Ist ein Salutschießen zu Ehren Gottes heute noch gefragt? Stellt es ein geeignetes Mittel dar, um Frieden und Gerechtigkeit zu würdigen und auf Rassismus aufmerksam zu machen? Oder ist ein Salutschuss für die weltweit Corona-Verstorbenen gar ein Anachronismus? Jedenfalls scheint die Tradition der Sipplinger Bürgermiliz, die anlässlich des Fronleichnams regelmäßig aus ihren alten Vorderladern drei Ehrensalven abgibt, nicht bei jedem auf Zustimmung zu stoßen.

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Was ist geschehen? Seit Jahrzehnten ist die Gemeinde für ihren 800 Meter langen Blütenteppich zum Fronleichnamsfest bekannt, der in diesem Jahr aufgrund der Corona-Krise aber nicht gelegt werden konnte. Der Pandemie zum Opfer fielen auch Prozession, Parade und Platzkonzert der Bürgermiliz. Diese ließ es sich aber nicht nehmen, aus Tradition drei Schüsse nach der sonntäglichen Heiligen Messe abzugeben: in diesem Jahr zur Ehre Gottes, für Frieden und Gerechtigkeit sowie gegen Rassismus und in Andenken an die weltweit an Corona Verstorbenen und die Helfer in der Pandemie.

Fronleichnamsfest „nicht in traditioneller Weise“

Das alles kritisiert ein Sipplinger Bürger. In einem Leserbrief teilt er sein Erstaunen mit, dass das Schießen stattgefunden habe, weil die Fronleichnams-Prozession als Veranstaltung abgesagt worden sei. Dies hatte die Gemeindeverwaltung mitgeteilt, allerdings war nichts über die Ersatzveranstaltung aufzufinden gewesen. Adrian Staiger, Hauptmann und Kommandant der Bürgermiliz, ließ verlauten, dass das Fest „nicht in traditioneller Weise“ stattfinden könne. Will heißen: Dass es nicht restlos abgesagt ist.

Vor Ort verwies die Bürgermiliz gegenüber einer aufgebrachten Bürgerin darauf, dass das Schießen an Fronleichnam Brauchtum sei – „ein Selbstverständnis, was mich befremdet“, so der Leserbriefschreiber. Für ihn sei Brauchtum kein Argument, behördliche Bestimmungen und genehmigungspflichtige Veranstaltungen insbesondere zu Covid-19 Zeiten zu ignorieren und Veranstaltungen abzuhalten.

Wurden die Abstandsregeln nicht eingehalten?

Der Leserbriefschreiber argumentiert in Bezug auf die Corona-Bestimmungen, dass die Mindestabstandsregelung für die Dauer der Ersatzveranstaltung nicht durchgängig und konsequent eingehalten worden sei. Anderer Meinung zeigt sich Bürgermeister Oliver Gortat, gleichzeitig Vorsitzender der Bürgermiliz: Die Mindestabstände seien jederzeit eingehalten worden. Das habe ihm Kommandant Adrian Staiger bestätigt – und dieser wiederum gegenüber dem SÜDKURIER.

„Lediglich einmal soll ein kurzes Familienfoto mit Mitgliedern der Bürgermiliz aus einer Familie entstanden sein, wo kurz die Mindestabstände unterschritten wurden“, teilt der Rathauschef mit. Er weist aber auch darauf hin, dass dies entsprechend der Corona-Verordnung erlaubt ist. Gortat, der an diesem Tag nicht vor Ort war, sagt weiter, dass Salutschießen sei zwischen Adrian Staiger und dem katholischen Pfarrer József Biró abgeklärt gewesen. Eine Anmeldung bei der Gemeinde diesbezüglich habe es aber nicht gegeben. Und stellt fest, dass die Begleitung des Fronleichnam-Gottesdienstes in Sipplingen durch die Bürgermiliz schon jahrelang erfolge – so auch in diesem Jahr.

Leser schlägt vor, niederzuknien anstatt zu schießen

Der Bürger zweifelt daran, ob Schießen überhaupt ein geeignetes Mittel sei, das Thema „Frieden und Gerechtigkeit sowie gegen Rassismus“ entsprechend zu würdigen. Als eine angemessene Würdigung empfiehlt er vielmehr ein Niederknien für acht Minuten und 46 Sekunden: Das ist die Zeitspanne, die dem US-Amerikaner George Floyd blieb, bis er nach einem Kniedruck auf seine Halsschlagader durch einen Polizisten das Bewusstsein und schließlich sein Leben verlor.

Gar für einen Anachronismus hält er einen Salutschuss für die weltweit an Corona Verstorbenen und zur Ehrerweisung der Helfer im Rahmen der Pandemie. Besser wäre es gewesen, zu prüfen, welche Hilfe gerade in Risikogruppen benötigt würde, und diesen Menschen für einen Tag beispielsweise die Einkäufe oder sonstige Besorgungen zu übernehmen.

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Und mit einem Salutschuss zur Ehre Gottes hadert der Bürger bereits seit Jahren. Aus seiner Sicht könne auf ein diesbezügliches Salutschießen künftig verzichtet werden. Eine Verbindung von Salutschüssen mit dem Fronleichnamsfest erschließt sich ihm nicht. „Offenbar“, so folgert der Leserbriefschreiber, „braucht die Bürgermiliz zu Fronleichnam auch gar keine kirchliche Prozession, um ein Schießen zu rechtfertigen“.

Weshalb sich ihm dann auch die Frage stellt, ob zukünftige Prozessionen zu Fronleichnam solche Salutschüsse überhaupt benötigen – oder ersatzlos gestrichen werden sollten. Der katholischen Pfarrgemeinde Sipplingen empfiehlt er, das Salutschießen zu Ehren Gottes zu hinterfragen „und eine bewusste Entscheidung herbeizuführen, ob eine solche Maßnahme weiterhin als angemessen erachtet wird oder nicht“.

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