Es ist kurz vor 18 Uhr, das Wetter kann sich nicht zwischen Sonne und dunklen Wolken entscheiden und Birgit Baur nähert sich dem Neufracher Sportplatz. Diesen Startpunkt hat sie an diesem Abend für ihren Haustürwahlkampf gewählt; die Flyer stecken in ihrer Tasche direkt neben dem Notizbuch, in das sie konkrete Ideen und Wünsche an die Gemeinde von den Menschen schreibt, die ihr unterwegs begegnen.

Video: Lena Reiner

Doch Baur kann an diesem Abend gar nicht, wie geplant, von Haus zu Haus ziehen. Als sie am Sportplatz eintrifft, wird sie von einer unmittelbaren Anwohnerin direkt erkannt. Margrit Rebstock ist Grundschullehrerin und nutzt sofort die Gelegenheit, um der Bürgermeisterkandidatin auf den Zahn zu fühlen. Ihre Themen? Nachhaltigkeit, das Gesundheitswesen und zuallererst der Sportplatz, auf dem die beiden Frauen an diesem Abend stehen. „Es gibt irgendwo ein Konzept für den Platz, das wir erarbeitet haben, weil es hieß, dass es das braucht, damit er erhalten bleibt“, schildert sie. Wichtig sei dieser Ort des Zusammentreffens und zwar sowohl für die, die schon lange hier leben, als auch für die, die neu hinzugezogen sind. Sie schildert, wie hier Flüchtlinge und alteingesessene Fußballspieler zusammengetroffen sind: „So gelingt das mit der Integration!“

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Gemeinde hat Nachholbedarf bei der Nachhaltigkeit

Von Baur möchte sie wissen, ob diese die Wichtigkeit des Platzes sieht und die betont sofort: „Bauen, bauen, bauen, das ist für mich keine Lösung. Der Platz hier ist wichtig als schöne, grüne, kleine Lunge“, erklärt sie. Wenn hier Häuser stünden, wäre vielleicht etwas Wohnraum gewonnen, dafür aber viel Lebensqualität verloren, führt sie weiter aus. Überhaupt sehe sie im Bereich Nachhaltigkeit noch einigen Nachholbedarf in Salem: als Beispiel nennt sie die Nutzung erneuerbarer Energien, die auch beim Bau der Neuen Mitte versäumt worden sei. „Ich finde, man sollte in der Kommunalpolitik immer die übernächste Generation mitdenken und dementsprechend handeln“, erklärt sie. Sie halte wenig davon, im Bereich Ökologie und Nachhaltigkeit erst dann aktiv zu werden, wenn ein gesetzlicher Zwang dazu bestehe.

Fast zwei Stunden lang spricht Birgit Baur mit einer unmittelbaren Anwohnerin des Sportplatzes über Nachhaltigkeit, aktuelle Bauprojekte, das Gesundheitswesen, den öffentlichen Nahverkehr und ihre Kandidatur.
Fast zwei Stunden lang spricht Birgit Baur mit einer unmittelbaren Anwohnerin des Sportplatzes über Nachhaltigkeit, aktuelle Bauprojekte, das Gesundheitswesen, den öffentlichen Nahverkehr und ihre Kandidatur. | Bild: Lena Reiner

„Öffentlicher Nahverkehr sollte kostenlos sein. Dann nutzen ihn auch mehr“, schlägt Rebstock in dem Kontext vor. Darauf habe freilich Baur auch dann keinen Einfluss, wenn sie zur Bürgermeisterin gewählt würde. Sie schlägt jedoch vor, den keine zwei Wochen alten Bedarfsbus weiter auszubauen und die Taktung der vorhandenen Buslinien zu erhöhen. Die beiden sind sich einig: „Wir müssen von der Denkweise weg, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt. Wenn Busse nur alle zwei Stunden fahren, nutzt sie natürlich niemand.“ Eine weitere Idee hat Baur zum Thema Verkehr: Eine Pedelecverleihstation direkt am Salemer Bahnhof, denn: Salem sei der ideale Ort, an dem Touristen ihr Auto während ihres Aufenthalts stehen lassen könnten. „Ich hatte vor dem Wahlkampf viel Zeit, um mit den Leuten zu reden. Ich wohne direkt am Ortsausgang, da kommen einige Touristen vorbei“, erklärt sie. So sei die Idee entstanden, den Radverkehr auch gerade im Hinblick auf Reisende auszubauen.

Das Notizbuch hat Birgit Baur dabei, um sich konkrete Ideen der Bürger zu notieren, mit denen sie ins Gespräch kommt.
Das Notizbuch hat Birgit Baur dabei, um sich konkrete Ideen der Bürger zu notieren, mit denen sie ins Gespräch kommt. | Bild: Lena Reiner

Rebstock betont: „Und die jungen Leute sind ja generell immer umweltbewusster. Ich bin begeistert, womit sich die 20- bis 30-Jährigen befassen.“ Sie sehe viel Potenzial für eine Politik, die auf Nachhaltigkeit setze. Sie freue aber auch, dass eine Frau kandidiere – und das sie für die stimmen werde. „So, wie sich das anhört, möchten Sie die gesunde Mitte finden“, meint Margrit Rebstock.

Es dämmert schon und immer weniger Menschen sind auf der Straße. Eine Radfahrerin hält für ein kurzes Gespräch an.
Es dämmert schon und immer weniger Menschen sind auf der Straße. Eine Radfahrerin hält für ein kurzes Gespräch an. | Bild: Lena Reiner

Inzwischen sind durch den bunten Themenmix fast zwei Stunden vergangen. Auf dem Sportplatz wurden spielende Kinder von Rad fahrenden Jugendlichen und schließlich von einer Herren-Fußballmannschaft abgelöst. Ganz so, als wolle der Sportplatz seine Relevanz für den Teilort unter Beweis stellen. Baur beginnt mit Einbruch der Dämmerung dann ihren geplanten Rundgang durch die Häuser. „Ich wollte ursprünglich überall klingeln und das Gespräch suchen“, erklärt sie. Das habe sie an einem Abend ausprobiert und festgestellt, dass es zu zeitintensiv werde. So habe sie sich entschieden, überall persönlich einen Flyer einzuwerfen und mit denen das Gespräch zu suchen, die sie dabei draußen antreffe.

Zum Schluss geht sie im Wohngebiet auf Briefkastensuche: Das ist zeitweise ganz schön kompliziert. In der Dämmerung sind nur noch wenige Menschen draußen.
Zum Schluss geht sie im Wohngebiet auf Briefkastensuche: Das ist zeitweise ganz schön kompliziert. In der Dämmerung sind nur noch wenige Menschen draußen. | Bild: Lena Reiner

„Heute ist es kühl, da sitzen weniger Menschen in den Gärten“, stellt sie bald fest. Immerhin mit einer Radfahrerin findet ein kurzer Wortwechsel statt; sie übergibt einen Flyer persönlich. Dann geht es weiter von Haus zu Haus. Immer wieder muss sie den Briefkasten suchen. „Es ist mir schon ein bisschen unangenehm, wenn ich über das ganze Grundstück gehen muss“, räumt sie ein. Das sei schließlich privat. Doch bei den freistehenden Häusern befindet sich der Briefkasten häufig seitlich am Gebäude; der Weg dorthin führt durch den Garten.

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