Große Resonanz erfuhr am Donnerstagabend eine Veranstaltung in Mimmenhausen, zu der vier Leiter von Grundschulen aus Salem und Heiligenberg unter dem Dach der Lehrergewerkschaft GEW eingeladen hatten. „So viele Besucher hatten wir schon lange nicht mehr bei einer Veranstaltung“, sagte Moderator Thomas Reck, Sprecher des GEW-Kreisverbands. Gut 100 Lehrer, Schulleiterkollegen und Eltern brachten im Verlauf der zweieinhalbstündigen Diskussion immer wieder zum Ausdruck, dass auch sie über die Bildungspolitik für Grundschulen verunsichert und verärgert sind. Die sei „geprägt von Vorwürfen, Missverständnissen und wenig wohlwollender Grundhaltung“, erklärte Gabriele Heidenreich, Grundschulleiterin in Heiligenberg die Motivation, im Gespräch mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Gewerkschaft auf die aktuellen Sorgen und Probleme aufmerksam zu machen. Denn obwohl die Grundschule alle durchlaufen und die Basis für die Schulkarriere jedes Kindes legt, womit sie eigentlich den höchsten Stellenwert haben sollte, stehe sie im Vergleich der Schularten hintenan, was die Ausstattung betrifft. Zugleich würden die Grundschulen verantwortlich gemacht für die aktuellen Leistungseinbrüche.

Was Grundschulen heute leisten müssen und was sie folglich brauchen, brachte der Bremer Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann in seinem Vortrag auf den Punkt. Die Lehrer stehen heute vor ganz anderen Herausforderungen als vor 30 oder 50 Jahren, so der Bildungsforscher. „Da ist Multitasking gefordert.“ Themen wie Ganztag, Inklusion oder Digitalisierung fordern Grundschullehrern enorm viel ab. Der Unterricht bleibt freilich Kerngeschäft, „doch der wird von den Unterschieden zwischen den Kinder bestimmt“, erklärte er. Unter sechsjährigen Schulanfängern gebe es bis zu drei Jahre Unterschied in der Entwicklung. Die einen können schon lesen, die anderen kennen noch keinen Buchstaben. Von den Lehrern werde aber wie selbstverständlich verlangt, die Kinder nach vier Grundschuljahren alle auf dem gleichen Stand „abzuliefern“.

Dazu kommen wachsende Schülerzahlen und immer weniger Lehrer wegen der Pensionierungswelle. Dass so viele Kinder, die vor sechs Jahren geboren wurden, nun zur Schule kommen, habe die Politik überrascht, kommentierte Hans Brügelmann sarkastisch falsche Berechnungen. Obendrein sei die Primarstufe generell schlechter ausgestattet als die weiterführenden Schulen. Trotzdem schneide die Grundschule im internationalen Vergleich überdurchschnittlich gut ab. „Es gibt keine empirischen Belege für den angeblichen Leistungsverfall der Grundschule“, so Brügelmann, der die Test-Dichte in Frage stellte. „Mehr Tests führen nicht zu besseren Leistungen. Durch Messen wird die Sau nicht fetter."

Der FDP-Landtagsabgerordneten Klaus Hoher, Christoph Sitta von der CDU Ravensburg, SPD-Kreisrat Norbert Zeller und der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann (von links) diskutierten auf dem Podium mit, was die Grundschulen brauchen. Bild: Katy Cuko
Der FDP-Landtagsabgerordneten Klaus Hoher, Christoph Sitta von der CDU Ravensburg, SPD-Kreisrat Norbert Zeller und der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann (von links) diskutierten auf dem Podium mit, was die Grundschulen brauchen. | Bild: Katy Cuko

Die Kinder heute bräuchten gerade wegen ihres enorm unterschiedlichen Entwicklungsstandes „vor allem Ermutigung, den nächsten Schritt zu gehen“. Schule müsse individuelle Potenziale der Kindern entdecken und fördern. Dafür bräuchten Grundschulen nicht mehr Verbote und Vorschriften wie die Anweisung des baden-württembergischen Kultusministeriums, Rechtschreibfehler wieder konsequent zu korrigieren. Die Grundschulen bräuchten mehr wechselseitigen Respekt zwischen Politik, Praxis und Forschung.

Dass die Landespolitik die Grundschulen nicht auf dem Schirm hat, wurde bei der anschließenden Podiumsdiskussion deutlich. Norbert Zeller warf dem früheren Koalitionspartner in der Landesregierung vor, bildungspolitisch „abgetaucht“ zu sein. Klaus Hoher, FDP-Landtagsabgeordneter aus Salem, erklärte, vor sieben Jahren habe sich noch niemand über die Bedingungen an den Grundschulen beschwert, was mit Gelächter im Saal quittiert wurde. Christoph Sitta von der CDU, selbst Realschullehrer, verwies auf 500 Millionen Euro mehr im Bildungshaushalt des Landes und musste sich wenig später von Bernd Dieng vom Lehrerseminar Meckenbeuren vorrechnen lassen, dass 450 Millionen für steigende Lehrerpensionen gebraucht werden. „Die Grundschulen sind hoffnungslos unterfinanziert“, benannte Dieng als Hauptproblem. Dazu käme mangelnde Wertschätzung. Grundschullehrer hätten die höchste Unterrichtsverpflichtung beim niedrigsten Gehalt.

Die Grundschulen müssten mehr Öffentlichkeitsarbeit machen und auf ihre Probleme hinweisen, riet der Landtagsabgeordnete Martin Hahn (Grüne). Nach den Schilderungen sei es „an der Zeit, dass sich an der Situation maßgeblich etwas ändert“.

 

Es geht weiter

Nicht nur die vier Grundschulleiter aus Salem und Heiligenberg – Gabriele Heidenreich, Dorothea Vollmer, Sonja Fahlenbock und Stefan Neher – die die Veranstaltung organisiert haben, sondern auch die Gewerkschaft GEW will die Sorgen und Nöte der Grundschulen weiter thematisieren. Nach der Veranstaltung in Mimmenhausen hatten die Besucher Gelegenheit, ihre Aufträge oder Kritik an die Politiker aufzuschreiben oder sie mit einer Postkarte direkt an die Landesregierung zu schicken. (kck)