“, erklärt Jeromin und deutet aus dem Fenster in Süßenmühle. Dort entsteht gegenwärtig ein Vorhebepumpwerk, mit dem die BWV den Wasserspiegel künstlich anhebt, um die Niedrigwasserstände und die durch die Quagga-Muscheln hervorgerufenen Einschränkungen hydraulisch auszugleichen. Kostenpunkt: 5 Millionen Euro und Beleg dafür, wie ernst die Bodensee-Wasserversorgung die Lage am Bodensee eingeschätzt.