„Wann bin ich denn eigentlich tot? Kommt ganz darauf an, wen Sie fragen.“ Nicht wie eine klassische Lesung, sondern eher in einer Art Zwiesprache präsentiert der 1976 geborene Autor Roland Schultz Proben aus seinem Erstlingswerk. Die auf Einladung von Hospizgruppe und Linzgaubuchhandlung gekommenen Zuhörer, schienen gleich mitten drin zu sein im Sterbegeschehen. Kein Wunder, denn der Journalist des Süddeutschen Zeitungsmagazins benutzt in seinem Buch die direkte „Du-Anrede.“ Damit will er den „gnadenlosen Reflex“ der Menschen überlisten, „die gerührt lesen, sich aber selber nicht betroffen fühle“. Das möchte Schulz ändern. Denn: „Sterben ist das Einzige in Ihrer und meiner Zukunft, das ganz sicher ist.“

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Gebannt verfolgt sein Publikum, wie er mögliche Merkmale des Sterbeprozesses oder eine Leichenschau nachzeichnet. Auch der Trauer ist ein Kapitel gewidmet. Beinahe komisch mutet die eine oder andere Bemerkung zur Bürokratie der Sterbebeurkundung an. „Sie dürfen sich nicht bewegen als Leiche, wenn Sie den mausgrauen Leichenschein dabei haben.“ Die Gesetze hätten an alles gedacht, um den Tod zumindest amtlicherseits in den Griff zu kriegen, so Schulz.

Sterbevorgang ist komplex

Die Zuhöreraugen sind fest auf den Mann am Rednerpult im evangelischen Gemeindehaus gerichtet. Der erzählt zwischendurch von den Büchern über die Geburt, die er gelesen hat, nachdem sein Kind auf die Welt kam. Doch Sachbücher, die das Ableben detailliert beleuchten, habe er nicht finden können. Nach vielen Gesprächen mit Sterbenden, Ärzten, Bestattern, Angehörigen und Pflegern sei ihm klar geworden, Sterben lasse sich nicht begreifen wie eine Maschine. Er stellt vielmehr fest: „Der Sterbevorgang ist zu komplex und der Prozess dahinter zu individuell.“

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Obwohl Schulz Sachvorgänge beschreibt, fasst er auch Emotionen in Worte. Etwa auf die Frage von Buchhändler Michael Schlageter nach seinem Erleben der Pflegekräfte. Der Reporter erzählt auch von einer Familie, deren sechsjähriger Sohn verstorben ist. Die Eltern vermissten ein direktes Echo auf den Tod ihres Kindes. Stattdessen fielen die Reaktionen so aus, als ob es den Jungen nie gegeben hätte.

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Die Vortragsgäste zeigen sich beeindruckt. „Ich kann jedes Wort, das Sie sagen bestätigen“, sagt Hospizbegleiterin Katharina Goldmann sichtlich bewegt. Für Besucherin Birgit Landgraf aus Stetten fühlt sich das Gehörte aufgrund der vielen Hospitationen des Autors „sehr gut recherchiert an“. Ihre Freundin Alexandra Geßler lobt die wert- und religionsfreie Auseinandersetzung mit der Sterbethematik. Ein junger Mann zeigt sich „erstaunt, dass man so ein sachliches Thema in so literarische Sprache fassen kann.“

Das Buch „So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten“ ist im Piper Verlag erschienen, ISBN 9783492055680, und kostet 20 Euro.