Die größten Turbulenzen in ihrer 100-jährigen Geschichte erlebte die Schule Schloss Salem in den 1980-er Jahren. Max Markgraf von Baden, Schirmherr der Schulstiftung, die eine Schöpfung seines Großvaters Max von Baden ist, kündigte der Schule Schloss Salem Ende 1986 den Miet- und Pachtvertrag. Er wollte die international renommierte Lehranstalt aus seinem Schloss draußen haben – dort war das Kernstück untergebracht mit Internat und Mittelstufe, die damals 240 Schüler beherbergte. Am Ende mündete dies in den Bau des Salem International College am Überlinger Härlen, das Ausweichdomizil werden sollte. Das College wurde zwar gebaut, aber am Ende, nach vielen Prozessen, verließ die Schule Schloss Salem ihren Gründungsort dann doch nicht. Stattdessen erlebte das Haus Baden einen Machtwechsel: 1998 machte Max Markgraf von Baden seinen ältesten Sohn Bernhard Erbprinz von Baden zum Generalbevollmächtigten. Eine Personalveränderung, die auch das Ende der Auseinandersetzungen mit der Schule erleichterte.

Noch zur 60-Jahr-Feier stimmte die Chemie

Das Verhältnis zwischen der Schule Schloss Salem und dem Margrafen war nach dem Krieg auch in schwierigen Zeiten immer eng gewesen. Als nach 1945 die Schulden drückten, half der Enkel des Schulgründers dem Internat ebenso, wie er den 1974 als Schulleiter eingesetzten Reformpädagogen Bernhard Bueb nach anfänglichem Zögern mittrug. Noch 1980, bei der 60-Jahr-Feier der Schule, schien die Welt in Ordnung. Der Markgraf gab ein lebendiges Resümee der Schulgeschichte und endete mit den Worten, dass „wir heute auf eine gefestigte, bekannte und gute Internatsschule unter Dr. Bueb schauen dürfen.“

Das Ende des Schulstreites markiert dieser SÜDKURIER-Artikel vom Montag, 15. März 1999. Bernhard Erbprinz von Baden und Eberhard von Kuehnheim als Vorsitzender des Schulvereins besiegelten einen neuen Mietvertrag durch ihre Unterschriften.
Das Ende des Schulstreites markiert dieser SÜDKURIER-Artikel vom Montag, 15. März 1999. Bernhard Erbprinz von Baden und Eberhard von Kuehnheim als Vorsitzender des Schulvereins besiegelten einen neuen Mietvertrag durch ihre Unterschriften. | Bild: Kurt Hahn Archiv
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Markgraf und Schulleiter wurden zu Widersachern

Doch in den folgenden Jahren wurden Schulleiter und Markgraf zu Gegnern. Bueb, ein Schüler des Reformpädagogen Hartmut von Hentig, und die Mehrheit des Vorstandes wollten eine Lockerung des rigigen Internatscomments. Der Schirmherr indes verlangte nach einem Straffen Regiment. „Der würden am liebsten eine Kadettenanstalt aus Salem machen“, zitierte 1986 „Der Spiegel“ ein Vorstandsmitglied. Die damaligen Artikel im SÜDKURIER und anderer, überregionaler Zeitungen, stellten die Bilder von Bueb und Markgraf immer wieder als direkte Kontrahenten gegenüber. Mitte Januar 1987 reichte der Markgraf dann die Begründung für die Kündigung nach. Er sei „mit dem Führungsstil nicht einverstanden“ und wolle deshalb die Verbindung der Schule zum markgräflichen Hause lösen. Gleichzeitig forderte er die Entlassung des neunköpfigen Vorstandes, dem er selber angehörte, und des Schulleiters Bernhard Bueb.

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Im Internat herrschten strenge Regeln

Die Regeln waren streng damals in Salem. Wer Unterricht schwänzte oder anderweitig über die Stränge schlug, riskierte eine „Exe“, einen zusätzlichen Straflauf durch die markgräflichen Parkanlagen, schrieb der Spiegel damals. Und Jugendliche, die vor der elften Klasse rauchten oder tranken, wurden für acht Tage nach Hause geschickt. Wer gar intim mit einem Mädchen erwischt wurde, musste Salem verlassen. Um den Lebenswandel der in Schloß Spezgart bei Überlingen untergebrachten Oberstufenschüler sorgte sich der Markgraf ganz besonders. Er sah die Prinzipien, die sein Großvater und der Pädagoge Kurt Hahn (1886 bis 1974) bei der Gründung festgelegt hatten, als nicht mehr eingelöst an. Der „Salemer Geist“ war für ihn abhanden gekommen.

Politische Strömungen missfielen dem Markgrafen

Und auch, was sich an politischen Strömungen breit machte, missfiel dem stockkonservativen Markgrafen, der noch vor wenigen Jahren mit sichtlich großer Freude den Großen Zapfenstreich bei den Bürgerwehren und Milizen von Baden-Südhessen abnahm. Und da wurde nun in den 1980-er in der Salemer Oberstufe über das damals brisante Thema „Nachrüstung“ diskutiert und dazu der ehemalige Bundeswehrgeneral Gerd Bastian von den Grünen eingeladen. Der Schlossherr sei „fast explodiert“, zitierte der Spiegel damals einen Insider.

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Keine Versöhnung zum Kurt-Hahn-Geburtstag

Vergeblich war die Hoffnung, dass die Feiern zum 100. Geburtstag des Gründerpädagogen Kurt Hahn zur Versöhnung beider Seiten führen könnte. Intern wurde im Juni gefeiert, mit dabei rund 100 Uraltsalemer, die noch zu Hahns Zeiten in Salem erzogen worden waren. Zum großen offiziellen Fest im Oktober 1986 mit 2000 Gästen hatten Bundespräsident Richard von Weizsäcker und König Konstantin von Griechenland zugesagt. Die markgräfliche Famile blieb ostentativ fern.

Haus Baden will eine neue Schule gründen

Als ein internes Salemer Schiedsgericht die Kündigung für unwirksam erklärt hatte, ging der Markgraf dann durch die juristischen Instanzen. Klagte vor dem Landgericht Konstanz, dem Oberlandesgericht Karlsruhe und schließlich vor dem Bundesgerichtshof. „Für den Markgrafen ist das Tischtuch zerschnitten“, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung im März 1988. Ende dieses Jahres gründeten die Altsalemer in München einen neuen „Salemer Bund“, um den „Verfall zu retten“, wie es hieß. Und der Markgraf legte die Schirmherrschaft ab und gab auf einer Pressekonferenz in Überlingen bekannt, dass er beim Amtsgericht Überlingen eine eigene, neue Salemer Internatsschule habe eintragen lassen.

Projekt „Salem 2000“ führt zum College-Bau

Am Ende des Jahrzehnts, im April 1990, fast auf den Tag genau 70 Jahre nach Gründung der Schule, gleisten die Schulträger das Projekt „Salem 2000“ auf. Es beinhaltet die Verlegung der Mittelstufe nach Spezgart und den Neubau der Kollegstufe auf dem Überlinger Härlen. Für dieses Salem College wurde ein völlig neues Konzept entworfen, hier sollte man erstmals in Deutschland das Internationale Bakkalaureat (IB) ablegen können. Eine internationale Hochschulreife, die in Englisch erworben wird. Ein Vorgriff auf die 1990-er Jahre: Am 19. November 1994 beschloss der Verein Schule Schloss Salem den Plan „Salem 2000“ in Überlingen zu realisieren.

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Versöhnung mit Erbprinz Bernhard

Doch auch die Welt im Schloss wandelte sich Ende der 1980-er Jahre. Das Markgräfliche Haus war in erhebliche finanzielle Schieflage geraten und der Clanchef ernannte 1998 Prinz Bernhard zum Generalbevollmächtigten. Innerhalb eines umfassenden Sanierungskonzeptes wurde nun auch die touristische Nutzung des Schlossgeländes durchdacht und es tauchten Gerüchte auf, dass ein Verbleiben der Schule nun doch nicht mehr so ganz unerwünscht sei. Als die Grundstückkäufe für das neue College schon fast abgewickelt waren, erhielt der Schulverein dann plötzlich doch noch ein Angebot zum Bleiben des Internats im Schloss. Am 13. März 1999 unterschrieben Prinz Bernhard und der Vorsitzende des Schulvereins Eberhard von Kuehnheim den neuen Nutzungsvertrag, der auf 99 Jahre angelegt ist. Der Streit ist Geschichte.

Die konstituierende Sitzung der Kurt-Hahn-Stiftung fand am 24. Januar 1984 in Frankfurt/Main statt. Mit dabei waren Inge Hubert, Gerda Koepff, Ulrich Wackerhagen, Alfred Mauritz, Carl-Jochen Winter, Herbert Schnitzler, Heinz A. Lessing, Ambos Schindler, Helmut Poensgen und Bernhard Bueb.
Die konstituierende Sitzung der Kurt-Hahn-Stiftung fand am 24. Januar 1984 in Frankfurt/Main statt. Mit dabei waren Inge Hubert, Gerda Koepff, Ulrich Wackerhagen, Alfred Mauritz, Carl-Jochen Winter, Herbert Schnitzler, Heinz A. Lessing, Ambos Schindler, Helmut Poensgen und Bernhard Bueb. | Bild: Kurt Weiner, Kurt-Hahn-Archiv SK 998

Kurt-Hahn-Stiftung öffnet Schule für Stipendiaten

Ungeachtet des Schulstreits gehört in die 1980-er Jahre als wichtiges Kapitel der Schulgeschichte die 1983 erfolgte Gründung der Kurt-Hahn-Stiftung in Frankfurt am Main. Ihr Zweck ist die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit förderungswürdigen Talenten, um ihnen den Besuch des Internates Schule Schloss Salem zu ermöglichen. Die Kurt-Hahn-Stiftung unter dem Dach des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft wurde mit dem Vermögen der von der Altsalemer Vereinigung (ASV) 1967 ins Leben gerufenen „Stiftung zur Unterstützung der Salemer Schulen“ ausgestattet, an der Kurt-Hahn-Stiftung beteiligt sich auch die „Vereinigung der Förderer der Schule Schloss Salem“, der Salemer Förderverein. Damit waren die Weichen gestellt, den Anteil der Stipendiaten kontinuierlich zu erhöhen und damit Salem konsequent zu öffnen für Schüler, bei denen nicht die Herkunft und die Kapitaldecke der Eltern zählt, sondern ihre ganz persönlichen Fähigkeiten.

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Als rechtsfähige Kapitalstiftung kann die Kurt-Hahn-Stiftung ihre Gelder dauerhaft anlegen und aus den Zinsen neben regelmäßigen Schülerstipendien auch Einzelprojekte wie beispielsweise größere Bauvorhaben an der Schule Schloss Salem fördern. Der unabhängigen Arbeit der Schule Schloss Salem sollte die Stiftung damit „Sicherheit und Kontinuität“ verleihen. Auch (potentiellen) Stiftern bietet eine Spende an die Kurt-Hahn-Stiftung die Gewissheit, dass die Gelder dauerhaft erhalten bleiben und den Erziehungsgrundsätzen Kurt Hahns zugutekommen. Daher galt die Kurt-Hahn-Stiftung bei ihrer Gründung als „entscheidender Baustein für die Zukunft Salems“, schreibt ASV-Präsident Ulrich Wackerhagen im Oktober 1982 in den ASV-Mitteilungen. Die Verwendung der Namens von Schulgründer Kurt Hahn war zuvor von dessen Angehörigen gebilligt worden.

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