Landtagspräsidentin Muhterem Aras war zu einem zweistündigen Gespräch an der Schule Schloss Salem zu Gast. Eingeladen hatten sie 15 Schüler der Politik-AG, die auch die Veranstaltung am Dienstag vor rund 100 Schülern der neunten bis zwölften Klasse und Lehrern organisierten und moderierten. Mutherem Aras meinte an die Schüler gewandt: "Sie müssen sich als Glückspilz sehen, dass Sie die Möglichkeit haben, hier zur Schule zu gehen." Sie selbst war im Alter von zwölf Jahren als Tochter eines anatolischen Gastarbeiters mit ihrer Familie eingewandert. Sie sprach kein Deutsch und kam auf die Hauptschule. Was sie nicht daran hinderte, das Abitur zu machen, Steuerberaterin zu werden und in Stuttgart eine eigene Kanzlei zu eröffnen, die mittlerweile zwölf Mitarbeiter hat.

Deutschland habe für sie, nachdem sie in der Türkei zur alevitischen Minderheit gehört habe und entsprechend unter Repressalien erlitt, von Anfang an Freiheit bedeutet. Als in dieser neuen Heimat 1990 Anschläge auf Türken in Form von Brandstiftungen verübt wurden, habe sie sich zunächst in dieser Freiheit eingeschränkt gefühlt, hatte Angst, ging weniger aus, und wenn, dann nur mit Pfefferspray in der Tasche. Doch damit war sie nicht zufrieden. "Wenn es Deine Heimat ist, musst Du auch Verantwortung dafür übernehmen", habe sie damals zu sich selbst gesagt.

Sie trat 1992 in die Partei der Grünen ein. 2016 wurde sie zur Landtagspräsidentin gewählt. Die erste Frau in diesem Amt. Die erste Türkin in diesem Amt. Ihre Stellvertreterin sei ebenfalls eine Frau. Eine großartige Sache für Aras, die genau für diese Ideale den Grünen beigetreten war: Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Werte, die ihr auch in ihrem Amt als Landtagspräsidentin stets präsent sind. Besonders, wenn sie die Parlamentssitzungen im Landtag leitet.

Schüler der Schule Schloss Salem verfolgen interessiert das Gespräch mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras.
Schüler der Schule Schloss Salem verfolgen interessiert das Gespräch mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras. | Bild: Hanspeter Walter

"Ich bin Schiedsrichterin", beschreibt sie diese Rolle. Sie sorge dafür, dass der Ton angemessen und die Diskussionen sachlich bleiben – und ergreife im Ernstfall Konsequenzen. Dass sie im Dezember die Rote Karte zeigen musste und Abgeordnete durch Polizisten aus der Sitzung entfernen ließ, dass es so weit kommen musste, finde sie bedauerlich und bedenklich. "Dass der Ton im Parlament rauer geworden ist, kann ich anhand von Zahlen belegen." Die Ordnungsrufe hätten in dieser Legislaturperiode überproportional zugenommen. "Wir müssen daran arbeiten, dass die Debattenkultur wieder besser wird. Schließlich haben wir eine Vorbildfunktion. Wir im Parlament – das sind 143 Mitglieder – vertreten das ganze Land und damit rund elf Millionen Bürger." Wenn die es schon nicht schafften, sich zivilisiert zu benehmen, wie solle man dies dann von den Bürgern erwarten, sagte Aras.

Die Salemer Schüler hatten der Politikerin einige Fragen mitgebracht, sowohl persönliche – ob sie mit Vorurteilen konfrontiert sei, ob sie aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Abstammung auf Grenzen stoße, als auch politische. Von Brexit über Pressefreiheit und Trump bis hin zum Fraktionszwang wollten die Schüler Muhterem Aras Sicht der Dinge wissen.

Ein ganz besonderes Anliegen war es der Landtagspräsidentin, die Schüler zu motivieren, politisch aktiv zu sein, sich zu beteiligen und wählen zu gehen. An den kommenden Kommunal- und Kreistagswahlen könnten ja auch bereits 16-Jährige teilnehmen. Sie sei dafür, das Wahlrecht für 16-Jährige auf Landes- und Bundesebene auszuweiten, da Studien belegten: Je früher man das erste Mal wählen gehe, desto eher bleibe man dabei. Die Frage nach Tipps, wie sich Jugendliche ansonsten in der Politik engagieren können, stieß bei Aras auf offene Ohren. Dass sich Jugendliche engagieren, so die Landtagspräsidentin, sei wichtig, sonst werde über ihre Köpfe hinweg Politik gemacht und Entscheidungen getroffen, die sie selbst betreffen. Wie wichtig das sei, sehe man aktuell an Großbritannien: "Wenn mehr junge Menschen wählen gegangen wären, wäre die Entscheidung über den Brexit anders ausgegangen."

In Gemeinderäte einbringen

Konkret, so Aras, sei der jeweilige Gemeinderat eine Möglichkeit, sich politisch einzubringen. An dessen Wahl können Bürger ab 16 Jahren teilnehmen, außerdem könnten sich junge Leute über diese Institution Gehör verschaffen. Planspiele, die auch im Landtag stattfinden, seien eine gute Möglichkeit, sich politisch weiterzubilden. Nicht zuletzt zähle jegliches ehrenamtliche Engagement, das dem Gemeinwesen und einem selbst guttue.

Es gehe in der Politik manchmal langsam voran, räumte die 53-jährige ein. "Das ist so, weil viele Leute angehört werden und komplexe Sachverhalte sorgfältig abgewägt werden. Je mehr Leute man in die Entscheidungsfindung einbezieht, desto länger dauert es." Aber das sei eben Teil der Demokratie und deshalb positiv zu bewerten.

Die Geschäftsführerin der Schule Schloss Salem, Brigitte Mergenthaler-Walter, betonte bei der Veranstaltung, dass die insgesamt 550 Schüler an der Schule stets zu einem verantwortungsvollen politischen Handeln ermuntert werden. "Unserem Gründer Kurt Hahn war es wichtig, dass wir ein politisches Verantwortungsbewusstsein vermitteln, damit unsere Schüler als Weltbürger die Zukunft gestalten", wies sie auf den Gründungsgedanken hin. 2020 feiert der Gründungsstandort im Schloss Salem 100-jähriges Jubiläum. Dass neben sozialer und gesellschaftlicher auch die politische Verantwortung eine wichtige Rolle im Salemer Alltag spielt, beweise das Engagement der Politik AG.

Der von Muhterem Aras beschriebene Prozess der Heimatfindung habe die Salemer Schüler und Schülerinnen besonders angesprochen habe, die aus 40 Nationen stammen und noch vor der Frage stehen, wo ihre Heimat ist. Für die Mädchen und Frauen sei Aras eine große Inspiration. Sie selbst sage ihren Schülerinnen immer wieder, wie wichtig es sei, sich zu bilden, selbstständig und unabhängig zu sein. Und dass es sich lohne, seine Meinung zu sagen, und für seine Vorstellungen zu kämpfen, "das haben Sie uns auch als Vorbild gezeigt." An ihre Schüler und Schülerinnen appellierte Mergenthaler-Walter, diese Werte auch nach Beendigung der Schulzeit mit auf ihren Weg zu nehmen.