Es war einmal. An diese Eingangsformel vieler Märchen fühlt man sich erinnert, wenn Werner Goller seine Reminiszenzen aus dem einstigen Schiesser-Zweigwerk in Mimmenhausen, in dem er von 1965 bis 1997 Betriebsleiter war, auf seinem häuslichen Tisch ausbreitet. Denn Schiesser Mimmenhausen war um die Wirtschaftswunderzeit herum eine Art Märchen. Für die Gemeinde, aber auch für die Region. Vor allem aber auch für Frauen. Über 500 Näherinnen fanden hier in der Blütezeit eine Erwerbstätigkeit. Doch das Märchen dauerte nur gut vier Jahrzehnte.

Begonnen hat es 1956. Das aufstrebende Schiesser-Werk aus Radolfzell kam mit einer kleinen Näherinnen-Station in der heutigen Galerie des Hotel-Restaurants Reck und einer Waren-Kontrollstelle im Hirschen-Saal nach Mimmenhausen. Bald wurde eine weitere Dependance des Zweigwerks Mimmenhausen in der Schützenstraße in Meersburg aufgemacht. Aufgebaut wurde das Zweigwerk Mimmenhausen von Fritz Wiese und Irmgard John, die heute noch in Salem lebt. 1965 wurde die Betriebsleitung Werner Goller übertragen. Bis dahin war er stellvertretender Betriebsleiter im Zweigwerk Stockach. Diesen Posten hat er direkt nach der Absolvierung der Fachhochschule für Bekleidungstechnik in Hohenstein bei Heilbronn bekommen. Dort hat der zuvor gelernte Schneidermeister sein handwerkliches Können erweitert auf Entwicklung von Schnitttechniken, auf den Entwurf von Modellen und auf die gesamte Palette der Fertigungstechnik sowie auf die Analyse von Textilmaterialien.

Mitunter lässt sich Werner Goller in einer vergilbten Zeitung mit einem Firmen-Porträt des Schiesser-Werks an glorreiche Zeiten ...
Mitunter lässt sich Werner Goller in einer vergilbten Zeitung mit einem Firmen-Porträt des Schiesser-Werks an glorreiche Zeiten erinnern. Der heute 85-jährige Bekleidungstechniker, der aus Gomadingen im Landkreis Reutlingen stammt, leitete von 1965 bis 1997 das Schiesser-Zweigwerk Mimmenhausen. Bild: Peter Schober

Dem Ruf als Betriebsleiter des Zweigwerks Mimmenhausen ist er gerne gefolgt. Als damals 32-jähriger junger Mann hat er sich dieser Herausforderung engagiert gestellt. Auch als persönliche Bewährungsprobe. Unter seiner Ägide prosperierte Schiesser Mimmenhausen weiter. Werner Goller erinnert sich noch gut daran, wie er seine 500. Mitarbeiterin eingestellt hat, und weiß sogar noch ihren Namen: Anneliese Schlude, damals noch geborene Schaible aus Haberstenweiler.

Die Belegschaft bestand zu gut 98 Prozent aus Frauen. Nur eine Handvoll etwa waren Männer: der Hausmeister, die Nähmaschinenmechaniker und der Betriebsleiter. War man da nicht Hahn im Korb? Werner Goller schmunzelt. Klar hat da der einen oder anderen Mitarbeiterin der eine oder andere der wenigen Männer vielleicht einmal gut gefallen. "Aber Beziehungskisten wie sie gerade heute durch die Medien rauschen, hat es nicht gegeben", sagt Werner Goller. "Es konnte schon mal sein, dass eine Mitarbeiterin einem Nähmaschinenmechaniker einmal besonders nette Augen gemacht hat." Aber dann mit dem Ziel, dass er schneller zu ihr kommt, wenn die Nähmaschine streikte.

Denn eine gut surrende Nähmaschine schlug sich auch gut auf dem eigenen Lohnzettel nieder. "Die Frauen haben nicht schlecht verdient bei Schiesser", sagt Werner Goller. Es wurde im Akkord gearbeitet. Das heißt, jedes Stück, das genäht wurde, schlug sich in der Lohnabrechnung nieder. Sei es Unterhose, Unterhemd, Unterrock oder Schlafanzug gewesen. "Bei Frauen, die eine ausgeprägt gute Fingerfertigkeit mitbrachten, konnte es mitunter schon sein, dass sie am Monatsende mehr mit nach Hause gebracht haben als ihr Mann", weiß Werner Goller noch von bis zu ihm getragene Kappeleien unter Ehepaaren, wer sich nun in die höher belastete Lohnsteuerklasse fünf oder in die niedrigere Lohnsteuerklasse drei eintragen lassen sollte.

Das Schiesser-Werk mit dem neuen Wohnheim (im Vordergrund), im Jahr 1972. Bild: Werner Goller
Das Schiesser-Werk mit dem neuen Wohnheim (im Vordergrund), im Jahr 1972. Bild: Werner Goller

"Dieser Job hat mich voll und ganz erfüllt", sagt Werner Goller auch noch im Rückblick. Die Kombination vom Umgang mit Menschen, ihnen die Basis für ein gutes Einkommen zu schaffen und dabei noch etwas Gutes zu produzieren, das war so etwas, wovon er heute noch zehrt. "Die Schließung des Mimmenhauser Zweigwerks war etwas, das ich heute noch nicht mit Worten beschreiben kann", blickt Werner Goller zurück, obwohl er selbst von der Schließung nicht betroffen war. Denn da war er schon im Ruhestand, und zuvor hatte er schon drei Jahre in Schiesser-Zweigwerk in Athen gearbeitet. "Aber mit der Schließung des Schiesser Zweigwerks Mimmenhausen ist auch ein Stück Geschichte von mir verschwunden." So hadert der heute 85-Jährige mit dem Schicksal des Schiesser-Werks, das 2007 schließlich in einer Insolvenz ein finales Ende gefunden hat.

In Mimmenhausen hat Werner Goller aber nicht nur als Betriebsleiter des Schiesser-Zweigwerks Spuren hinterlassen, sondern von 1970 bis 1985 auch als Vorsitzender des mittlerweile aufgelösten Männergesangsvereins Mimmenhausen und von 1966 bis 1974 als Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes.

Schiesser-Historie

  • Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1875 von dem Schweizer Fabrikanten Jacques Schiesser. Das im Tanzsaal des Gasthauses Schwert in Radolfzell zunächst etablierte Unternehmen entwickelte sich zu einem Weltunternehmen für Trikotwäsche. In Mimmenhausen wurde 1956 ein auf zunächst drei Standorte verteiltes Zweigwerk – Galerie Reck, Hirschensaal und Meersburg – eröffnet. 1959/1960 wurden diese drei Standorte in einem Neubau in der Mimmenhauser Bahnhofstraße zusammengefasst. Hier wurden in der Blütezeit über 500 Menschen beschäftigt. Sie wurden in vier werkseigenen Buslinien – von Friedrichshafen, von Frickingen, von Überlingen und vom Deggenhausertal – nach Mimmenhausen gebracht. Zeitweise wurde im Zwei-Schicht-Betrieb gearbeitet. Die weltweiten Veränderungen in der Textilproduktion brachten Schiesser dann ins Wanken. Das Zweigwerk Mimmenhausen wurde am 30. Juni 2006 mit zuletzt 125 Mitarbeitern aufgelöst. 2010 meldete das Schiesser-Werk Insolvenz an. Es ging dann in israelische Hand über. Die Marke Schiesser existiert aber weiter.
    Neubau 1959: Am 2. Januar 1959 wurde im Neubau mit der Produktion begonnen. Bild: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart.
    Neubau 1959: Am 2. Januar 1959 wurde im Neubau mit der Produktion begonnen. Bild: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart.
  • Die Schiesser-Historie wird Eingang finden im zweiten Band der Buchreihe Linzgau-Mosaik, die im Herbst 2018 herauskommt. Das Buch wird durch den Gemeindeverwaltungsverband Salem, Frickingen, Heiligenberg herausgegeben. Es will kleine, spannende Geschichten erzählen, die sonst in Vergessenheit geraten könnten. Der zweite Band widmet sich den Themenbereichen Wirtschaft, Kirchen, Bäder. Mit einem Gastbeitrag wird auch Zeitzeuge Werner Goller darin zu Wort kommen. (er, sk)