Herr Freund, wie sind Sie eigentlich auf Sipplingen aufmerksam geworden beziehungsweise warum bewerben Sie sich gerade hier?

Ich bin in Sipplingen aufgewachsen und habe 26 Jahre hier gewohnt. Meine Mutter und Bruder wohnen noch mit Familie hier. Von daher ist mir Sipplingen bestens vertraut und ich wusste zeitnah Bescheid, dass Herr Neher nicht mehr antreten wird.

Was zeichnet Sipplingen Ihrer Meinung nach aus?

In Sipplingen ist das Besondere der Gemeinschaftssinn, der es der Gemeinde immer ermöglicht hat, sich positiv zu entwickeln. Es ist glücklicherweise kein Dorf, in dem viel gestritten wird. Tatsächlich gibt es andere Orte in der Region, wo es nicht so einfach ist.

Warum halten Sie sich für das Amt des Bürgermeisters für geeignet?

Ein Bürgermeister sollte hauptsächlich die Menschen zusammenführen und die Gemeinde nach vorne bringen. Es geht nicht darum, noch einen Verwaltungsfachmann im Rathaus zu haben. Denn die Gemeinde verfügt diesbezüglich über hervorragendes Personal. Es ist vielmehr eine Führungsperson notwendig, die auch neue Lösungsansätze entwickeln kann. Von daher bin ich sicher, dass es insgesamt gut funktionieren wird.

Da Sie gerade das Rathaus ansprechen: Wodurch ist die Arbeit von Herrn Neher in den zurückliegenden 16 Jahren charakterisiert?

Zum einen, dass er sehr zielorientiert die Sache angegangen ist und in konsequenter Art und Weise die Projekte zu Ende geführt hat. Er hat die Bürger beteiligt, und sie standen hinter ihm. Das war schon eine große Herausforderung und diese hat Herr Neher sehr gut gelöst. Das alles hat dem Dorf in den letzten Jahren gutgetan.

Zum Leben im Dorf gehört eine funktionierende Infrastruktur. Es werden besondere Anstrengungen unternommen, um beispielsweise den Lebensmittelladen in der Ortsmitte zu halten. Wie sehen Sie hier die Zukunft?

Handel und Dienstleister ziehen sich leider aus der Fläche zurück. Zum Glück gibt es im Dorf Einkaufsmöglichkeiten wie zum Beispiel den Dorfladen von Familie Beirer. In Ludwigshafen ist aber auch viel neue Einzelhandelsfläche entstanden, in Überlingen folgt in Kürze ein größeres Lebensmittelgeschäft am Schättlisberg. Das ist natürlich keine gute Entwicklung für das Gewerbe und die Dienstleister vor Ort. Man muss die Menschen dazu bringen, mehr in Sipplingen einzukaufen. Ansonsten darf man sich nicht wundern, wenn die örtliche Infrastruktur immer schlechter wird. Es gibt hierzu gute Ideen wie Gutscheine oder Lokalwährungen. Neue Zeiten brauchen auch neue Ideen – so kenne ich ganz konkret einen Ort, wo eine Sparkasse und eine Volksbank gemeinsam eine Filiale betreiben.

Sie haben gerade das Gewerbe angesprochen. Wie sehen Sie die jetzige Situation, was könnte verbessert werden?

Letztlich ist es so, dass man kaum die nötigen Flächen hat, um Gewerbe im größeren Stil anzusiedeln. Es geht insbesondere darum, wie man das Vorhandene noch besser nutzen kann und die beengte Situation flexibel zu handhaben.

Im Gemeinderat wird immer wieder davon gesprochen, wie man junge Familien ansiedeln könnte. Welche Meinung haben Sie zu diesem Thema?

Davon bin ich selbst betroffen. Ich habe in Überlingen gebaut, da es dort gute Angebote für junge Familien gab. Das Wohnraumproblem ist bekannt, aber kaum jemand ist bereit, freie Grundstücken zur Verfügung zu stellen. Der Landschafts- und Naturschutz kommt hier in Sipplingen erschwerend hinzu. Auch müsste die Gemeinde eine noch aktivere Rolle spielen, in dem sie das Thema Mietwohnungsbau in Angriff nimmt. Vielleicht sollte eine eigene Wohnungsbaugenossenschaft gegründet werden? Allein das Thema über einen Bebauungsplan zu regeln, dürfte nicht zum Erfolg führen.

Ein großes Thema ist der Tourismus im Ort, der wertschöpfend und werterhaltend praktiziert wird, wie es Bürgermeister Neher ausgedrückt hat. Wie sehen Sie die Tourismusentwicklung?

Dieses Thema ist alles andere als einfach und müsste ganz breit angelegt werden. Wenn ich an die Parkplatzproblematik im Sommer denke – ein Drama. Man hat viel investiert, damit Touristen kommen, aber jetzt ist man vom eigenen Erfolg doch überrascht. Die Gemeinde muss für sich entscheiden, wie viele Touristen sie haben möchte. Wer eine Ferienwohnung hat, hat sicher ein anderes Interesse als jemand, der beispielsweise „Im Horn“ vor 30 Jahren gebaut hat und jetzt im Sommer kaum noch aus seiner Haustüre rauskommt. Lösungsansätze können von mehr Parkraumbewirtschaftung über Bewohnerparken bis zu einer Tiefgarage reichen. Vielleicht sind die Grenzen aber bereits erreicht und noch mehr Parkplätze zu schaffen, könnte verkehrt sein. Hier ist Bürgerbeteiligung ganz wichtig. Ich möchte die Bürger bei den zentralen Zukunftsthemen ohnehin noch stärker in die Entscheidungsprozesse einbinden.

In dem Zusammenhang: Wie stehen Sie den immer wieder diskutierten Themen Zweit- und Ferienwohnung gegenüber?

Beides sehe ich kritisch, aber die Zweitwohnungen sind meiner Meinung noch kritischer als die Ferienwohnungen, weil Letztere zumindest in Sommer für Belebung im Dorf sorgen. Wenn ich an die Belegung von Zweitwohnungen denke – ich spreche hier von drei oder vier Wochen im Jahr – dann ist das einfach zu wenig, was an Kaufkraft in der Gemeinde bleibt.

Im Sommer ist der Ort überfüllt, die Bundesstraße 31 aber auch. Sehen Sie Möglichkeiten für eine diesbezügliche Verbesserung?

Ich gehe davon aus, dass, wenn in Überlingen die B 31-neu fertig ist, der Straßenverkehr insgesamt etwas zurückgehen wird. Es ist wichtig, die Rückstufung zur Landesstraße zu erreichen, um die Seestraße so weit wie möglich vom Verkehr, insbesondere dem Schwerlastverkehr, zu entlasten.

Und der Neubau eines Radwegs entlang der B 31?

Ob der Radweg auf dieser oder jener Seite der Schienen kommt, halte ich für gar nicht so entscheidend. Ich vermute, dass es nördlich der Bahn aus räumlichen Gründen zu knapp wird. Aber man muss etwas für die Sicherheit der Radfahrer machen. Denn trotz Tempo 30 ist es so eng beim Begegnungsverkehr, dass auch ich als Radfahrer versuche, das Stück hier zu meiden. Man hat zwar eine schöne Brücke für die Radler gebaut, aber dann hört es mehr oder weniger im Nichts auf. Den Zustand gilt es in der Tat zu verbessern.

Anderes Thema: Falls Sie Bürgermeister würden, müssten Sie ja Mitglied der Bürgermiliz werden, weil der Rathauschef gleichzeitig Vorsitzender des Vereins ist?

Bei der Bürgermiliz bin ich schon länger Mitglied. Ich war viele Jahre beim Spielmannszug, bin aber seit elf Jahren aus beruflichen Gründen nicht mehr aktiv. Ich habe auf jeden Fall ein ganz großes Herz für die Bürgermiliz, weil sie untrennbar mit Sipplingen verbunden ist.

Und wie sieht es mit der fünften Jahreszeit aus? Herr Neher ist ja von Beginn seiner Amtszeit selbst Mitglied der Fastnachtsgesellschaft und dort Narrenrat?

Im Narrenverein war ich bislang nie aktiv. Ein Narr bin ich schon, aber eher unorganisiert. Ich finde es klasse, wie der Narrenverein im Ort aufgestellt ist und was es alles für Gruppen gibt. Was hier immer geboten ist, ist ein tolle Leistung für den kleinen Ort.

Von der Fasnet zur Kultur: Wie stark sind Sie kulturinteressiert? In Sipplingen gibt es außer den Rathauskonzerten, Ausstellungen in der Bahnhofsgalerie und der in diesem Jahr aussetzenden Hörspielkirche nicht allzu viel.

Kultur ist prinzipiell ein wichtiger Punkt und gehört zum Dorfleben. Wenn wir die Kultur forcieren wollen, müssen wir dies auch nachhaltig tun. Durch den Rathausumbau wird es leider in den nächsten Jahren in Bezug auf die Räumlichkeiten für das Kulturangebot ohnehin schwieriger. Vielleicht können wir aber nach dem Umbau das Angebot sogar weiter verbessern.

Gesetzt den Fall, Sie würden zum Bürgermeister gewählt: Was strebten Sie als allererstes an?

Kurzfristig sind die von Herrn Neher schon angegangenen Themen Rathaus und Kirchturm abzuarbeiten. Die ganze Diskussion um die Kirche würde sicherlich die erste Zeit prägen und ein finanzielles Problem für die Gemeinde darstellen. Wir werden hier viel Engagement benötigen, um mit allen Beteiligten eine günstige und die beste Lösung für die Gemeinde zu finden. Langwierig wird sicherlich das Thema Wohnraum werden. Hier müsste man zunächst prüfen, welche Wohnraumreserven noch existieren. Es gibt sicher viele Fälle, wo beispielsweise jemand allein ein Haus bewohnt und gerne weniger Wohnfläche hätte und gleichzeitig eine Familie mehr Wohnraum benötigt.

Ein großes Anliegen von mir würde das Thema Familien und der demografische Wandel sein. Insgesamt ist das Problem, dass wir hier am See eine angespannte Lage bei den Immobilienpreisen haben. Als kleine Gemeinde sich finanziell dagegen zu stemmen, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.

Letzte Frage: Sollte Ihre Bewerbung nicht von Erfolg gekrönt sein: Würden Sie sich auch andernorts bewerben?

Nein, da habe ich eine ganz klare Meinung. Ich würde nicht irgendwo anders Bürgermeister werden wollen. Und ich würde das Amt nicht nur für eine Amtsperiode von acht Jahren, sondern schon längerfristig anstreben.

Fragen: Holger Kleinstück

Kandidat und Wahl

  • Ralph Freund wurde 1978 in Überlingen geboren, wuchs in Sipplingen auf und wohnt in Überlingen. An der Volksbank Überlingen wurde er zum Bankkaufmann ausgebildet, arbeitete dort als Wertpapierberater und in der Unternehmenssteuerung. Er bildete sich weiter zum Bankbetriebswirt, den er mit dem Diplom an der Frankfurt School of Finance and Management abschloss. Seit über elf Jahren ist Ralph Freund als Senior Consultant in einer Unternehmensberatung in Stuttgart beschäftigt. Freund ist verheiratet, hat ein Kind und zwei Stiefkinder und ist katholisch. Informationen im Internet: http://ralph-freund.de
  • Am 12. März wählt Sipplingen einen neuen Bürgermeister. Neben Ralph Freund kandidieren Oliver Gortat, Stefan Metzger und Heike Sonntag. Eine Podiumsdiskussion, moderiert vom SÜDKURIER, findet am Dienstag, 7. März, um 19 Uhr in der Turn- und Festhalle statt.