Herr Gortat, Ihre Bewerbung ging als erste im Rathaus ein. Warum möchten Sie in Sipplingen Bürgermeister werden?

Ich wohne in Rielasingen-Worblingen, etwa 30 Fahrminuten von Sipplingen. Wir gehen oft in die Therme in Überlingen, unsere Rückfahrt führt uns immer über Sipplingen. Da wir Hunger hatten, sind wir im Seehaus eingekehrt. Nach dem Essen sind wir eine Runde durch den Ort gelaufen. Hierbei sind wir mit den Bürgern gleich ins Gespräch gekommen. Diese Offenheit war ich nicht gewohnt von einem kleineren Ort. Das hatte mich sehr inspiriert. Mein Wunsch war es allerdings schon seit Beginn meiner Ausbildung, zu einem späteren Zeitpunkt Bürgermeister in einer kleinen, attraktiven Gemeinde zu werden. Dazumal spielte ich allerdings noch nicht mit dem Gedanken, dass es Sipplingen werden sollte.

War das dann schon ausschlaggebend?

Nein. Erst als wir Ende des vorigen Jahres nach München reisten, sind wir wieder durch Sipplingen gefahren und da habe ich zu meinem Lebensgefährten gesagt: Sipplingen ist das Dorf, da möchte ich Bürgermeister werden. Und die nächsten Bürgermeisterwahlen standen zufälligerweise auch an. Ein paar Wochen hatte ich noch überlegt, denn ich musste mich informieren, wie die aktuelle Situation in Sipplingen ist. Beispielsweise, wenn ich nach Sipplingen zöge, würde es uns hier tatsächlich auch gefallen? Das konnten wir für uns bejahen und daher habe ich dann Ende Januar freitagabends meine Bewerbungsunterlagen im Rathaus eingeworfen.

Wenn Sie denn gewählt würden, würden Sie dann auch tatsächlich nach Sipplingen ziehen, wie Sie es eben ansprachen?

Ja, wir möchten gerne nach Sipplingen ziehen. Aber nicht sofort mit Amtsantritt, sondern wenn geeigneter Wohnraum gefunden wurde. Gerade auch im Hinblick, dass man somit besser in die Dorfgemeinschaft hineinkommt. Damit man direkt mitbekommt, wo der Schuh drückt. Das ist ein großer Vorteil. Sipplingen ist eine attraktive Gemeinde mit intaktem Vereinsleben. Die Leute sind offen und in meinen Augen sehr sympathisch. Das schätze ich sehr.

Herr Neher spricht immer wieder gerne von der „Perle am See“.

Eine Perle, die von den Bürgerinnen und Bürgern getragen wird. Ich bin davon überzeugt, dass wir sehr viel erreichen werden, wenn wir dieses bürgerliche Engagement nutzen und die Bürger in die Zukunftsgestaltung von Sipplingen einbinden.

Wie gut kennen Sie die Vereine in der Gemeinde? Ich denke da beispielsweise an die Bürgermiliz und an die Fastnachtsgesellschaft, in der ja fast jeder Dritte der Gemeinde Mitglied ist?

Ja, die beiden Vereine kenne ich. Die Bürgermiliz, in der Brauchtum gepflegt wird und dieser an die nächste Generation weitergegeben wird. Von daher ist es auch wichtig, in Sipplingen junge Familien anzusiedeln, damit es auch eine nächste Generation gibt. Dies gilt allerdings für alle Vereine. Am Närrischen Abend durfte ich viele Fastnachtsvereine kennenlernen. Es war ein richtig toller Abend.

Sie müssten ja als Bürgermeister auch Mitglied der Bürgermiliz werden, da er kraft seines Amtes automatisch deren Vorsitzender ist?

Das hört sich ja an wie eine Drohung (lacht). Nun aber ernsthaft, ich freue mich schon darauf.

Anderes Thema: Was würden Sie denn in Bezug auf die alte Bundestraße 31 und ihrem dichten Straßenverkehr unternehmen wollen?

Das Problem ist, dass es sich um eine Bundesstraße handelt, auf die wir als Gemeinde keinen direkten Einfluss nehmen können wie bei einer Gemeindestraße. Hier müssen Gespräche geführt werden – gerade in Form der interkommunalen Zusammenarbeit mit den betroffenen Gemeinden Espasingen und Bodman-Ludwigshafen. Zum einen muss natürlich die Sicherheit für die Bürger gewährleistet werden, zum anderen auch für die Gäste. Für die Anlieger brauchen wir mehr Ruhe, weniger Verkehrschaos. Wir müssen, wie es schon oft diskutiert worden ist, den LKW-Durchgangsverkehr sperren. Eine weitere Möglichkeit ist, etwas einzurichten, was psychologische Wirkung zeigt. Wenn man beispielsweise die Fahrbahnmarkierungen in der Mitte der Straße entfernt, dann erreicht man erfahrungsgemäß den Effekt, dass langsamer gefahren wird. Es gibt auch die Möglichkeit von Pförtnerampeln, die an beiden Ortseingängen nur eine ganz bestimmte Anzahl an Fahrzeugen durchließen. Es sind allerdings nicht alle Maßnahmen an Bundesstraßen möglich. Hier müssen wir die mögliche Abstufung zur Landesstraße sorgfältig abwägen und die geeignete Lösung für Sipplingen anstreben.

Ein Wort zum Radweg in Richtung Überlingen, der immer noch nicht realisiert worden ist, aber für den sich Herr Neher immer vehement eingesetzt hat?

Hier bin ich ein absoluter Befürworter. In erster Linie müssen die Grundstücksverhandlungen geführt werden, um dann zielgerichtet die Umsetzung angehen zu können. In dem Zusammenhang fällt mir der Ergebnisbericht der Zukunftswerkstatt ein, aus dem hervorgeht, dass auch viele Bürgerinnen und Bürger für diesen Radweg sind.

Stichwort Tourismus: Sollte man versuchen, noch mehr Gäste anzulocken oder meinen Sie, dass jetzt diesbezüglich genug erreicht worden ist?

Der Tourismus in Sipplingen sollte so bleiben, wie er ist. Allerdings muss die „Sommer-Katastrophe“ hinsichtlich wilden Parkens und so weiter in den Griff bekommen werden. Zudem muss eine Zweckentfremdungssatzung eingeführt werden. Damit soll längerer Leerstand und die Umwandlung von Wohnraum etwa in Ferienwohnungen, Geschäftsfläche etc. verhindert werden. Ich bin eher dafür, dass wir den qualitativen Tourismus ausbauen. Sipplingen sollte auch in der Nebensaison attraktiv sein, damit in dieser Zeit mehr Touristen kommen. Hier gilt es ein attraktives Programm zusammenzuschnüren.

In dem Zusammenhang: Was denken Sie über Zweitwohnungen?

Dies kann und muss über Bebauungspläne geregelt werden. Keine Zweitwohnungen aufgrund des begrenzten Wohnraum infolge Natur- und Landschaftsschutz rund um Sipplingen: Diesen Wohnraum dürfen wir nicht für unsere eigenen Bürgerinnen und Bürger aufgeben. Da kommt einiges auf uns zu. Aber: Wir schaffen das! (lacht)

Von dem begrenzten Raum, der in Sipplingen zur Verfügung steht, ist ja auch das Gewerbe betroffen. Sehen Sie eine Chance, dieses zu intensivieren?

Chancen haben wir, in dem noch einmal der Natur- und Landschaftsschutz überprüft wird. Auf der anderen Seite aber sind wir aktuell nun einmal hinsichtlich Natur- und Landschaftsschutz, der Steiluferlandschaft wie auch dem Bodensee begrenzt und können natürlich ohne weiteres kein neues Gewerbegebiet auf unserer Gemarkung erschließen. Ein Gedankenspiel ist ein interkommunales Gewerbegebiet auf einer anderen Gemarkung. Hier muss es jedoch für beide Gemeinden einen Vorteil geben.

Ein Thema ist die Überalterung der Gemeinde. Wie könnte man Sipplingen attraktiv für junge Familien machen?

Um junge Familien in der Gemeinde zu halten, ist es wichtig, dass es eine gute Nahversorgung und Infrastruktur gibt und vor allem die Burkhard-von-Hohenfels-Schule erhalten bleibt. Die andere Sache ist aber auch, bezahlbareren Wohnraum zu schaffen, in dem man die Baulücken und Leerstände zusammenträgt und ein Zukunftskonzept erarbeitet. Es müssen faire Grundstücksverhandlungen mit den Eigentümern geführt werden um diese Grundstücke erwerben zu können. Mit Hilfe eines Sozialpunktesystems werden diese an junge Familien vergeben.

Vorstellbar ist auch eine Kooperation mit der Baugenossenschaft Überlingen um günstigeren Wohnraum als Gemeinde zu schaffen. Natürlich darf man nicht vergessen, dass wir hier in Sipplingen niemals so vergleichbar bezahlbaren Wohnraum schaffen können wie in einem kleinen Ort in der tiefsten Provinz.

Auf Ihrer Homepage geben Sie bei Ihren Hobbies experimentelles Kochen an. Was verstehen Sie denn darunter?

Mit unseren Freunden treffen wir uns regelmäßig, jeder bringt etwas mit, was dann verarbeitet wird. Allerdings weiß keiner vorab, was wer mitbringt. Zum Beispiel kommen da Spaghetti mit Vanillesauce raus. Etwas ungewöhnlich, aber oft auch erstaunlicherweise lecker. Das Schöne ist einfach, dass man gemeinsam etwas ausprobiert, es ist lustig, man kocht zusammen, hat Freude und Geselligkeit.

Wenn Sie gewählt würden: Was gingen Sie als allererstes an?

Zusammen mit den Bürgern, den Vereinen, Organisationen und Initiativen, den Gewerbetreibenden, aber auch mit dem Gemeinderat und der Verwaltung möchte ich ein Leitbild mit Zeit- und Maßnahmenplan für Sipplingen entwerfen, welches besagt, wohin und bis wann wir mit Sipplingen in Zukunft möchten, um dann schlussendlich nicht immer nur davon zu reden, sondern in die Zukunft zu schreiten und Sipplingen gestalten zu können. Eine gute Basis ist das Ergebnis aus der Zukunftswerkstatt. Hier muss weiter gearbeitet und die Bürger beteiligt werden. Weiter müssen unbedingt alle Straßenzüge auf LED umgerüstet werden. Momentan gibt es hierfür noch 30 Prozent Förderung. Aufgrund der Energieeinsparungen von bis zu 80 Prozent amortisiert sich diese Investition innerhalb kürzester Zeit.

Fragen: Holger Kleinstück

Kandidat und Wahl

  • Oliver Gortat, geboren 1986 in Singen am Hohentwiel, wurde zum Verwaltungsfachangestellten beim Bürgermeisteramt Rielasingen-Worblingen ausgebildet. Im Rahmen eines berufsbegleitenden Intensivstudiengangs bildete er sich zum Verwaltungsfachwirt, Fachrichtung Kommunal- und Landesverwaltung, an der Verwaltungsschule des Gemeindetags Baden-Württemberg weiter. Seit 2014 ist Gortat bei den städtischen Werke Schaffhausen und Neuhausen am Rheinfall in Schaffhausen in der Energiewirtschaft tätig. Er gehört den Freien Wählern Rielasingen-Worblingen an und ist Mitglied beim Narrenverein Vulkanteufel Singen. Informationen im Internet:http:// www.olivergortat.dewww.olivergortat.de

  • Am 12. März wählt Sipplingen einen neuen Bürgermeister. Neben Oliver Gortat kandidieren Ralph Freund, Stefan Metzger und Heike Sonntag. Eine Podiumsdiskussion, moderiert vom SÜDKURIER, findet am morgigen Dienstag, 7. März, um 19 Uhr in der Turn- und Festhalle statt.