Sipplingen – 34 Jahre und damit sieben Legislaturperioden – mehr als eine Generation lang – saß Josef Dichgans für die CDU am Ratstisch der Gemeinde Sipplingen. Dass er aus diesem Mandat mittlerweile ausgeschieden ist, begründet der 65-Jährige mit einem Nachlassen der Faszination. „Man drückt das schöner aus, indem man sagt, es ist Zeit, auch einmal anderen Köpfen Platz zu machen“, sagt Dichgans.

Es war 1984, als sich der damalige CDU-Ortsvereinsvorsitzende Ernst Sanktjohanser nach Dichgans' Rückkehr nach Sipplingen und kurz nach seiner Niederlassung als Anwalt ansprach, ob er bereit wäre, sich für den Gemeinderat aufstellen zu lassen. „Mir lag eine Zusage nahe, weil ich von Hause aus der Auffassung war, dass Demokratie nicht nur die Möglichkeit politischer Mitwirkung gibt, sondern diese auch in die Verantwortung der Einzelnen stellt“, begründet Dichgans, warum er sich seinerzeit und dann immer wieder als Gemeinderat hat aufstellen ließ. Schon sein Großvater war als Zentrumsmitglied Stadtverordneter in Elberfeld, sein Vater hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg an der Gründung der CDU in Überlingen beteiligt und ihm immer klargemacht, es nach der Zeit der Nationalsozialisten als eine Art moralischer Pflicht anzusehen, sich politisch zu beteiligen. „Es hat mir seither meist Freude gemacht, mich im Gemeinderat und später für 15 Jahre auch im Kreistag an der kommunalen Politik zu beteiligen.“ Die Gemeinderatstätigkeit war für ihn effektiver als die Tätigkeit im Kreistag. Dort habe Parteipolitik schon eine größere Bedeutung, die im Sipplinger Rat „glücklicherweise nie eine Rolle gespielt hat“.

Kleines, aber effizientes Gremium

Als Gemeinderat habe er vor den Wahlen festgestellt, dass es schwer sei, qualifizierte Kandidaten zu gewinnen. Dichgans: „So schafft schon das einen Beweggrund, erneut zu kandidieren.“ Tatsächlich habe ihm die Aufgabe der Mitgestaltung örtlicher Belange natürlich aber auch Freude bereitet. Dass der Sipplinger Gemeinderat ein kleines Gremium ist, erhöht seiner Meinung die Effizienz. Feindschaften habe es nie gegeben, „sondern bei allen Verschiedenheiten in der Überzeugung zu Sachfragen immer eine sehr freundschaftliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit, und das auch mit den Bürgermeistern“. All das sei für ihn motivierend gewesen.

Beim Rückblick auf die vielen Beschlüsse, die er mitgetragen hat, sagt er, ihm seien Bauangelegenheiten wegen der Verantwortung des Gemeinderats für das Ortsbild immer wichtig erschienen. "Gemeinderäte sind der Erhaltung und Entwicklung der Schönheit des Ortsbildes verpflichtet. Das ist in einem historischen Dorf wie Sipplingen eine ganz besondere Verantwortung", unterstreicht Dichgans. Er verweist darauf, dass Gemeinderatstätigkeit eine dienende und nicht eine herrschende Funktion habe. Die gesamte Gemeindeverwaltung einschließlich Gemeinderat solle den Bürgern dienen. „Manchmal wird sie deshalb am besten erledigt, wenn gar nicht viel von ihr wahrzunehmen ist“, sagt der Vater von sechs Kindern.

Dichgans legte immer Wert darauf, das Einzigartige und Althergebrachte Sipplingens zu bewahren und zu erhalten und modernen Zeiten nur soweit anzupassen, wie es dem Interesse der örtlichen Allgemeinheit entsprach. Das Ziel könne nicht sein, dafür zu sorgen, dass die Gemeinde nach einer Amtsperiode nicht mehr wiederzuerkennen ist. „Bei allem Gestaltungsdrang sollte ein Stein doch noch auf dem anderen bleiben“, sagt er. "Man soll Sipplingen noch wieder erkennen können, nach fünf, nach zehn, nach 20 und auch nach 100 Jahren."

Sipplingen aus der Vogelperspektive. Die Verantwortung des Gemeinderats für das Ortsbild empfand Josef Dichgans immer als wichtige Aufgabe.
Sipplingen aus der Vogelperspektive. Die Verantwortung des Gemeinderats für das Ortsbild empfand Josef Dichgans immer als wichtige Aufgabe. | Bild: Hilser, Stefan

Appell an jüngere Gemeinderäte

An neue und jüngere Gemeinderatsmitglieder appelliert Dichgans, dass Gemeinderäte das Bewusstsein des Bürgers behalten, nicht mit dem Antritt des Mandats auf die Seite der Verwaltung rückten und sich als die Herren des Geschehens ansehen sollten. „Sie vertreten die Bürger und sind nicht eine herrschende Klasse.“ Gemeinderatstätigkeit sollte nicht begriffen werden als eine Gelegenheit, in kürzester Zeit möglichst tiefe Spuren zu hinterlassen.

Josef Dichgans weist darauf, dass sich die Gemeinderatstätigkeit in den zurückliegenden Jahrzehnten verändert hat. Die Suche nach einem guten Einvernehmen und auch menschlich guten Verhältnissen sei früher noch ernster genommen worden, die Lust an der Veränderung habe eine eher geringere Rolle gespielt. Die zunehmenden Vorschriften hätten die Arbeit komplizierter gemacht. Die Fälle, in denen Entscheidungen aufgrund von Vorschriften notwendig werden und nicht primär aufgrund von sachlichen Notwendigkeiten, seien mehr geworden. Dichgans: „Wenn es so weitergeht, verlieren wir uns nicht nur auf Gemeindeebene, sondern überhaupt noch vollständig im Vorschriften-Urwald.“

Uli Kammerer (rechts) ist für Josef Dichgans nachgerückt. In der Mitte Bürgermeister Oliver Gortat.
Uli Kammerer (rechts) ist für Josef Dichgans nachgerückt. In der Mitte Bürgermeister Oliver Gortat. | Bild: Kleinstück, Holger

Weiter dem Beruf widmen

In Zukunft möchte sich Josef Dichgans weiter seinem Berufsleben widmen. „Es ist eine außerordentlich vielfältige Tätigkeit, die sowohl von der sachlichen Seite als auch von der menschlichen Begegnung her viel Freude macht.“ Die Freude darüber, Kompetenz und Erfahrung für einen Mandanten einzusetzen, sei eine schöne Aufgabe, „die die Sehnsucht nach dem Berufsende dann eher länger nicht aufkommen lässt“. Darüber hinaus wird sich Dichgans weiterhin vielen ehrenamtlichen Aufgaben widmen.