Ein halbes Jahr länger als geplant werden die Sanierungsarbeiten des historischen Rathauses dauern. Bürgermeister OliverGortat und der zuständige Architekt Nils Kolberg aus Überlingen rechnen mit einer Fertigstellung erst im Herbst 2019. Zudem sind die Kosten weiter gestiegen: Sie belaufen sich nach aktueller Berechnung auf 3,4 Millionen Euro gegenüber 2,5 Millionen Euro vor drei Jahren. „Inwieweit sich der Kostenrahmen aufgrund der während der Arbeiten festgestellten Schadstellen erweitern wird, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen“, kündigt Gortat im Gespräch mit dem SÜDKURIER eine womöglich weitere Kostensteigerung an. Gegenwärtig sind die Sanierungsarbeiten im Innern des Hauses voll im Gange.

Beschädigte Deckenbalken ausgewechselt

Im oberen Dachgeschoss sind aufgrund des einst undichten Dachs oder infolge von Schädlingsbefall in Mitleidenschaft geratenes Holz an Wänden und Deckenbalken ausgewechselt und erneuert worden. „Insgesamt befand sich der Dachstuhl in relativ gutem Zustand“, sagt Kolberg. Die Dachsanierung ist bis auf ein paar Stahlbauteile zur statischen Verstärkung abgeschlossen, der dortige Raum soll wie zuvor keiner Nutzung zugeführt werden. Kolberg: „Problemewären einfach der zweite Fluchtweg und die brandschutzrechtlichen Auflagen gewesen, die zu sehr hohen Kosten geführt hätten.“

Neues statisches System

Im Geschoss darunter, das nach wie vor als Archiv und Lagerfläche dienen soll, wird ein neues statisches System eingebaut, um die Stütze des darunter liegenden Bürgersaals zu entlasten. Gebaut wird dieser Tage ein neuer Fachwerkträger, der von der Außen- bis zur Mittelwand spannt „und dann die gesamten Deckenlasten, die auf der Stütze zuvor waren, wegnimmt“, so Kolberg. Außerdem soll die Holzkassettendecke des Bürgersaals von hier gesichert werden, weil diese in ihrer Standfestigkeit auch gefährdet sei. Kolberg sagt dazu: „Sie war bisher nur genagelt; Nägel sind auf Zug aber nicht belastbar. Die Decke soll mit Schrauben nach oben gesichert werden.“

Barrierefrei erreichbar

Die drei Büros im Obergeschoss, beispielsweise das des Bürgermeisters, sollen als solche wieder genutzt werden. Unter anderem werden hier die Fenster neu gemacht, da hier mehr Feuchtigkeit, als es eigentlich sein sollte, eingedrungen war. Der größte Teil der Verwaltung wird ins Erdgeschoss umziehen, um bürgernah und barrierefrei erreichbar zu sein.

Kolberg: „Deshalb war eine interne Erschließung mittels einer neuen Treppe erforderlich. Das Treppenhaus wird mit zwei neuen Treppen versehen, damit vom Erdgeschoss die Obergeschosse durchgehend verbunden werden – zusätzlich zum Aufzug.“ Ein zweiter Fluchtweg wird aus dem Bürgersaal über das Erdgeschoss nach außen führen. Der Bürgersaal wird außer neuen Fenstern und ein paar kleinen Reparaturen an der Holzkassettendecke unangetastet bleiben, teilt Kolberg mit.

Neue Möglichkeiten für Veranstaltungen

Änderungen wird es auch beim Keller geben, dessen vorderer Bereich bislang lediglich zur Fastnacht oder Dorffest geöffnet war. Der hintere größere Teil war als Lagerraum vermietet, das Vertragsverhältnis ist aber aufgehoben worden. „Das heißt, der Raum steht der Gemeinde vollständig für gelegentliche Veranstaltungen zur Verfügung“, erläutert Kolberg

. Hier steht eine Sanierung eventuell mit Tonziegelboden an, sanitäre Anschlüsse und eine Beleuchtung kommen hinzu. Eine temporäre Beheizung mit Deckenstrahlplatten ist ebenso wie ein zweiter Fluchtweg über die hinteren Lichtschächte vorgesehen. „Der Rathausplatz soll unterjährig wieder belebt werden. Welcher Nutzung der Raum exakt zugeführt wird, ist momentan aber noch offen“, sagt der Bürgermeister.

Erneuerung in mehreren Abschnitten

Im Erdgeschoss, dem Bereich der ehemaligen Arztpraxis, wurden in mehreren Abschnitten insbesondere alte, fast vollständig zerstörte Eichenbalken erneuert. „Wir mussten die ganzen Wandsockel sanieren, die alten Wände nach oben aufhängen. Ein neues Fundament mit tragender Bodenplatte war erforderlich, um die Fachwerkwände wieder draufzustellen", erklärt Kolberg. Jetzt noch erforderlich ist die Sanierung der Deckenbalken. „Auch hier sind wieder statische Ertüchtigungen notwendig. Es werden Stahlprofile begleitend zu den Deckenbalken und neue Stützkonstruktionen eingezogen.“ Hier entstehender Empfangsbereich mit Bürgerbüro, Ordnungsamt, Gemeindekasse und Kämmererbüro sowie barrierefreiem WC und der Aufzug zum Obergeschoss.

Abstimmung mit Landesdenkmalamt

„Man muss sehr viel abschnittsweise vorgehen. Erst wenn das eine erledigt ist, kann man das andere erledigen und das dauert eben eine gewisse Zeit“, erläutert der Überlinger Architekt. Zudem sei in Bezug auf den Innenausbau ein Abstimmungsprozess mit dem Landesdenkmalamt erforderlich. „Noch ist nicht entschieden, was wir hier machen sollen und dürfen.“ Auch weil man immer mehr Schäden feststelle und deshalb zusätzliche Arbeiten unvermeidlich seien, „werden die Arbeiten rund ein halbes Jahr länger dauern“, kündigt Kolberg an.

Das Rathaus von 1669 bis heute

Die Geschichte

Das Rathaus in Sipplingen wurde 1669 als Rat- und Schulhaus erbaut. Im Sockelgeschoss befand sich ein großer Gewölbekeller, der als Salz- und Weinlager diente. Im Erdgeschoss war der Gemeindearrest mit einer einzigen Zelle untergebracht, später die Milchsammelstelle und von 1978 bis 1986 das damalige Fremdenverkehrsamt. Im ersten Obergeschoss waren bis 1911 Klassenzimmer und Lehrerwohnung der Dorfschule sowie bis 1959 Kindergarten und Schwesternwohnungen beheimatet. Im hinteren Teil befand sich seit 1980 das Übungslokal der Musikkapelle Sipplingen, zum Rathausplatz gab es bis 2016 eine Arztpraxis. Die Außentreppe führte seit der Bauzeit ins zweite Obergeschoss zum großen Bürgersaal mit holzgetäfelten Wänden und Kassettendecke. Der Saal diente einst zeitweise als Gemeindewirtschaft für öffentliche Feste und Hochzeiten.

Die Sanierung

Das Bauwerk in Sipplingen soll den neuesten Erfordernissen an Sicherheit und Publikumsverkehr entsprechen. Insbesondere aufgrund seiner gefährdeten Statik wird das zweieinhalbgeschossige Haus saniert und teilweise umgebaut. Künftig soll das Gebäude barrierefrei zugänglich sein. Auch eine energetische Sanierung wird vorgenommen, um Betriebskosten zu senken. In Bezug auf das Brandschutzkonzept muss eine Blitzschutzanlage installiert werden, außerdem wird ein Fahrstuhl eingebaut und ein zweiter Fluchtweg aus dem Bürgersaal errichtet.

Die Kosten

Die Kosten für die Sanierung betragen laut aktueller Berechnung rund 3,4 Millionen Euro, die die Gemeinde aber nicht alleine schultern muss. Bisher sind 923 109 Euro angefallen. Aus dem Ausgleichsstock sind 300 000 Euro bereits bewilligt worden, aus der Denkmalförderung kommen 62 500 Euro. Der größte Teil wird aus dem Landessanierungsprogramm mit 1,668 Millionen Euro erwartet. Hiervon wurden 189 438 Euro bereits an die Gemeinde ausbezahlt. (hk)