Es wird ein heißer Tag. Schon um zehn Uhr morgens knallt die pralle Sonne auf eine Böschung in der Nähe des Sulzbachs. Der Hang ist so steil, dass es von der Ferne ein zweites Hingucken braucht um zu erkennen, dass es sich bei den bunten Flecken darauf wirklich um Menschen handelt. Ein Paar Schritten näher machen es deutlich: Dort balancieren zwölf junge Erwachsene geschickt wie Bergziegen und rechen dabei das gemähte Gras zusammen. Sie sind die Teilnehmer eines internationalen Workcamps, zu dem sie sich vom 19. August bis zum 2. September in Sipplingen zusammengefunden haben. Sie kommen aus Spanien, Russland, der Tschechischen Republik und der Türkei, um bei der Pflege des Naturschutzgebiets am Bodensee mitzuhelfen und die Region kennenzulernen. Sie wollen in den Ferien nicht nur am Strand liegen, sondern wirklich mitanpacken.

Verschnaufpause. Die Wasserflasche wird mit der gleichen Selbstverständlichkeit rumgereicht, mit der auf Englisch gescherzt wird. Obwohl es für alle eine Fremdsprache ist und obwohl sie sich erst seit vergangenen Samstag kennen, ist die Vertrautheit zwischen den Teilnehmern deutlich zu spüren. Workcamp-Leiter Gerhard Weyers bestätigt diesen Eindruck. "Es ist nicht so, dass sie unbedingt besser arbeiten. Sie arbeiten einfach zusammen", lobt er die Teilnehmer. Das mache ihre Tätigkeit besonders effizient. Mit seiner Firma ProLand kümmert sich Weyers um die Landschaftspflege der Region, als Dienstleister für das Regierungspräsidiums Tübingen auch um das Naturschutzgebiet in Sipplingen. In Kooperation mit der Gemeinde und der gemeinnützigen Organisation Service Civil International (SCI) betreut er die Arbeit der jungen Erwachsenen während des Workcamps.

Auf dem Programm steht deswegen vor allem körperliche Arbeit. Mähen, rechen, schleppen – alles, was nötig ist, um das Naturschutzgebiet, Lebensraum vieler Tiere und Pflanzen, instand zu halten.

Christiane Neuhaus ist ihre freudige Spannung anzumerken. Sie ist für den SCI im Bereich der Workcampverwaltung erst seit Kurzem tätig und heute zum ersten Mal am Bodensee zu Besuch. "Für meine Vorgängerin war der Besuch in Sipplingen immer der Jahreshöhepunkt", erzählt sie fröhlich. Die Kooperation mit der Gemeinde sei so gut gelaufen, dass die Vorbereitung fast zum Selbstläufer wurde. Seit vor über zehn Jahren das erste SCI-Workcamp in Sipplingen seine Zelte aufschlug, habe sich ein breites Helfernetzwerk gebildet, sagt Neuhaus. Das mache das Treffen der jungen Menschen aus verschiedensten Ländern und Kulturen erst möglich.

Am Nachmittag und am Wochenende haben die Teilnehmer Zeit die Region zu erkunden, es wird zusammen gekocht und eingekauft. Die Arbeit sei zwar anstrengend, aber der beeindruckende Ausblick mache alles wieder wett, sagt Kaan Ercan aus der Türkei: "Ich glaube, ich war noch nie an so einem schönen Ort". Er blickt auf den See, der in der Sonne glitzert. Auf einmal wird das Surren der Hitze von einem Poltern übertönt: Ein Heuhaufen von der Größe eines kleinen Autos rutscht auf einer Plastikplane den 30 Meter langen Hang hinunter. Alle jubeln: Geschafft!

Service CivilInternational

Der Service CivilInternational (SCI) ist eine gemeinnützige Organisation, die sich unter anderem für Nachhaltigkeit, Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzt. Durch internationale Workcamps und längere Freiwilligendienste soll der kulturelle Austausch und ehrenamtliche Arbeit gefördert werden. Ihren Ursprung hat die Organisation in der Schweiz, wo sie 1920 von Pazifisten gegründet wurde. Der deutsche Zweig wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, um die Völkerverständigung durch Workcamps im Wiederaufbau zu stärken. Insgesamt gibt es allein in Deutschland circa 40 internationale Workcamps. In Sipplingen ist der SCI seit zehn Jahren aktiv. Jedes Jahr kommen für zwei Wochen junge Erwachsene aus verschiedenen Nationen in die Gemeinde. (ies)

Tamara Zdorova: "Einfach mal Hallo sagen."

Für die 20-jährige Russin ist der Deutschlandbesuch etwas ganz besonderes: sie studiert Deutsch in Moskau. Deswegen freut sie sich, dass die Sipplinger so offen und herzlich sind. "Auf den Straßen sagt man sich einfach Hallo", erzählt Tamara begeistert. Das sei auch einer der größten Unterschiede zu ihrem Heimatland, wo es nicht üblich sei, Unbekannte zu grüßen. An Sipplingen gefällt ihr außerdem die Natur. Auf der einen Seite der See, auf der anderen die grünen Hügel – das ist sie von der großen Stadt nicht gewohnt. Das Beste daran: der Sternenhimmel bei Nacht. Das Einzige, was ihr manchmal fehlt ist das Internet, um ihrer Familie und Freunde von ihren Erlebnissen zu erzählen.

Anna Font Massagué: "Wir wurden so herzlich aufgenommen."

Anna Font aus Spanien hat sich für den SCI entschieden, weil sie dessen weltweite Projekte vorbildlich und unterstützenswert findet. Das erste Mal wollte sie jedoch in Europa bleiben und hat sich deshalb für das Workcamp in Sipplingen entschieden. Sie bereut die Entscheidung nicht und ist begeistert von der Gastfreundschaft der Sipplinger. "Wir wurden so herzlich aufgenommen", sagt sie. Außerdem reizt sie besonders der Austausch mit den Menschen vieler Nationen und die Tatsache, etwas zum Erhalt von Flora und Fauna beizutragen. Anna kann sich gut vorstellen, ein weiteres Workcamp zu machen, erstmal geht es aber zurück zum Studium in ihrer Heimatstadt Barcelona.

Kaan Ercan: "Der schönste Urlaub."

Kaan Ercan aus der Türkei hatte zu Beginn vor allem mit der Kälte zu kämpfen. Dass es abends so frisch werde sei er aus seinem Heimatland nicht gewohnt. "Aber mit einer Decke mehr war das schon okay", erzählt er. Ercan ist schon das zweite Mal in Deutschland, das erste Mal hat er einen Sprachkurs in Heidelberg gemacht. Ihn fasziniert vor allem die Landschaft: der See, die Hügel, das Grün. Die Bodenseeregion ist für ihn der schönste Ort, den er je besucht hat. In der Türkei wohnt er in einer großen Stadt, weshalb er die Nähe zur Natur sehr genießt. Ein Höhepunkt war für ihn der Segel-Ausflug auf den See, den der Sipplinger Yacht-Club für die Gruppe organisiert hat.

Paula Vera: "Auch etwas Sinnvolles tun."

Paula Vera kommt aus dem spanischen Pamplona und findet, dass in ihrem Heimatland noch nicht genug ökologisches Bewusstsein herrscht. Deswegen hat sie Deutschland, wo mehr Wert auf Nachhaltigkeit gelegt werde, schon lange fasziniert. Als sie die Beschreibung des Workcamps in Sipplingen gelesen hat, hat sie sich sofort beworben. Sie wollte nicht nur Urlaub machen, sondern auch wirklich mit anpacken. Paula wurde nicht enttäuscht. Bisher hat sie an dem Programm nicht auszusetzen. Die Landschaft erinnert sie sogar ein bisschen an ihr zu Hause im Norden Spaniens. Einen so großen See gibt es dort allerdings nicht. Deswegen lauscht sie gerne dem Plätschern des Wassers.