Ein 1:1 Konzert fängt schon vor dem Konzert an. Der Hörer muss, bevor er den Mikro-Konzertraum betritt und sich gegenüber dem Musiker hinsetzt, „sich leeren“. Der Gastgeber instruiert deshalb den Konzertbesucher schon vor der ersten Schwelle ins temporäre Konzerthaus.

Matthias Schenkl von der Salemer Galerie L – wie Materie nimmt die einzelnen Gäste in Empfang. „Runter kommen“, „den Alltag beiseite lassen“, „nicht mehr den Gedanken nachgehen“, „sich für Musik öffnen“. Solche Aufforderungen von Schenkl sind der erste Schritt vor dem Zehn-Minuten-Konzert, sich auf ein besonderes Erlebnis einzulassen.

Oboist Alex Hanzmann von der Südwestdeutschen Philharmonie spielt für Gastgeberin Silke Senft in deren neuen Destillerie ein Konzert. Der mächtige Brennkessel prägt den Raum, sorgt aber laut den Musikern für eine besondere Akustik.
Oboist Alex Hanzmann von der Südwestdeutschen Philharmonie spielt für Gastgeberin Silke Senft in deren neuen Destillerie ein Konzert. Der mächtige Brennkessel prägt den Raum, sorgt aber laut den Musikern für eine besondere Akustik. | Bild: Mardiros Tavit

Einlassen auf den intimen Moment, der im Galerieraum folgt. Ab dem Hauseingang darf nicht mehr gesprochen werden. Ein Musiker wartet auf den Konzertbesucher. Ihm gegenüber, mit zwei Meter Abstand ein leerer Stuhl. Die ganze Szenerie ist auf dem Boden eingerahmt mit einem weißen Seil, der einfachste Konzertsaal, den es geben kann. Ein Musiker – ein Zuhörer – zwei Meter Abstand – eine Bodenmarkierung. Mehr benötigt es nicht für das Folgende.

Musiker und Hörer schauen sich in die Augen

Eine Minute lang schauen sich Musiker und Hörer in die Augen. Nichts ist dazwischen, kein Tisch, keine Glasscheibe. Wenn die Augen das Spiegelbild der Seele sind, dann liegt die Seele in diesem Augenblick schutzlos frei. „Spannend“, „intim“, „anstrengend“, „außergewöhnlich“ wird dieser Moment später sowohl von den Musikern wie auch von den Hörern beschrieben.

Ein Gefühlsaustausch, Empathie pur, für diejenigen, die sich weit öffnen können. Der Musiker spielt. Für die augenblickliche Gefühlswelt. Nur für den einen Zuhörer. Nach dem Konzertende wird der Zuhörer hinaus begleitet. In den Garten des historischen, markgräflichen Forsthauses, in dem sich die Galerie L – wie Materie befindet. Auch jetzt heißt es noch, bis zur Schwelle zum Garten sprechen verboten.

Die Zuhörer können meistens auch nicht gleich sprechen. Sie sortieren sich erst. Lassen das Konzert auf sich wirken. Einige unterhalten sich dann, mit denen, die zuvor das Erlebnis hatten. Andere gehen gleich weiter. Reaktionen so unterschiedlich, wie Menschen sind.

Auf der gelben Bank unter dem Apfelbaum vor dem historischen Forsthaus heißt es, „Auszeit nehmen vom Alltag“. Gastgeber Matthias Schenkl (Mitte) mit den wartenden Zuhörern Christoph Hahn und Eryka Goll.
Auf der gelben Bank unter dem Apfelbaum vor dem historischen Forsthaus heißt es, „Auszeit nehmen vom Alltag“. Gastgeber Matthias Schenkl (Mitte) mit den wartenden Zuhörern Christoph Hahn und Eryka Goll. | Bild: Mardiros Tavit

Elisa Wickert vom Konzertbüro der Stuttgarter Staatsoper weiß von extremen Reaktionen zu berichten. „Manchmal kommen Menschen Tränen überströmt aus dem Konzert.“ Und auch in Salem hat manch einer feuchte Augen, als er aus dem Konzertraum tritt. Das intensive Musikerlebnis berührt viele Menschen. „Nähe auf Distanz“ nennen das die Organisatoren.

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Mit-Initiator Christian Siegmund, der das Konzept mitentwickelt hat, ist auch vor Ort. Seine gute Stimmung, ob des gelungenen und von den Musikfans angenommen Formats, ist ihm anzusehen. Den ganzen Tag läuft er mit einem Lächeln auf den Lippen durch die Salemer Destillierie Senft, wo weitere Konzerte parallel stattfinden.

„Wie weit kann ein Konzert reduziert werden?“

Im SÜDKURIER-Gespräch erzählt er begeistert von der Entwicklung und dem Konzept. „Wir haben uns überlegt: Wie weit kann ein Konzert reduziert werden?“ Ein Musiker, ein Zuhörer, zwei Meter Distanz in einem markierten Raum. „Dazu kaum die Rolle des Gastgebers, der die Konzertbesucher auf das besondere Erlebnis einstellt.“

Die Salemerin Marion Müller von Kralik brachte das neue Konzertformat nach Salem. Sie arbeitet in der Abteilung Sponsoring und Events der Landesbank Baden-Württemberg, dem Hauptsponsor der Stuttgarter Staatsoper. Zunächst dachte sie bei der Suche nach einem Veranstaltungsort an das neue Salemer Rathaus. „Doch vom Bürgermeister kam keine Antwort“, erzählt die Eventmanagerin. Die Galerie L – wie Materie und die Destillerie Senft boten sich als Alternativen an. Am Ende übernahm die Gemeinde die Reisekosten der Stuttgarter Musiker.

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