Er habe Enno Haß an seinem Latissimus erkannt, erzählt Alfred Hammerschmidt, der sich als Ruheständler die Tage im Sommer am Schlosssee-Café schön machte. Der Latissimus ist der große Rückenmuskel. Enno Haß, Betreiber des Salemer Schlosssee-Freibads, erwidert: “Ich habe gleich rausgehört, dass er vom Fach ist.“

Zwei Bodybuilder-Generationen trafen sich so zufällig am Salemer Schlosssee. Seit ihrem damaligen Zusammentreffen haben die beiden ein gemeinsames Thema: Bodybuilding.

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Alfred Hammerschmidt: Jahrgang 1950, Deutscher Junioren Meister von 1970 und Deutscher Meister von 1971. Enno Haß: Jahrgang 1964, aktueller norddeutscher Vizemeister und Dritter der jüngsten Deutschen Meisterschaft, als solcher Qualifikant für den internationalen Mister-Universum-Wettbewerb.

Alfred Hammerschmidt in Bodybuilder-Pose mit 20 Jahren.
Alfred Hammerschmidt in Bodybuilder-Pose mit 20 Jahren. | Bild: Privat/Alfred Hammerschmidt

Der Latissimus, den Alfred Hammerschmidt bei Enno Haß in seiner ausgeprägten Form sah, heißt eigentlich „Musculus latissimus dorsi“. Der lateinische Fachausdruck benennt den Muskel als das, was er tatsächlich ist: breitester Rückenmuskel. Er macht aus einem Rücken einen breiten Rücken. Mehr als am bekannteren Bizeps-Muskel (Oberarm) erkennen sich die passionierten Bodybuilder am “Lati“.

Zwei unterschiedliche Zugänge zum Bodybuilding

Auch wenn die beiden Männer die gleiche Leidenschaft pflegen, so war doch ihr Zugang zu dieser vorurteilsbehafteten Randsportart doch sehr unterschiedlich. Hammerschmidt hatte sich in seiner Jugend mit Lebens- und Sinnfragen beschäftigt. Auf dem Weg der Selbsterkenntnis entdeckte er die alt-indische, philosophische Lehre des Yoga. Diese umfasst eine Reihe geistiger wie körperlicher Übungen. Der jugendliche Hammerschmidt wurde besonders vom körperbetonten Hatha-Yoga angesprochen.

Alfred Hammerschmidt in Bodybuilder-Pose mit 20 Jahren.
Alfred Hammerschmidt in Bodybuilder-Pose mit 20 Jahren. | Bild: Privat/Alfred Hammerschmidt

“Wesen und Ziel ist bei allen Yoga-Arten dasselbe. Vollkommene Selbsterkenntnis.“ Seitdem er sich in der Jugend dem Yoga verschrieben hatte, ist er davon nicht losgekommen. “Hatha-Yoga bedeutet eine vollkommene Kenntnis der Energien, ihre Verknüpfung in vollkommener Harmonie, und die Fähigkeit unbedingt über diese herrschen“, schrieb Hammerschmidt einmal über seine Passion.

Alfred Hammerschmidt zierte 1970 die damals wirkungsvollste Bodybuildung-Zeitschrift.
Alfred Hammerschmidt zierte 1970 die damals wirkungsvollste Bodybuildung-Zeitschrift. | Bild: Alfred Hammerschmidt
Bild mit anonymer Dame, aber mit Arnold Schwarzenegger in Pose auf dem Boden aus dem Jahr 1970. Stehend von links: Dietmar Ulbrich und ...
Bild mit anonymer Dame, aber mit Arnold Schwarzenegger in Pose auf dem Boden aus dem Jahr 1970. Stehend von links: Dietmar Ulbrich und Alfred Hammerschmidt. | Bild: Privat/Alfred Hammerschmidt

Vor dem Spiegel suchte der jugendliche Alfred nach dem besten körperlichen Ausdruck. “Hatay Yoga ist eine Philosophie, die lässt dich nicht mehr los“, erzählt der 70-jährige Hammerschmidt heute. Die verlangsamten Leibesübungen sollen den Yogi zum schönsten körperlichen Ausdruck bringen.

Hammerschmidt findet mit 16 Jahren in die Szene

Dieses Streben fand er sehr jung auch im Bodybuilding. “Stuttgart, München, Berlin waren damals die Hochburgen.“ Mit 16 Jahren stieß er in der Stuttgarter Alten Fabrik zur Bodybuilding-Szene. Das Mentale des Yogas verknüpfte er mit dem Körperlichen des Bodybuildingsports. “Körper, Seele, Geist müssen in Balance kommen.“ Das mache jeder Bodybuilder, fügt er hinzu.

Haß ist zunächst erfolgreicher Leistungsschwimmer

Dem stimmt Enno Haß zu. “Heute heißt es ‘Muscle-Mind-Connection‘“, wirft er ein. Während Hammerschmidt den Zugang zum Bodybuilding über die mentale Arbeit fand, stieß Haß als Leistungsschwimmer zum Bodybuilding. In Schleswig-Holstein aufgewachsen, begann er mit sechs Jahren mit dem Schwimmsport, wurde auf Anhieb Meister seiner Klasse in Hamburg und Schleswig-Holstein. Weitere Titel folgten.

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Mit 21 Jahren nahmen zwei Freunde ihn mit ins Fitnessstudio. “Seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen“, erzählt er über diese Initialzündung. Das Visualisieren der Arbeit im Kraftstudio am eigenen Körper gehöre dazu. Die nächste Stufe war dann der Wettkampfsport. “Ich wollte mich mit anderen messen.“

Enno Haß als Hamburger Meister 1992 im Halbschwergewicht bis 90 Kilogramm
Enno Haß als Hamburger Meister 1992 im Halbschwergewicht bis 90 Kilogramm | Bild: Privat/Enno Haß

Im Mai 1986 habe er gezielt mit dem intensiven Bodybuilding angefangen. 1987 habe er seinen ersten Wettkampf angesehen. Ein Jahr später wurde er Zweitplatzierter im Newcomer-Wettbewerb und schleswig-holsteinischer Vizemeister. Die Erfolge motivierten ihn.

Brüche stoppen Karriere als Wettkampfsportler

1989 und 1990 wurde er erneut jeweils Vizemeister, 1992 Hamburger Meister im Halbschwergewicht bis 90 Kilogramm, 1994 Hamburger Meister im Schwergewicht ab 90 Kilogramm. Teilnahmen an weiteren nationalen Meisterschaften folgten, bis der Bruch beider Arme dieser Karriere ein jähes Ende setzte. Nach zwei Operationen und nach zwei Jahren konnte Haß mit dem Training wieder anfangen, aber nicht mehr als Wettkampfsportler.

Enno Haß als Hamburger Vizemeister 1995.
Enno Haß als Hamburger Vizemeister 1995. | Bild: Privat/Enno Haß

“2019, nach 25 Jahren, habe ich neu angegriffen.“ Auslöser und Motivation diesmal war Haß‘ Frau Oksana. An einem Freitag, den 13., haben sie sich kennengelernt, seit 2010 sind sie zusammen. Wie ihr Mann sei sie als Kind schon muskulös gewesen. Die anderen Kinder haben sie als Mädchen dafür oft gehänselt.

Frühere Erfolge stellen sich sofort wieder ein

Oksana Haß tanzte Ballett und Hip-Hop, ist Fitnesstrainerin. Ihren Wunsch, mit ihrem Mann Enno zusammen für Wettkämpfe zu trainieren, konnte dieser nicht ausschlagen. Und tatsächlich stellten sich sofort die früheren Erfolge ein.

Drei Generationen Bodybuilder: Alfred Hammerschmidt (links) war Deutscher Juniorenmeister 1987. Oksana Haß ist aktuelle deutsche ...
Drei Generationen Bodybuilder: Alfred Hammerschmidt (links) war Deutscher Juniorenmeister 1987. Oksana Haß ist aktuelle deutsche Vizemeisterin und ihr Ehemann Enno ist aktueller Hamburger Vizemeister. Die Pokale sind eine kleine Auswahl von Enno Haß‘ Siegertrophäen. | Bild: Mardiros Tavit

Alle drei gehören unterschiedlichen Sport-Generationen an. Vieles hat sich seit den Anfängen ihres Sports geändert. “Heute wird anders trainiert“, weiß Enno Haß zu berichten, Belastungen und Ruhezeiten haben sich geändert. Aber eins ist geblieben: Damals wie heute ist das Bodybuilding ein entbehrungsreicher Sport, will der Athlet auf höchstem Niveau mit seinen Konkurrenten Schritt halten.

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Er erfordert eine hohe Disziplin im Training wie in der Freizeit. “Keine Disco, keine Süßigkeiten, kein Alkohol“, erinnert sich Haß an seine Jugendzeit. Er sei der “härteste Sport der Welt. Du lebst in ihn. Beim Essen, im Training, in der Arbeit.“

Es sei auch ein teurer Sport. Allein die spezielle Nahrung – für das Zu- und Abnehmen – koste viel Geld. „Sponsoren hatten wir keine“, im Gegensatz zu heutigen in der Szene populären Bodybuildern. “Wenn heute einer als Influencer eine große Reichweite hat, kommen die Sponsoren von selbst auf ihn zu.“

In Anfangsjahren mit Vorurteilen zu kämpfen

Alle drei bestätigen, dass sie in ihren Anfangsjahren vielen Vorurteilen begegnet sind. Mit Reaktionen wie “viel Muskel, wenig Hirn“ oder “Luft statt Muskel“ mussten sie in jungen Jahren umgehen lernen. Tatsächlich wollte er seine Muskeln lange Zeit verbergen, gesteht Enno Haß. “Aber irgendwann wurde es mir egal, was andere denken. Ich habe den Sport für mich betrieben“, sagt er fast trotzig. Eine Erfahrung, die auch die beiden anderen Sportler bestätigen.

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Enno Haß erzählt auch von der Sucht, an die eigenen Grenzen gehen zu wollen oder eher zu müssen. Denn nach den Endorphinschüben könne der Sportler süchtig werden. Im Belastungsgrenzbereich des Muskels schüttet der Körper das körpereigene Glückshormon Endorphin aus. Jeder Bodybuilder wisse, wann er diesen Zustand zum ersten Mal erlebt habe.

Sieg vor allem Frage der mentalen Stärke

Wichtig dabei sei, den Körper nicht zu überlasten. Aber im Wettkampfmodus müsse der Sportler immer über die Grenzen der Muskeln gehen. “Beim Posen auf der Bühne sehen die Wettkampfrichter, wer sich in der Vorbereitung gequält hat, um den Muskel richtig auszubilden“, sagt Enno Haß. Es zeige sich dann, wer den absoluten Willen hatte. So sei der Erfolg eher eine Frage der mentalen Stärke, als eine Frage, wer das meiste Gewicht stemmen könne.