Salem – Auf 19 Monate blicken Hildegard Sasse und Reinhard Wolters zurück, als sie gemeinsam am großen Tisch des Salemer Familientreffs sitzen, um von der Arbeit ihres Vereins Mitbürgerhilfe Salem zu berichten. Vor 19 Monaten trafen sich 19 Menschen und gründeten den Verein, um Mitbürgern in Salem, Frickingen, Heiligenberg und im Deggenhauser Tal aus akuten Notlagen zu helfen. „Bis heute hat sich die Mitgliederzahl verdoppelt“, sagt Hildegard Sasse, „aber unser Ziel ist eine dreistellige Zahl.“

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Zudem hofft sie, in Zukunft mehr Spenden sammeln zu können. Denn: „In einem guten Sozialstaat, der immer vorrangig tätig ist, treten dennoch Lücken auf, die nicht sofort gedeckt werden. Zum Beispiel durch Trennung, plötzliche Arbeitslosigkeit oder Krankheit.“ Hierbei gehe es vor allem um Menschen, die mit ihrem Einkommen „gerade so“ auskommen – und wenn eine außergewöhnliche Belastung hinzukommt, in eine finanzielle Notlage geraten. Wie die alleinerziehende Mutter, die die Stromnachzahlung am Jahresende nicht aufbringen oder die Zuzahlung für die medizinische Zahnspange für ihr Kind nicht leisten kann. Oder wie die Seniorin, die sich von ihrer Rente kein Hörgerät kaufen kann oder die fünfköpfige Familie, die nicht weiß, wie sie die neue Brille fürs Kind finanzieren soll.

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„Solange alles gut läuft, leben diese Menschen am Existenzminimum. Aber sobald etwas außer Plan benötigt wird, läuft es aus dem Ruder“, erklärt Sasse. Dann ist der Kühlschrank zwar leer, aber für die Tafel haben die Betroffenen keinen Berechtigungsschein. Dann hat der Jugendliche eine Ausbildungsstelle, aber kein Geld für die Fahrkarte, um dorthin zu kommen. Im Jahr 2019 hat der Verein in fünf Fällen durch die Überweisung einer Monatsmiete die Mietwohnung gesichert, sieben Familien Geld und Gutscheine für Lebensmittel bereitgestellt, in vier Fällen die Zuzahlungen bei medizinischen Hilfen bezuschusst, in fünf Fällen Zuzahlungen für Fahrkarten und Musikunterricht geleistet. Einen Herd, Kühlschrank und Bett bezuschusst und in zwei Fällen den Strom gesichert durch Begleichung der Stromnachzahlungsrechnung. In einem Fall konnte eine Vollstreckung abgewendet werden. 26 Fälle konnte der Verein mit den gesammelten Mitgliederbeiträgen und Spenden in Höhe von rund 12 000 Euro unterstützen.

„Wir fühlen uns nie ausgenutzt.“

Einen wichtigen Grundsatz der Mitbürgerhilfe erläutert Sasse: „Wir lassen diese Menschen in der Verantwortung. Wir unterstützen finanziell, aber übernehmen grundsätzlich nicht den vollen Betrag. Das hilft, keine Scham bei den Betroffenen zu erzeugen. Und der Fragende soll handlungsfähig bleiben. Braucht er eine Waschmaschine, fragen wir: ,Was haben Sie sich ausgesucht?‘ und unterstützen das.“ Klar seit, dass dabei nach den günstigsten Lösungen gesucht werde, aber das machten die Betroffenen ohnehin stets, sagt Reinhard Wolters: „Wir fühlen uns nie ausgenutzt.“

Hildegard Sasse ist es wichtig zu betonen, dass der Sozialstaat mit seinen Leistungen stets an erster Stelle kommt. Doch da mahlen die Mühlen eben manchmal langsamer, und wer eine Waschmaschine, warme Schuhe oder etwas zu essen braucht, benötigt dies umgehend. Und genau das mache den Verein Mitbürgerhilfe Salem eben aus, sagt Sasse: „Wir sind unheimlich schnell. Wenn sich jemand an uns wendet, beraten wir uns sofort und treffen innerhalb von einer Woche eine Entscheidung, ob und wie wir helfen können.“ In den Vereinsstatuten sind die Entscheidungskriterien festgeschrieben. Und nach diesen wird jeder Einzelfall bewertet.

Verein nicht handlungsfähig

Aufgrund der schnellen Entscheidungswege kann der Verein dann helfen, wenn es nötig ist. Aber eben nur, solange Geld oder Gutscheine in der Vereinskasse sind – und in der herrscht derzeit Ebbe. Die letzten vier Fälle, in denen Sasse und Wolters gerne geholfen hätten, konnten sie nicht bedienen. Im Moment ist der Verein nicht handlungsfähig, hofft aber auf die Weihnachtszeit, in der die Spendenbereitschaft erfahrungsgemäß steigt. „In der Geschäftigkeit des Alltags wird Armut oft übersehen. Jeder hat seine Lebensaufträge, die sind herausfordernd, und man verliert den Blick nach außen“, weiß Hildegard Sasse, „doch wenn die Feiertage anstehen, merkt man dass die Leute auch wieder mehr nach rechts und links schauen. Und merken: Armut gibt es überall, auch in guten Gemeinden.“ Man könne vor der Haustür anfangen, die Welt ein Stückchen zu verändern, sagt Sasse, und da sehe man auch, dass die Hilfe ankommt.

Wer sich für eine Mitgliedschaft interessiert oder spenden möchte, wendet sich an Hildegard Sasse per Telefon 0 75 53/88 99 oder per E-Mail an hildegard.sasse@t-online.de.