Wer die Räume des Möbeldesigners Axel Heizmann in Sipplingen betritt, findet sich in einer akkurat aufgeräumten Werkhalle wieder. Hier hat jedes Werkzeug seinen Platz. Auf der großen hölzernen Werkbank liegen üblicherweise nur Werkstücke, die gerade in Arbeit sind. Die gepflegten Maschinen scheinen nur darauf zu warten, in Betrieb genommen zu werden.

Goldschmied Uwe Berger und Modedesignerin Isabell Schwarz beim kritischen Blick auf die Bewerbungsunterlagen.
Goldschmied Uwe Berger und Modedesignerin Isabell Schwarz beim kritischen Blick auf die Bewerbungsunterlagen. | Bild: Michael Schnur

Unlängst war das ganz anders: Auf der Werkbank verströmten Hyazinthen ihren verführerischen Duft. Daneben standen, hübsch aufgereiht, eine Auswahl edler Weine. Auf einem Teller lockten köstliche Cantuccini und eine Schale mit süßen Weintrauben.

An diesem Abend empfing Axel Heizmann Gäste. Nicht irgendwen, sondern die Jurymitglieder der "Form" in Bodman-Ludwigshafen. Gemeinsam mit der Modedesignerin Isabell Schwarz, dem Goldschmied Uwe Berger und der Hutmacherin Carolin Engel hatte Axel Heizmann zu entscheiden, wer im Herbst 2019 an der Verkaufsmesse teilnehmen darf. An diesem Abend war also im besten Sinne des Wortes Showtime.

In der aufgeräumten Werkstatt von Axel Heizmann werden die Bewerberunterlagen (vorne) nach Gewerken sortiert und zur Beurteilung bereit gelegt.
In der aufgeräumten Werkstatt von Axel Heizmann werden die Bewerberunterlagen (vorne) nach Gewerken sortiert und zur Beurteilung bereit gelegt. | Bild: Michael Schnur

Seit Jahren steht die Messe für zeitgenössisches Kunsthandwerk im Zollhaus für hohe Qualität und ausgesuchte Vielfalt. Erstes Anliegen der Jury ist es, bei der Auswahl der Aussteller diesem Ruf gerecht zu werden.

Jahr für Jahr zieht die Form nämlich nicht nur mehr Besucher an – 2018 schnellte die Zahl zahlender Gäste von 1500 auf 2000 hoch – auch renommierte Kunsthandwerker aus allen Teilen Deutschlands und den Anrainerstaaten wollen bei der Form ausstellen.

Um unter den vielen guten, die besten und interessantesten Designer herauszusuchen – 60 Bewerbungen für 29 Plätze lagen vor –, benötigt es viel Zeit und ein gutes Händchen. Axel Heizmann hatte deshalb die Jurysitzung gründlich vorbereitet, denn "die Atmosphäre eines solchen Treffens ist ganz entscheidend für die Qualität unserer Entscheidungen."

In einem ersten Schnelldurchgang sichten die vier Jurymitglieder die Bewerberunterlagen.
In einem ersten Schnelldurchgang sichten die vier Jurymitglieder die Bewerberunterlagen. | Bild: Michael Schnur

Im 24. Jahr der Form wissen die Juroren, dass sie in der Regel bis tief in die Nacht aussuchen, bewerten und entscheiden müssen. Das geht mit einem Glas Rotwein besser von der Hand. Goldschmied Uwe Berger aus Radolfzell ließ sich deshalb auch nicht lange bitten: "Ich komme gerade von der Autobahn, ich war in Pforzheim", ließ er seine Mitjuroren wissen, als er als Letzer die Werkstatt betritt. "Ich faste zwar, aber man muss wissen, wann man eine Ausnahme machen muss", strahlt und prostet seinen Kollegen herzlich zu.

Kurz vor ihm war die Hutmacherin Carolin Engel aus Radolfzell durch die Tür getreten und hatte sich sofort ein paar Weintrauben gegriffen. Sie kam gerade, wie auch die anderen, aus dem Geschäft und verlängerte den Tag durch die Jurysitzung.

Uwe Berger ist Mitinitiator der Form und von Anfang an dabei. Die Idee zur Messe der Vielfalt entstand am Stammtisch von Goldschmieden. Ursprünglich zählte die Jury sechs Mitglieder, heute sind es noch vier Juroren.

Axel Heizmann ist seit 13 Jahren, Carolin Engel seit elf Jahren dabei. Die Modedesignerin Isabell Schwarz stieß erst vor zwei Jahren zur Jury.

Nicht immer sind Uwe Berger und Carolin Engel einer Meinung. Es wird diskutiert.
Nicht immer sind Uwe Berger und Carolin Engel einer Meinung. Es wird diskutiert. | Bild: Michael Schnur

"Das ist ja großartig!" Axel Heizmann nimmt eine Bewerbungsunterlage zur Hand und ist spontan begeistert. Während er bei Uwe Berger Unterstützung findet, sind die beiden Frauen ganz anderer Meinung.

"Das ist doch ein wildes Durcheinander", sagt Carolin Engel und Isabell Schwarz fragt: "Was findest du denn daran gut?" Heizmann erklärt sich, kann seine Kolleginnen aber nicht überzeugen. Nach kurzem Austausch landet die Unterlage auf dem Stapel "Späternocheinmalanschauen".

Isabell Schwarz und Axel Heizmann nehmen die Unterlagen genau unter die Lupe.
Isabell Schwarz und Axel Heizmann nehmen die Unterlagen genau unter die Lupe. | Bild: Michael Schnur

Die Vorlagen bestehen alle aus einem Anschreiben, Fotos und Informationen zu dem Bewerber. Der erste Blick der Juroren geht zu den Bildern, dann werden die weiteren Unterlagen zunächst im Schnelldurchgang überflogen.

Wessen Bewerbung nicht den Kriterien entspricht, wird sofort aussortiert. "Wir nehmen keine Fotos oder Malerei, es geht um angewandtes Kunsthandwerk", sagt Axel Heizmann im SÜDKURIER-Gespräch. Diese Unterlagen landen dann auf der Kreissäge in der Ecke der Werkstatt.

Aber auch anderen Bewerbern kann die Kreissäge blühen: So hat eine Bewerberin zum Beispiel Unterlagen geschickt, die eher auf einen der zahlreichen Kunsthandwerkermärkte rund um den See passen, aber den Qualitätsansprüchen der Form nicht genügen. "Kreissäge" lautet die lakonische Bemerkung von Uwe Berger, die anderen stimmen zu.

Bei anderen Bewerbern sind die Juroren sogar etwas stolz. "Oh, toll, dass der sich bewirbt", heißt es, als sie die Unterlagen eines Hamburgers anschauen. Die Juroren kennen sich in der Szene aus und wissen, wer für Qualität und manchmal auch, wer für Spitzenqualität steht. In diesem Fall sind sie sich sofort einig, dass sie den Bewerber einladen werden.

Die Kreissäge: Wessen Unterlagen hier landen, der wird nicht eingeladen werden.
Die Kreissäge: Wessen Unterlagen hier landen, der wird nicht eingeladen werden. | Bild: Michael Schnur

Es wird ein langer Abend, der aber immer wieder von launigen Sprüchen und Gelächter unterbrochen wird. Irgendwann zwischendurch wird dann auch der Hunger zu groß. Axel Heizmann hat ein mehrgängiges Menü vorbereitet: Salat, Reis mit Zuckerschoten und Spinat mit Lachs.

Danach gehen die Juroren in die letzte Runde, nehmen die Unterlagen vor, bei denen sie unterschiedlicher Meinung oder unsicher waren. Schließlich stehen 29 Kandidaten fest.

Axel Heizmann und Uwe Berger im kritischen Dialog.
Axel Heizmann und Uwe Berger im kritischen Dialog. | Bild: Michael Schnur

Die Jury achtet dabei darauf, dass Bewerber vom Bodensee immer Vorrang haben. "Aber die die Qualität muss stimmen" sagt Carolin Engel. Heute kommen 80 Prozent der Kandidaten nicht aus der Region und letztlich wird 2019 wieder nur jeder fünfte Aussteller vom See kommen. "Wir schauen auch darauf, dass wir den Besuchern der Form Abwechslung bieten", sagt Uwe Berger.

Er wird die Auserwählten nun benachrichtigen, die ablehnenden Briefe schreibt Axel Heizmann: "Aber die machen wir auch ganz schön", sagt er, "schließlich freuen wir uns, wenn sie sich das nächste Mal wieder bewerben."