Goldparmäne und Kaiser Wilhelm, Wilde Eierbirne und Sipplinger Klosterbirne: Das sind vier von 20 verschiedenen alten Apfel- und sechs Birnensorten, die auf einer neuen Streuobstwiese in der Nähe der Zimmerwiese wachsen und sich für die Most- und Safterzeugung eignen. Angelegt worden ist die Wiese mit 83 Obstbäumen als Ausgleichsfläche für Eingriffe in die Natur und in die Landschaft von der Gemeinde Sipplingen. Sie hat einen Wert von 260 000 Ökopunkten. „Das Streuobst trägt zum Erhalt der traditionellen und regionaltypischen Sortenvielfalt bei, die aus der jahrhundertelangen Streuobsttradition hervorgegangen ist“, teilte der Biologe Jochen Kübler vom Büro „365° freiraum + umwelt“ aus Überlingen mit, unter dessen Leitung in Zusammenarbeit mit Claudia Huesmann das Projekt verwirklich worden ist.

Wie Kübler informierte, wurde die etwa 1,8 Hektar große Ackerfläche mithilfe einer Frischmulchansaat entwickelt, um eine möglichst große regionale Vielfalt an Wiesenblumen zu erhalten. Hierbei wurde das Mähgut arten- und blütenreicher Wiesen aus der Umgebung zum Zeitpunkt der Samenreife auf die Ackerfläche übertragen. Dadurch wurden standortangepasste und lokal typische Pflanzenarten etabliert. „Das wird sicherlich eine schöne Blumenwiese in Zukunft“, zeigte sich der Experte überzeugt. Er machte darauf aufmerksam, dass eine fachgerechte Pflanzung der Bäume unerlässlich war. So ist jeder von ihnen an zwei Pfählen angebunden, wildverbissgeschützt und mit einer längeren Bambusstange versehen, „damit sich kein Greifvogel draufsetzt und dabei kleine Äste abbricht“.

Zwischen den Bäumen wurde Mist eingebracht, was den Vorteil hat, das Nährstoffe an den Baum gelangen, zum anderen das Aufkommen von Gras verhindert wird, welches ein Nährstoff- und Wasserkonkurrent der Bäume darstellt. „Und der Boden bleibt unter dem Mist viel länger feucht“, nannte Kübler einen weiteren Vorteil bei Trockenperioden. Für die Zukunft sei auch ein fachgerechter Baumschnitt wichtig ("sonst vergreisen die Bäume früh"), was Landschaftspfleger Gerhard Weyers aus Owingen übernehme.

Die Bäume sind im ausreichenden Abstand von 15 Metern gepflanzt worden, was günstig für die künftige Bewirtschaftung sei. Kübler: „Daher kann unser Landwirt Thomas Gobs mit einem normalen Traktor zwischen den Baumreichen fahren und mähen.“ Mit dem Süßenmühler Landwirt wurde ein Pachtvertrag abgeschlossen, in dem die Aufwendungen, die Gobs hat, mit berücksichtigt worden sind. „Wichtig ist es, dass in den ersten zehn Jahren eine fachgerechte Bewirtschaftung erfolgt“, sagte der Biologe. Zwei große Tafeln sind angebracht worden, um vorbeigehende Spaziergänger und Wanderer des SeeGang-Wanderwegs über die Bedeutung und Pflege des Streuobstbaus zu informieren.
 

Streuobstwiesen

Auf Streuobstwiesen stehen hochstämmige Obstbäume meist unterschiedlichen Alters und verschiedener Arten und Sorten. Sie werden ohne Einsatz synthetischer Behandlungsmittel bewirtschaftet und zeichnen sich durch einen artenreichen Lebensraum aus, was insbesondere für Insekten und Vögel gilt. Der Streuobstanbau hatte im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große kulturelle, soziale, landschaftsprägende und ökologische Bedeutung. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft sowie durch das Bau- und Siedlungswesen werden die Wiesen jedoch stark dezimiert. Baden-Württemberg besitzt die größten zusammenhängenden Streuobstbestände Europas; sie sind landschaftsprägend für den Bodenseeraum und die Sipplinger Steiluferlandschaft. Sie zu erhalten, bedeutet kontinuierliche Pflege. Viele leiden jedoch unter einer mangelnden Pflege und Überalterung, da sich die Bewirtschaftung heutzutage finanziell kaum noch lohnt und zur unrentablen Herausforderung wird.