Mehrfach haben Johann Jäger und Simon Weber auf ihren Salemer Ackerflächen Mais ausgesät. Jedes Mal machten sich Wildschweine darüber her. Die Landwirte sind frustriert ob ihrer Sisyphusarbeit. Mit einem bereits zugesicherten Schadensersatz wollen sie sich nicht zufriedengeben. „Wir erwarten fruchtbare Maßnahmen wie Schießen oder ein Einzäunen der Flächen“, fasst Hubert Einholz als Vorsitzender des Ortsverbandes Salem/Uhldingen-Mühlhofen des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) ihre Forderungen zusammen.

Bereits drei vergebliche Versuche

Seit Ende April läuft die Aussaat. Bislang ohne Erfolg. Jäger erzählt von dem bislang dritten, vergeblichen Versuch, Maissamen in den Boden in Bifangweihernähe einzubringen. Sein Sohn Dominik sei um 23.30 Uhr mit der Sämaschine vom Acker gefahren. Bereits am nächsten Morgen fand Familie Jäger eine im wahrsten Sinne des Wortes „Riesensauerei“ vor. Korn für Korn hatten Wildsauen herausgewühlt und den vom Markgräflich Badischen Gutsbetrieb gepachteten Ackerboden umgepflügt. „Das fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht“, beschreibt Jäger Senior sein Empfinden von Machtlosigkeit gegenüber den ungebetenen Gästen. Sein Buggensegler Kollege Simon Weber beschreibt es als „komisches Gefühl“, wenn man abends ins Bett gehe und Angst haben müsse, bis zum nächsten Tag sei alle Arbeit des Vortags wieder zunichtegemacht.

Mehrere Rotten Wildschweine vermutet

„Das müssen mehrere Rotten sein“, vermutet Weber angesichts des Schadensausmaßes. Von Tüfingen bis Oberuhldingen und Mimmenhausen reichten die Schäden. Auch selbst bewirtschaftete Felder des Markgräflich Badischen Gutsbetriebs des Hauses Baden seien betroffen. Weber selbst hat zweieinhalb Hektar Ackerflächen aufgrund von Schwarzwildschaden teils schon dreimal neu bestellen müssen. Wenn es diesmal nicht fruchte, bringt ihm die Aussaat nichts mehr, wie er sagt. Zu viel Vegetationszeit gehe verloren. „Den Maispflanzen fehlen dann zu viele Sonnenstunden“, erklärt der Bauer. Am Ende würden sie dann nur noch kniehoch wachsen anstatt 1,5 Meter oder höher.

Jagdpächer sind bisher nicht aktiv

Die Hoffnung setzt er wie sein Kollege auf die entsprechenden Jagdpächter. Die sollten sich ihrer Meinung nach in Äckernähe auf die Lauer legen und einen Teil der Wildtiere schießen. Seit dem 4. Mai warte er darauf, aber kein Weidmann lasse sich blicken, erzürnt sich Jäger. Immerhin sei nun vonseiten des markgräflichen Gutsverwalters Roman Strasser „ein positives Signal“ gekommen. An einem Feld seien Pfähle mit für die Tiere unangenehmen Duftstoffen eingesetzt worden. Gebracht hat die Maßnahme laut Jäger leider nichts. Er hat nun seinerseits begonnen, eine Ackerfläche einzuzäunen. „Das ist zeitintensiv, kostet Geld und ist eigentlich nicht meine Aufgabe“, befindet Jäger. Am liebsten würde er die Ackerböden in diesem Jahr brach liegen lassen. Das gehe aber wegen der bereits vollzogenen Unterfußdüngung nicht. Werde nicht angepflanzt, verbleibe der Dünger ungenutzt im Boden.

Das könnte Sie auch interessieren

„Ökologisch ist das natürlich nicht sinnvoll“, erläutert Einholz vom Bauernverband. Also müssen Jäger und Weber einen neuen Säversuch starten. Dass sie eine Entschädigung bekommen, reicht ihnen nicht. Beide fragen sich wie Einholz, warum das Schwarzwild bei den Salemer Weihern trotz mehrfacher Nachfrage nicht bejagt werde. “Geldscheine im Silo helfen mir nicht, meine 130 Kühe zu füttern“, unterstreicht Weber.

Bergmann rät zu wechselnden Zwischenfrüchten

Lucas Bergmann von der Solidargemeinschaft Wegwarte schaut zusammen mit Anja Steppacher nach den Kohlrabipflänzchen.
Lucas Bergmann von der Solidargemeinschaft Wegwarte schaut zusammen mit Anja Steppacher nach den Kohlrabipflänzchen. | Bild: Martina Wolters

Eine etwas andere Einstellung zur Wildschwein-Problematik hat Lucas Bergmann von der Salemer Solidargemeinschaft Wegwarte. Auch die Solidargemeinschaft hat ein, wenn auch deutlich kleineres Feldstück mit Maissaat an die Schwarzkittel verloren. Obwohl dadurch am Ende „weniger Zuckermais auf unseren Tellern landet“, findet Bergmann: „Die Wildschweine haben auch ihre Berechtigung.“ Trotzdem zeigt er Verständnis für die Frustration von Weber und Jäger. „Es ist verständlich, sich aufzuregen, wenn die ganze Arbeit umsonst gewesen ist“, so der junge Mann. Um die Sauen nicht weiter mit Maispflanzen anzulocken, rät Bergmann, nicht zu oft hintereinander Mais anzubauen, sondern auf andere Zwischenfrüchte zurückzugreifen.

Warum schießen die Jäger nicht?

„Ich bin Landwirt und Jäger und kann von daher beide Seiten gut verstehen“, sagt Roman Strasser, Betriebsleiter des Markgräflich Badischen Gutsbetriebs des Hauses Baden. Ihm ist die Problematik der stark zunehmenden Schwarzwildpopulation wohlbekannt. „Die Kurve geht exponentiell hoch“, so Strasser. Die Gründe sind für ihn vielschichtig. Sie reichen von der Klimaveränderung und damit einhergehenden milden Wintern bis hin zu einem ganzjährigen Futterangebot durch üppiges Wachstum der futtertragenden Bäume. Weil das weibliche Schwarzwild die für die Geschlechtsreife nötigen 20 Kilogramm Gewicht so immer schneller erreichten, könnten sich die Tiere ungehemmt vermehren. „Mehr Schweine brauchen dann auch wieder mehr zu fressen“, prognostiziert der studierte Agrarökonom eine Zunahme der Problematik zum Herbst.

Dass jagdliche Eingriffe von Nöten sind, weist Strasser nicht von der Hand. Allerdings zeigt er genauso die schwierige Situation für die Jäger auf. Die seien zumeist berufstätig und jagten ehrenamtlich. Mit dem, was geschossen und anschließend verkauft werde, bestreite der Jagdpächter normalerweise seine Pachtgebühr. Derzeit finde Wildfleisch wegen der Corona-Pandemie kaum Abnehmer. Hinzu kommt gemäß Strasser, dass das Bejagen von Wildschweinen komplex ist. Es erfordere viel Zeit und vor allem das richtige Licht. Bei Neumond oder wolkenverhangenem Himmel sei die Sicht zu schlecht. Strasser plädiert für eine enge Zusammenarbeit zwischen Jägern und Landwirten. Im Kampf gegen die Wildschweinrotten auf den markgräflichen Feldern setzt Strasser derzeit auf das Streuen von biozertifiziertem Elementarschwefel. Dadurch soll den nächtlichen Besuchern der Appetit auf Mais vergehen. Sollte die Wildschweinpopulation trotz verstärkter Bejagung weiter stark ansteigen, hält der Gutsverwalter eine Abschussprämie von Seiten des Landes für sinnvoll. So könnten Anreize zum Bejagen geschaffen werden. Gerade auch im Hinblick auf die von Polen her näher rückende Tierseuche, die Afrikanische Schweinepest.

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.