Wo andere nur Holzabfälle und Schrott sehen, erblickt Christian Scheel Gebirgszüge, Felsenstädte und verborgene Schätze. Besitzt der 79-jährige Künstler eine blühende Fantasie? Das vielleicht auch. Vor allem aber verfügt er als langjähriger Grafikdesigner über ein geschultes Auge und den Sinn fürs Wesentliche. In einer Ausstellung mit dem Titel „Alles wächst und vergeht“ wird der Wahl-Sipplinger Scheel in der Überlinger Galerie Gunzoburg vom 5. bis 26. September eine Auswahl seiner Werke zeigen: Digigrafien, Collagen, Frottagen und Objekte.

Bereits das Ausstellungsplakat setzt den Titel der Schau perfekt ins Bild: Es zeigt eine Kombination von Foto- und Objektkunst. Die abgebildete Skulptur, die auf einer Metallplinthe befestigt ist, besteht aus einem gespaltenen Stück Nadelbaum mit ungewöhnlichem Kernholz, das aussieht wie ein knorriger Miniaturstamm. Und aus ihm „wächst“ der Mittlere einer Reihe von Bäumen, die auf der darüber liegenden Fotografie abgelichtet sind.

Christian Scheel mit seinem Objekt „Zentralversorgung“, das auch auf dem Ausstellungsplakat zu sehen ist.
Christian Scheel mit seinem Objekt „Zentralversorgung“, das auch auf dem Ausstellungsplakat zu sehen ist. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Seine Segelleidenschaft führte Scheel in den 1970-er Jahren an den Bodensee

Als Grafiker und Fotograf komme er ursprünglich aus der Zweidimensionalität, sagt der gebürtige Berliner. Als ihn seine Segelleidenschaft in den 1970-er Jahren an den Bodensee führte, fielen Scheel dort die „wunderschönen Obstbaumwiesen“ auf. „Ich habe angefangen, meinen Sehblick aufs Holz zu richten“ – und damit, auch in der dritten Dimension kreativ zu werden.

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Bei seiner ganzen künstlerischen Arbeit steht ein Thema im Fokus: „Sehen lernen“. Das gilt auch für ihn selbst. Traue nie dem ersten Blick, könnte Scheels Leitmotiv heißen. So steht auf der blauen Dose auf einem Acrylgemälde, das er vor einigen Jahren schuf, nicht etwa Nivea, sondern „Ikea“, statt „Creme“ „Möbel“, und tatsächlich lugen aus der Lotion Holzstückchen hervor.

Aus Holzfundstücken und Metallelementen macht Christian Scheel Objektkunst.
Aus Holzfundstücken und Metallelementen macht Christian Scheel Objektkunst. | Bild: Christian Scheel

Der Künstler lässt sich selbst immer wieder gerne überraschen

„Bei mir gibt es oft so Sachen, die nicht so vordergründig sind. Ich möchte den Aha-Effekt haben“, betont Scheel. Vielleicht gelingt ihm das mit vielen seiner Werke so gut, weil er sich selbst immer wieder überraschen lässt. So etwa, als er das Stück Nadelholz bekam, aus dem das Objekt „Zentralversorgung“ entstand, das jetzt auf dem Plakat und in der Ausstellung den Titel „und vergeht“ trägt. Scheel bemerkte, dass ein ungewöhnliches Innenleben darin steckte. Denn das Splintholz, das die Wasserleitungen des Baumes enthält und das Kernholz im Innersten umhüllt, war zum großen Teil verrottet. Behutsam, mittels eines Keils, spaltete Scheel das runde Stammstück in zwei Hälften und wurde belohnt: mit einem „Stamm“ im Stamm.

Bestimmend ist der Wille, ein Fundstück in ein Kunststück zu transformieren

Die ersten Objekte schuf Scheel Ende der 1980er-Jahre „mit Sachen, die rumlagen“. Verschmitzt attestiert er sich „eine gewisse Feigheit, weil die dritte Dimension von der Natur schon geschaffen war. Da konnte ich nichts verkehrt machen.“ Doch ohne sein Zutun würden sich Holz- und Metallabfälle nicht in Kunst verwandeln. „Ich unterstütze die Form“, beschreibt Scheel schlicht seine Vorgehensweise. Das ist jedoch ein Understatement, das seinem Aufwand nicht gerecht wird. Dazu zählen nicht nur Schleifen, Bohren, oder Löten, sondern vor allem auch der Wille, ein Fund- in ein Kunststück zu transformieren.

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Zwei Koffer voller Kameldornbaum aus Namibia

So entdeckte Scheel in der namibischen Wüste ein Stück von einem Kameldornbaum, das er nur zersägt und in zwei Koffern verstaut nach Deutschland transportieren konnte. Es ist eine Holz-Metall-Skulptur daraus geworden, die an ein Paar Flügel erinnert, von denen der zweite halb fehlt, vielleicht so, als sei er Luzifer bei seinem Höllensturz versengt worden. Solche unwillkürlichen Assoziationen bestätigen Scheels Aussage: „Mit total Abstraktem können viele nichts anfangen.“

„Pressefreiheit“ heißt diese Metallskulptur von Christian Scheel.
„Pressefreiheit“ heißt diese Metallskulptur von Christian Scheel. | Bild: Christian Scheel

Die meisten bevorzugten Sachen, „in denen man irgendwas sehen kann“, sagt der Künstler. Zum Beispiel Wolken. Auch Scheels „Cloud“-Collage hat‘s in sich – oder vielmehr auf sich, denn seine Collagen beschreibt er leger als „Fotos mit wat druff“. Die Bearbeitung ist hier klar zu erkennen, aber ebenso bei Scheels Digigrafien, digital bearbeiteten Fotografien. So wird etwa eine verschrumpelte Zitrone zum Zentralgestirn einer „Zitrusgalaxie“, während ein Häufchen Zwiebelschalen bereits ohne Bearbeitung wirkt wie eine ästhetische Inszenierung.

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Wenn Fotoprofi Scheel mogelt, dann mit Absicht

Scheel ist es bei Fotos ganz wichtig, dass man genau sieht: „Hat er jetzt gemogelt oder nicht?“ Meist mogeln schlechte Fotografen, und Handyfotos sind bereits per Voreinstellung „optimiert“. Wenn Profi Scheel mogelt, dann mit Absicht, etwa indem er eine Metallkugel, die wie ein Alien-Raumschiff anmutet, in eine Landschaft schummelt, die er bei optimalen Lichtverhältnissen aufgenommen hat.

Für Aha-Effekte sorgen aber auch Scheels ungewöhnliche Frottagen. Die Frottage ist eine Abreibetechnik, die, in ihrer einfachsten Form, alle kennen, die schon mal mittels Bleistift die Struktur einer Münze auf ein darüber liegendes Papier übertragen haben. Scheels Frottagen sind allerdings wesentlich raffinierter. Man muss schon genau hinschauen, um zu sehen, wie und womit er sie gemacht hat. Aber genau das ist ja seine Absicht.