„Ein Stück Geschichte Badens wird vom 5. bis 21. Oktober 1995 in alle Winde verstreut.“ Diesen Einstieg wählte der früherer Überlinger SÜDKURIER-Redaktionsleiter Georg Exner für einen Aufmacher, in dem er die Versteigerung von 25 000 Objekten aus Markgräflich Badischen Besitz durch das britische Auktionshaus Sotheby's ankündigte. Der Ausverkauf des badischen Tafelsilbers machte damals deutschlandweit Schlagzeilen.

Max Markgraf von Baden bei seinem 70. Geburtstag am 3. Juli 2003 im Kaisersaal von Schloss Salem.
Max Markgraf von Baden bei seinem 70. Geburtstag am 3. Juli 2003 im Kaisersaal von Schloss Salem. | Bild: Martin Baur

Zu der Versteigerung kam es, weil der Chef des Hauses Baden, Markgraf Max von Baden, spätestens Anfang 1995 eine erhebliche Verschuldung seines Hauses festgestellt hatte. Die Rede war seinerzeit von Fehlbeträgen in der Größenordnung von 200 Millionen Mark. Das Haus Baden – mit allen europäischen Herrscherhäusern verwandt oder verschwägert – befand sich in einer Situation, die der Markgraf als „finanzielle Schieflage“ umschrieb.

Das Neue Schloss findet 2003 einen neuen Besitzer

Max von Baden, ein direkter Vetter des britischen Thronfolgers Prinz Charles, entschloss sich daher nach dem Vorbild der Fürstin Thurn und Taxis (sie verkaufte Hausrat im Wert von 31 Millionen Mark) zum Verkauf seiner Kunstschätze und möglichst auch des Neuen Schlosses in Baden-Baden. Das wiederum sollte für 14 Tage zum Auktionshaus werden. Im Oktober 2003 wurde das Neue Schloss schließlich an die kuwaitische Al-Hassawi-Gruppe verkauft. Die denkmalgeschützte Anlage soll zu einer exklusiven Hotelanlage umgebaut werden.

Von 1992 bis 1996 war Dieter Spoeri, hier auf einem Wahlkampfplakat, stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg. Die badischen Schätze nannte er abschätzig „Fürstennippes“.
Von 1992 bis 1996 war Dieter Spoeri, hier auf einem Wahlkampfplakat, stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg. Die badischen Schätze nannte er abschätzig „Fürstennippes“. | Bild: dpa

Eigentlich wollte das frühere Herrscherhaus seine Schätze komplett für 80 Millionen Mark an das Land Baden-Württemberg verkaufen. Doch die damalige schwarz-rote Koalition war sich nicht einig: Die Christdemokraten um Ministerpräsident Erwin Teufel wollten kaufen und den Schatz für das Land retten. Wirtschaftsminister Dieter Spöri (SPD) wollte dagegen erst einmal genau wissen, was denn alles zum „Fürstennippes“ gehörte. „Keine Mark dem Markgrafen“ dichtete ein anderer Sozialdemokrat. Nach monatelangem Hin und Her sicherte sich das Land Optionen auf einige wichtige Stücke und kaufte in Einzelaktionen für 42 Millionen Mark Bücher, Gemälde, Möbel und Gobelins.

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Die Experten von Sotheby's sichteten monatelang die rund 25 000 Gegenstände, darunter Möbel und Tapisserien, Kunsthandwerk und Porzellan, Gemälde und Waffen. War die Auktion eine Gelegenheit für Schnäppchenjäger? Das kommt auf die Perspektive an. Eine Tasse aus der Karlsruher Majolika-Manufaktur, 19. Jahrhundert, für 100 Mark – fast geschenkt. Aber ob man einen Pultschreibtisch für 500 000 Mark noch leichten Herzens als glücklichen Fund durchgehen lassen will? Teuerstes Einzelstück war eine im 17.  Jahrhundert entstandene florentinische Bronzegruppe „Nessos und Deianira“ für die zwischen 800 000 und 1,2 Millionen Mark Erlös erhofft wurden.

Sechs Bände, sechs Kilogramm – im repräsentativen Schuber. Der Katalog der Markgrafenauktion von 1995 ist ein kunsthistorisches Kaleidoskop großer Weltkunst. Vorne im Bild ein Beispiel aus Band II, „Kunkstkammer“, ein „Bedeutender Limoges Champlevé Email Reliquienschrein, französisch um 1195“.
Sechs Bände, sechs Kilogramm – im repräsentativen Schuber. Der Katalog der Markgrafenauktion von 1995 ist ein kunsthistorisches Kaleidoskop großer Weltkunst. Vorne im Bild ein Beispiel aus Band II, „Kunkstkammer“, ein „Bedeutender Limoges Champlevé Email Reliquienschrein, französisch um 1195“. | Bild: Baur, Martin

Ein sechs Kilo schwerer Katalog, üppig ausgestattet und für 80 Mark (bei Versand 100 Mark) zu haben, half den Interessenten, sich im badischen Angebot zurechtzufinden und diente gleichzeitig als Eintrittskarte zur Auktion. Wer das sechsbändige Werk heute antiquarisch erwerben will, muss mindestens denselben Preis in Euro hinlegen, teils finden sich im Internet auch Preise bis 250 Euro – das ist ungewöhnlich für einen alten Katalog und spricht bis heute für die Bedeutung der Auktion. Die Zuschläge erteilte damals neben anderen der Hauptauktionator von Sotheby's, der auf Schloss Langenstein im Hegau aufgewachsene legendäre Kunsthistoriker Christoph Graf Douglas (1948 bis 2016), Sohn von SÜDKURIER-Politikredakteur Ludwig Graf Douglas.

Das damals hoch verschuldete Haus Baden nahm laut Medienberichten bei der Auktion 77,6 Millionen Mark ein, wobei das Inventar zum Entsetzen vieler Baden-Fans nahezu über die ganze Welt verstreut wurde. Die Versteigerung gilt als größte „Hausauktion“ des 20. Jahrhunderts. Die Verweigerer aus der Fürstennippes-Fraktion müssen sich bis heute vorwerfen lassen, dass das Land bei einem Pauschalankauf für 80 Millionen Mark den für die Museen und Bibliotheken uninteressanten Teil selbst hätte versteigern lassen können – und dann einen Reingewinn von 39,6 Millionen Mark erzielt hätte. Eine Rechnung, die Bernhard Erbprinz von Baden, der die Auktion damals für das Markräfliche Haus abwickelte, später immer wieder gerne aufmachte.

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