Ein einsturzgefährdetes Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert? In der Regel kommt da für Kaufinteressierte keine Sanierung in Frage, sondern nur ein Abriss und Neubau. Doch Irmgard Möhrle-Schmäh, die 2014 das „Rebmannshaus“ Eckteil 24 in Sipplingen erwarb, ist mit Sebastian Schmäh verheiratet. Er ist Zimmerermeister, Restaurator und in sechster Generation Inhaber der Meersburger Firma Holzbau Schmäh, die für denkmalgerechte Sanierungen schon zahlreiche hochkarätige Preise einheimste – so etwa für den Sipplinger Kirchturm, den man vom Dachgeschoss des Rebmannshauses aus gut im Blick hat. Wo andere nur morsche Balken, Schutt und bröckelnden Putz sehen, sieht Schmäh das Potenzial, das in so einem Gebäude steckt: an Handwerkskunst, Geschichte, aber auch an künftig möglichem, modernem Wohnkomfort.

Bild 1: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude

Schmäh, der die gesamte Bauleitung selbst übernahm, sagt: „Ich habe mich sofort in die Räume verliebt“, vor allem in die „blaue Stube“ im Obergeschoss. Eine solche Farbgestaltung sei in der Barockzeit ungewöhnlich und teuer gewesen, sagt Schmäh. Deshalb vermutet er, dass sie als repräsentative „Sommerstube“ gedient habe. Mit dem Weinbau habe man damals wohl gutes Geld verdient. Ein weiteres Indiz dafür, dass die frühen Besitzer gut situiert waren, sei, dass man sich bereits 1680, nur 18 Jahre nach Errichtung des Hauses, einen Anbau leisten konnte.

Bild 2: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude

In dem Gebäude seien sämtliche Bauepochen ablesbar „und aus jeder Epoche sind Originalbestände vorhanden“, freut sich Schmäh. So etwa Fenster, die teils sogar noch aus dem Barock stammen, eine Tür aus derselben Ära, eine Blockbohlenwand in der Küche, alte Bodenfliesen im Flur und und etliches mehr. Ein ganz besonderes Überbleibsel ist ein Sandstein-Grabstein, auf dem der Name eines ehemaligen Hausbesitzers steht, und den man später im Sockel des Hauses verbaute. Es sei so vieles wiederverwertet worden und erhalten geblieben, weil spätere Generationen wohl deutlich ärmer gewesen seien.

Bild 3: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude

Jede Menge Geschichte, des Handwerks sowie der Menschen von früher, verrät die Bausubstanz Schmäh. Was erhalten werden kann, wird restauriert, so Fenster, von denen rund die Hälfte historisch ist, das Vordach und alte Balken, die nur da, wo nötig, teils stückweise, ersetzt werden – und das sieht gut aus. So fügen sich Alt und Neu im Fachwerk an der Rückseite des Hauses attraktiv zusammen. Wo es geht, kommen traditionelle Techniken und Materialien zum Einsatz. So erhält das künftige Wohnzimmer im ehemaligen Stall etwa einen mit Leinöl versiegelten Stampflehmboden. Doch das Projekt trägt natürlich nicht nur dem Denkmalschutz Rechnung, sondern auch den heutigen Wohnbedürfnissen.

Bild 4: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude

Das Haus hat jetzt zwei Wohneinheiten, rund 60 Quadratmeter im Erdgeschoss und rund 120 Quadratmeter im Ober- und Dachgeschoss. Auf allen drei Ebenen gibt es Bäder und Annehmlichkeiten wie Wandheizungen. Eine Reverenz gleichermaßen an die Vergangenheit als auch ans 21. Jahrhundert ist das neu errichtete Nebengebäude, dessen Wände aus dem gleichen Lärchenholz sind wie die beiden Dachgaupen des Rebmannshauses, die ebenfalls neu sind. Im Neubau finden neben der Gas-Brennwert-Heizung ein Wasch- und ein Hobbyraum Platz, auf dem Dach eine Solaranlage für die Brauchwassererwärmung.

Bild 5: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude

Und auch in puncto Emissionen zollt man dem 21. Jahrhundert Tribut: So wird zwar im Obergeschoss der alte Kachelofen wieder aufgebaut, doch beheizt wird er elektrisch. Bei seiner Führung durchs Haus betont Schmäh, seine Frau und er wünschten sich für das Haus Dauermieter, die die Qualität der aufwändigen Instandsetzung zu schätzen wüssten.

Bild 6: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude

Das Rebmannshaus

Beim „Rebmannshaus“ Eckteil 24 handelt es sich um die rückwärtige Hälfte eines 1662 errichteten zweigeschossigen Fachwerkbaus. Er zählt zu den ersten Gebäuden, die in Sipplingen nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden und ist typisch für ein Weinbauernhaus am Bodensee aus jener Epoche. Bereits 1680 erhielt das Haus einen über sechs Meter langen Anbau nach Südosten. Die Sanierung, die Anfang 2020 abgeschlossen sein soll, dauert insgesamt rund vier Jahre. Pro Quadratmeter Fläche kostet sie rund 3500 Euro, insgesamt rund eine halbe Million Euro. Das Land Baden-Württemberg fördert die aufwändigen Erhaltungsarbeiten mit rund 160.000 Euro aus dem Sonderprogramm „Instandsetzung leerstehender Kulturdenkmale in dörflichen und kleinstädtischen Ortskernen“.
Die Familie Möhrle-Schmäh wird am Samstag, 18. Januar, von 14 bis 17 Uhr einen Tag der offenen Tür mit Führungen (jeweils um 14.30 Uhr, 15.30 Uhr und 16.30 Uhr) veranstalten.
Außerdem findet für Architekten bereits am Vormittag von 9.30 Uhr bis 13.30 Uhr ein Seminar „Denkmalpflege in der Praxis“ statt, das sich an alle Interessierten richtet. Die Kosten, inklusive Verpflegung, betragen 150 Euro (135 Euro für Kammer- und BDB-Mitglieder).
Anmeldungen sind für beide Veranstaltungen erforderlich unter: Telefon 0¦75¦32/61¦10 oder per E-Mail an: geiger@holzbau-schmaeh.de

Bild 7: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude
Bild 8: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude
Bild 9: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude
Bild 10: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude
Bild 11: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude
Bild 12: Sanierung Rebleutehaus in Sipplingen: Modernes Wohnen in historischem Gebäude