Warum glauben Sie, waren Sie in Sipplingen ein beliebter Bürgermeister?

Als ich mich hier in Sipplingen beworben habe, habe ich festgestellt, dass ich und die Bevölkerung von Sipplingen ganz gut miteinander können. Ich habe das an der Reaktion der Bürger sofort gemerkt und ich hoffe, dass ich durch meine Arbeit dazu beitragen konnte, dass die Gemeinde sich nach vorne entwickelt hat und vor allem, dass durch den Zusammenhalt im Dorf das Gemeinschaftsgefühl auch gestärkt wurde. Ob man dann letztendlich beliebt ist, entscheidet dann der Bürger selber. Die Zusammenarbeit mit der Bürgerschaft empfand ich immer als sehr gewinnend und sehr herzlich. Die Aufnahme nach der Wahl war sehr herzlich. Das möchte ich in den Vordergrund stellen. Und auch die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung, mit den Vereinen, das kam da alles zum Ausdruck. Wir haben uns einfach gut verstanden. Und wenn ich hier weggehe, dann ist es sicherlich von meiner Seite auch ein gewisses schmerzliches Empfinden, wenn ich den Kontakt zu dieser Bevölkerung nicht mehr so intensiv habe, denn die Gemeinde ist etwas Besonderes. Ich spreche immer von der Perle am See. Das ist sie auch, das hat sie auch bestätigt. Und die Gemeinschaft und der Zusammenhalt im Dorf sind wirklich bemerkenswert und haben mich sehr beeindruckt.

Wenn Sie zurückblicken, was unterscheidet das heutige Sipplingen von dem vor 16 Jahren?

Eine Gemeinde ist nie fertig, sondern wird sich immer entwickeln. Es geht darum, die Bedürfnisse zu erkennen. Als ich hierher kam, war es so, dass ich die Naturlandschaft sehr geschätzt habe. Wir sind dann darangegangen, die Wege zu unterhalten, Bänke aufzustellen, den wunderschönen Blick auf den See wieder herzurichten und aus der Maßnahme hat sich dann eine Pflegekonzeption entwickelt. Die Grundstücks- und die Naturpflege in der Landschaft sowie die Entbuschungsmaßnahmen zeigen sich auch heute noch. Die Steiluferlandschaft ist ja aus der Sicht von Flora und Fauna eine sehr wertvolle Landschaft. Und ich glaube, dass wir dieses Wertvolle herausgearbeitet haben mit den Pflegemaßnahmen und dem Pflegekonzept, und dass da alle mitgeholfen haben. Mittlerweile haben wir den Schafstall zum Rinderstall umgebaut, und unser Landwirt Gobs macht die Sache wirklich tadellos. Die Landschaft ist also in guten Händen. Das ist eine Situation, wo man sagen kann, dort ist nicht nur der landschaftspflegerische und der ökologische Aspekt, sondern es ist auch der touristische Aspekt des nachhaltigen zurückhaltenden Tourismus dabei. Das Wandern haben wir wiederentdeckt, da lagen wir eigentlich voll im Trend. Das Wandern ist mittlerweile zu einem wesentlichen Punkt unserer touristischen Aktivität geworden. Und wenn wir dann weiterschauen, was sich anbot, lag eigentlich auf der Hand, das Ufer neu zu gestalten. Ich glaube, es war richtig, dass wir da zuerst mit dem Parkplatz angefangen haben, und dass es uns gelungen ist, die Fläche von der Bahn zu erwerben. Dann ging es weiter mit dem „Riva“, auch hier mussten schwierige Grundstücksverhandlungen geführt werden, Investor und Betreiber haben wirklich gestimmt.

Und dann folgte die Sanierung unseres Strandbereichs, die im Einklang mit der Uferrenaturierung stand. Dann wurde die Brücke gebaut, das Regierungspräsidium konnte die Flächen von der Bahn für einen Radweg kaufen, der von uns jetzt übernommen wurde als zugleich Zufahrt zum Westhafen. Dann die Ausbaggerung vom Westhafen, das war eine spannende Angelegenheit, ein ganz schwieriges Unterfangen. Und auch die Erweiterung des Hafens, das ist sicherlich ein Highlight am See, wenn es einer Gemeinde gelingt, eine Hafenerweiterung zu machen. Auch die ganze Uferkonzeption und dann der Neubau des „Seehaus“, dass es ein Sipplinger Betreiber ist, das finde ich wirklich großartig. Und dann die Abrundung mit dem Kronengarten, die Wirtsleute haben sich hier wirklich ins Zeug gelegt und bieten eine gute Gastronomie an. Wir haben hier eine abgerundete Sache und ein Konzept, das auch veränderbar ist. Wir haben natürlich sehr viele Badegäste. Diese offene Konzeption war damals gewollt. Das wurde auch damals im Wahlkampf auch so von der Bevölkerung rübergebracht und gefordert. Wenn sich da jetzt sich etwas anderes ergeben sollte oder müsste, wäre das zu jeder Zeit möglich. Also die Konzeption des Ufers glaube ich ist beispielhaft, und auch zukunfts- und leistungsfähig .

Das ist am See sicher eine nicht einfache Aufgabe gewesen, aber es war eine schöne Aufgabe, weil sie von einem auf der einen Seite Kreativität verlangt hat und auf der anderen Seite aber auch ein hohes fachliches Wissen, Organisationsgeschick und Durchsetzungsvermögen erfordert hat, genauso wie auch in gewisser Weise ein diplomatisches Vorgehen.

Ein Bild aus vergangenen Zeiten: Neher im Januar 2007 im damaligen Strandbad, vor der inzwischen abgeschlossenen Uferrenaturierung.
Ein Bild aus vergangenen Zeiten: Neher im Januar 2007 im damaligen Strandbad, vor der inzwischen abgeschlossenen Uferrenaturierung. | Bild: Holger Kleinstück

Von all dem, was erreicht worden ist: Gibt es irgendetwas, was Sie sich wirklich persönlich auf die Fahne schreiben?

Ich bin diese Maßnahmen so angegangen, dass ich einfach nur das Bedürfnis gesehen habe. Jetzt steht diese Abwägung im öffentlichen Interesse. Das öffentliche Bedürfnis war immer im Vordergrund, nie eine persönliche Präferenz, und ich glaube, dass das zum Schluss auch den Erfolg ausgemacht hat. Wie zum Beispiel der Radweg, die Brücke, die nicht nur für Radler sind, sondern auch eine Verbindung fürs Dorf zum See darstellt. Man muss immer den Mehrwert der Investition sehen. Wenn viele davon profitieren, umso mehr ist es dann wertvoll für uns alle. Und das war hier der Fall. Der Radweg endet ja jetzt am Landungsplatz. Ich würde mich freuen, wenn der dann irgendwann mal weiterginge.

Den Radweg hätten Sie sicher gerne schon in Ihrer Amtszeit verwirklicht gesehen, Sie haben sich ja immer wieder für ihn eingesetzt?

Ja, aber da muss man einfach sagen, dass man nicht alles umsetzen kann. Und man muss immer wissen, dass es eine Bundesangelegenheit ist, keine kommunale. Die Kommune kann da nur unterstützend wirken. Das Regierungspräsidium hat die Grunderwerbsverhandlungen auch für die seeseitige Verlängerung bis auf einen Fall abgeschlossen. Obwohl auch in gewisser Weise Widerstände kamen. Und in dem einen Fall, wo wir den Grunderwerb nicht abschließen konnten, ist der Bebauungsplan, der dort gilt, bestandskräftig, sodass auch hier eine planungsrechtliche Möglichkeit besteht, auch dieses kleine Stück des Radwegs zu bekommen. Wie dann die Querung oder die Weiterführung am Ende von Sipplingen sein soll, ob Brücke, schienengleicher Bahnübergang oder eine Unterführung, das muss noch diskutiert werden. Aber die Voraussetzungen sind sehr, sehr günstig. Sicherlich hätte ich den Radweg gerne verwirklicht, aber mein Nachfolger kann jetzt hier wirklich nochmals einsteigen.

Was hat Ihnen denn bei Ihrer Arbeit am meisten Spaß gemacht? Und gibt es etwas, was Sie wirklich geärgert hat?

Am meisten Spaß hat mir das Verhältnis zur Bevölkerung bereitet, die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung, das Vertrauensvolle, das Humorvolle. Es war selbstverständlich für mich, dass man immer zum Bürgermeister konnte, dass ich da keine besonderen Sprechzeiten hatte, sondern wenn es gerade reingepasst hat, dass man dann kurz aufs Rathaus gegangen ist und sich beim Bürgermeister erkundigt hat. Wir sind so eine kleine Gemeinde. Das persönliche Verhältnis war mir immer wichtig. Die Veranstaltungen und die Feste, die wir hatten, das war eine richtige Freude. Und das überwiegt manchen Ärger, den man durchaus manchmal hat, das bringt der Beruf einfach so mit sich. Das Positive an dem Beruf hat mich schon sehr beeindruckt. Das werde ich auch gerne mitnehmen, aber auch sehr, sehr vermissen.

Apropos Rathaus: Wie war denn hier die Zusammenarbeit?

Also das Rathausteam wird mir fehlen, wir haben zuverlässig und vertrauensvoll zusammen gearbeitet. Mir ist es ein ganz großes Anliegen, dem Team wirklich sehr zu danken. Ich schätze die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, egal in welchen Bereich. Es war eine wirklich klasse Zusammenarbeit, auch wenn es galt, mit schwierigen Problemen umzugehen. Das geschah in einer fachlichen, sachlichen und fast freundschaftlichen Art. Ich glaube, dass das auch sehr gut in der Bevölkerung aufgenommen wurde, denn der Bürger soll das Gefühl haben, dass er nicht auf eine Behörde geht, sondern dass er aufs Rathaus geht. Das war uns immer ein großes Anliegen und dass man sich untereinander auch menschlich begegnet und versteht.

Und wie empfanden Sie das gemeinsame Wirken mit Ihren Bürgermeister-Kollegen?

Auch das wird mir sicherlich fehlen. Die regelmäßigen Treffen und der Austausch mit den Kollegen erfolgten auf einer kollegialen, aber auch auf einer freundschaftlichen Basis. Das gelingt im Bodenseekreis, davon kann man wirklich profitieren. Ich habe interessante und schöne Stunden erlebt, da war alles dabei. Die erfahrenen Kollegen haben das geprägt und ich hoffe, dass die jungen Kollegen das übernehmen und sich als Einheit im Bodenseekreis sehen. Das war einfach eine gute Sache.

Soweit mir bekannt ist, hatten Sie in Sipplingen nur einen Zweitwohnung am Schallenberg, den Erstwohnsitz in Schmalegg, wo Sie vor Ihrer Sipplinger Zeit ja Ortsvorsteher waren. Wie lange war es denn ein Thema in der Bevölkerung, dass Sie mit Ihrer Familie nicht nach Sipplingen zogen?

Am Anfang war absolut geplant, dass wir hierher ziehen. Das hat sich aber aus familiären Gründen nicht verwirklichen lassen. Ich habe nie einen Unterschied gemacht, wo ich wohne. Ich war hier in der Gemeinde immer präsent, ich war der Gemeinde sehr verbunden, das werde ich auch weiterhin bleiben. Meine persönliche Verbundenheit zur Gemeinde hat eigentlich, glaube ich, die Bevölkerung überzeugt, dass es in meinem Fall nicht darauf ankommt, wo ich jetzt meinen Wohnsitz habe. Es hat für mich nie etwas anderes gegeben als für diese Gemeinde da zu sein und für sie zu wirken. Ich möchte mich nochmals herzlich bei der Bevölkerung bedanken, dass sie das so mitgetragen hat.

Sie haben sich ja intensiv am öffentlichen Leben in Sipplingen beteiligt, unter anderem als Vorsitzender der Bürgermiliz und Mitglied in der Fastnachtsgesellschaft. Was davon wird künftig bleiben?

Bei der Bürgermiliz ist es so, dass ich als Bürgermeister automatisch Vorsitzender war. Das werde ich dann nicht mehr sein, aber die persönliche Verbundenheit zur Bürgermiliz wird bleiben. Das ist ein Ausdruck, das ist mehr als Tradition, das verkörpert das Leben hier in der Gemeinde. Bei der Fasnet war ich auch sehr gerne dabei. So wie die Fasnet in dieser Region zum Ausdruck kommt, das ist Kultur. Und diese Kultur weiterhin zu pflegen, das gibt eine große Aufgabe für alle Fasnachtsvereine und Fasnachtsgesellschaften, besonders natürlich für Sipplingen, wo die Fasnet sehr beheimatet ist. Es ist eine Verpflichtung, mit dieser Tradition gut umzugehen und sie weiterhin zu fördern und zu fordern.

Und können Sie sich vorstellen, beispielsweise zu Fronleichnam oder zur Fasnet immer wieder nach Sipplingen zu kommen?

Aber selbstverständlich. Die Verbindung zu Sipplingen wird bleiben, so intensiv, wie ich die 16 Jahre erlebt habe, da kann man nicht einfach aufhören.

Das heißt, die Zukunft der Gemeinde wird Ihnen weiter am Herzen liegen?

Ja, natürlich ist mir wichtig, dass die Gemeinde für die Zukunft gut aufgestellt ist. Positiv ist, dass wir mehr Rücklagen als Schulden haben, dass wir im Landessanierungsprogramm sind, dass das Baurecht für das Rathaus und das Einvernehmen mit dem Landesdenkmalamt hergestellt ist und das anhand des Sanierungsprogramms auch die Finanzierung gesichert ist. Dass die Gemeinde in einem ordentlich Zustand übergeben wird, ist mir wichtig, da hab ich viel darauf hin gearbeitet. Man kann nicht jede Maßnahme abschließen, denn die Gemeinde entwickelt sich immer weiter.

Es wäre auch nicht richtig, kurzfristig zu denken, sondern muss das immer mittel- bis langfristig tun. Man muss immer in Konzepten denken und aus diesen Konzepten heraus müssen sich die Einzelmaßnahmen entwickeln und nicht umgekehrt. Und da sind wir auf einem guten Weg. Was jetzt noch ansteht ist die Entwicklung und Überarbeitung der Bebauungspläne, was mit der Turn und Festhalle geschieht, wie es mit dem Gewerbe- und Sportgebiet weiter geht. Das sind alles anspruchsvolle Aufgaben, die in der Zukunft geregelt werden müssen.

Am Freitag, 2. Juni, war ja Ihre offizielle Verabschiedung, aber Sie bleiben ja trotzdem noch ein paar Tage im Amt?

Ja, bis zum 30. Juni. Allerdings endet meine Amtszeit am 6. Juni, die nächste Gemeinderatssitzung wird deshalb mein Stellvertreter Clemens Beirer leiten.

Ist der 30. Juni also definitiv Ihr letzter Arbeitstag in Sipplingen?

Ja, definitiv. Am 1. Juli fängt Herr Gortat an. Ich wünsche ihm eine glückliche Hand und dass er sich in diesem Beruf gut zurechtfindet und dass er Freude hat, in Sipplingen zu sein.

Und Sie? Gehen Sie ganz in beruflichen Ruhestand oder bleiben Sie der Kommunalverwaltung noch anderweitig verbunden?

Nein, nichts Berufliches mehr. Ich werde mich mehr um meine Familie kümmern. Mal sehen, was die Kinder noch so vorhaben. Ich habe auch selber Familie, meine Frau hat Familie. Wir werden am Anfang vielleicht ein paar Reisen machen, die wir aufgeschoben haben. Der Beruf hat schon unser Privatleben sehr eingenommen. Aber der Beruf war für uns schon ein Gewinn, auch persönlich.

Fragen: Holger Kleinstück

 

Zur Person: Anselm Neher

Anselm Nehers 16-jährige Amtszeit endet am kommenden Dienstag, 6. Juni, seine Amtseinführung war am 7. Juni 2001. „Ich danke Ihnen, dass Sie mich als Ihren Partner im Rathaus gewählt haben“, waren die ersten Worte des Diplom-Verwaltungswirts (FH) nach seiner Wahl zum Bürgermeister. Neher hatte sein Amt „mit Freude im Herzen und dem Wunsch für eine gute gemeinsame Zukunft“, wie er sagte, übernommen. Zuvor war er elf Jahre Ortsvorsteher in Schmalegg bei Ravensburg. Bei seiner Wiederwahl am 8. März 2009 entfielen auf Neher 98,9 Prozent aller gültigen Stimmen, die Wahlbeteiligung lag bei 57,4 Prozent. „Das ist außergewöhnlich hoch. Ich bin sehr, sehr glücklich“, sagte er. Anlässlich seiner Ehrung zum 40. Dienstjubiläum im öffentlichen Dienst 2012 sagte er über Sipplingen: „Mir liegt diese Gemeinde einfach am Herz und ich möchte, dass es ihr weiter gut geht.“ Am gestrigen Freitag wurde der 64-Jährige in der Turn- und Festhalle offiziell verabschiedet. (hk)