„Ich vermisse mein Zuhause schon sehr. Obwohl es mir hier natürlich auch gefällt“, erzählt Joy Kaufeldt. Die 16-Jährige lebt seit etwa zwei Jahren in einer Wohngruppe der Linzgau Kinder- und Jugendhilfe in Salem. Die Gründe für den Umzug in die Wohngruppe möchte sie aus persönlichen Gründen nicht nennen.

In der Wohngruppe werden Mädchen im Alter von 13 bis 19 Jahren aufgenommen, die wegen schwierigen Lebenslagen oder ihrer familiären Situation eine stabile Wohnmöglichkeit außerhalb der Familie benötigen. Beispielsweise, wenn Jugendliche traumatisierende Erfahrungen gemacht haben, wenn sie eine schulische Förderung brauchen oder wenn die Eltern Unterstützung in ihrer Erziehungsrolle benötigen.

Joy Kaufeldt soll planmäßig so lange in der Wohngruppe leben, bis sie ihren Schulabschluss in der Tasche hat, erzählt Heimerzieherin Antje Hug. „Das ist mit den Eltern und dem Jugendamt so abgesprochen“, sagt sie. Die Jugendliche besucht die Gemeinschaftsschule Salem und möchte im kommenden Jahr ihren Hauptschulabschluss machen. Kaufeldt sagt ehrlich: „Ich freue mich darauf, wenn ich dann wieder nach Hause darf.“

Zuhause. Das ist für die 16-Jährige in Villingen-Schwenningen. Dort ist sie aufgewachsen. Dort lebt ihre Familie. Dort sind ihre ganzen Freunde. Doch seitdem Joy Kaufeldt in der Mädchenwohngruppe lebt, nennt sie auch das große Haus in der Heiligenbergerstraße in Salem-Weildorf „ihr Zuhause“. Doch eben nur vorübergehend.

„Es ist ein bisschen wie eine Familie.“
Joy Kaufeldt über die Wohngruppe

Die Jugendliche versteht sich gut mit den anderen sieben Mädchen, die aktuell dort wohnen. „Es ist ein bisschen wie eine Familie“, erzählt sie. Kontakt zu anderen Jugendlichen hat Kaufeldt kaum. „Klar habe ich ein paar Freunde in der Schule. Aber eigentlich unternehme ich hauptsächlich was mit den Mädels aus der Wohngruppe.“

Die 16-Jährige fühlt sich wohl in dem Haus, das durch separate Wohneinheiten unterteilt ist. Am Anfang teilte sich Kaufeldt eine kleine Wohnung mit einem weiteren Mädchen. Mittlerweile lebt sie allein. Doch wirklich allein ist sie nie: Abgesehen von den einzelnen Wohnungen gibt es einen großen Gemeinschaftsraum und eine gemeinsame Küche.

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Mädchen verbringen viel Zeit miteinander

„Wir essen immer zusammen: Frühstück, Mittagessen und Abendessen“, erzählt Kaufeldt. Und auch abgesehen davon verbringen die Mädels viel Zeit miteinander. Einmal in der Woche organisieren die Betreuer der Wohngruppe einen Abend, an dem alle zusammen zum Beispiel Yoga oder Sport machen oder Anleitungen zur Mülltrennung oder zum Wäschewaschen bekommen.

Auch am Wochenende planen die Mädchen mit ihren Betreuerinnen regelmäßig Ausflüge. „Ich verstehe mich mit den anderen super. Und klar, kleine Streitereien gehören zum Alltag dazu“, sagt Kaufeldt und schmunzelt. Dass sie sich in der Gruppe wohlfühlt, war nicht immer so. Die Jugendliche erinnert sich noch genau an ihre ersten Wochen in Salem, plötzlich weg von ihrer Familie.

Das Handy gibt‘s nur für vier Stunden am Tag

„Es war eine enorme Lebensumstellung. Ich musste mich ganz stark daran gewöhnen, dass ich ab sofort für alles feste Zeiten habe“, blickt Kaufeldt zurück. Es sei anfangs nicht einfach gewesen. Heimerzieherin Hug betont, dass sich die 16-Jährige im Vergleich zu anderen Mädchen schnell eingelebt habe. „Es hat nicht lange gedauert, bis Joy sich an die Regeln angepasst hat. Wir kamen von Anfang an gut mit ihr klar“, sagt sie.

Nicht nur die Essenszeiten sind für die Jugendliche seit ihrem Umzug nach Salem fest eingeplant. Es gibt auch reguläre Bettgehzeiten und für jedes Mädchen eine bestimmte Handyzeit. „Aktuell sind es bei mir vier Stunden am Tag, an denen ich mein Handy benutzen darf“, sagt Joy Kaufeldt.

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Einfach so für einen Spaziergang nach draußen? Auch das muss stets mit den Betreuern abgeklärt werden. Pro Woche haben die Mädchen eine Ausgangszeit von insgesamt vier Stunden – abgesehen von Aktivitäten, die die Gruppe gemeinsam macht. „Im Sommer gehen wir zum Beispiel an den Schlosssee zum Schwimmen und wir haben auch schon einmal eine Alpakawanderung gemacht“, erzählt Kaufeldt.

Nach dem Abschluss geht es wieder nach Hause

Eine flexiblere Freizeitgestaltung hat die 16-Jährige, wenn sie nach Hause fährt und ihre Familie besucht. Jedes zweite Wochenende und ein paar Tage in den Ferien verbringt sie daheim. „Da kann ich dann auch auf Geburtstagspartys von Freunden gehen“, erzählt sie. Für sie heißt es jetzt: Die Schulzeit gut beenden – dann geht es für Joy Kaufeldt voraussichtlich wieder komplett nach Hause. Heimerzieherin Hug ist zuversichtlich: „Ich bin mir sicher, dass Joy ihren Weg finden wird.“