Der Kontrast könnte nicht größer sein. Die ehrwürdigen Räume des Schlosses Salem beherbergen derzeit eine Ausstellung experimenteller, zeitgenössischer Kunst: Performances, Ton- und Textcollagen, Objekte aus Schrott und beiläufig Gefundenem, Skulpturen aus Stein und Metall, Installationen, Videos, Zeichnung und Malerei, alles Ergebnisse des nun schon zum neunten Mal stattfindenden Kunstcamps „salem2salem“. Junge Künstler leben und arbeiten für drei Wochen zusammen, abwechselnd hier im Schloss Salem und, in neuer Besetzung, im Jahr darauf in Salem/New-York in den USA. Die Ergebnisse werden dann jeweils in Ausstellungen präsentiert. Das Projekt wird organisiert und engagiert begleitet vom Kulturamt des Bodenseekreises.

Drei Wochen intensive Zusammenarbeit

In diesem Jahr sind 22 Künstler beteiligt, die Hälfte aus den USA, China und Österreich die anderen aus der Region Bodensee/Oberschwaben. Das gemeinsame Kunstschaffen ist eine intensive Zeit für alle Beteiligten mit Exkursionen, Diskussionen über Ideen, Realisierung und Präsentation, sowie Werkstattarbeit. Die so entstandenen künstlerischen Werke, variationsreich und von unterschiedlichem Niveau, wurden bei der Vernissage am Freitagabend in der vollbesetzten Bibliothek und den anschließenden Nebenräumen der Prälatur präsentiert. Ganz nach der Prämisse zeitgenössischer Kunst, den Betrachter zu fordern, zu provozieren, unbequem zu sein und Gewohntes zur Disposition zu stellen, war es für so manchen Besucher durchaus eine Herausforderung, über zwei Stunden lang geduldig den vielfach englischsprachigen Ausführungen und Darbietungen zu folgen und sich in der Ausstellung den einzelnen Werken zu stellen.

Stefan Feucht und Jenny Hillenbrand (USA) stellen bei der Ausstellungseröffnung Künstler und Werke vor.
Stefan Feucht und Jenny Hillenbrand (USA) stellen bei der Ausstellungseröffnung Künstler und Werke vor.

In seinem Grußwort betonte Landrat Lothar Wölfle auch die politische Bedeutung dieser länderübergreifenden Aktion: Gemeinsam die Welt gestalten, kreative Ideen entwickeln und Gemeinschaft pflegen. Der Kulturamtsleiter des Bodenseekreises, Stefan Feucht, dankte dem amerikanischen Kooperationspartner „Salem Art Works“ und allen Mitarbeitern auch hier vor Ort für ihren engagierten Einsatz. Jenny Hillenbrand (USA) und Stefan Feucht gaben dann mit kurzen Erläuterungen zu Werk und Person der einzelnen Künstler einen Einblick in die Ausstellung. Die Performance „Mutter des Wahnsinns“ von Jenny Hillenbrand, Philippe Wozniak, Michael Ott und Ralf Bauer, eine Komposition für Kontrabass, Posaune, Trompete, untermalt von unentwegtem Babygeheule vom Tonträger, betonte den avantgardistischen Anspruch, der sich auch in vielen der präsentierten Arbeiten wiederspiegelt.

Der zweite Teil der Vernissage, wurde eingeleitet durch die Performance "If", die in rätselhaften Konstellationen und Handlungen das spannungsgeladene Miteinander von Mann und Frau zur Darstellung brachte. Ciaran Cooper las sein Stück „Forty Miles Hour“ gefolgt von weiteren Rezitationen unterschiedlicher Texte. Den Abschluss fand der Abend mit einem beschwingten Musikstück und einem Trommelsolo von Ralf Bauer auf einem zerbeulten, alten Ölfass.

Die Ausstellung ist noch bis zum 3. Oktober in der Prälatur von Schloss Salem zu sehen. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei, allerdings nur in Verbindung mit dem Eintritt ins Schloss möglich (5 Euro).

Vier Künstler und ihre Werke:
Industrielle
und organische Elemente

Richelle Soper unterrichtet Skulptur am Sheridan College in Wyoming (USA). Ihre Arbeiten werden dort erfolgreich landesweit ausgestellt. In ihre Objekte und Installationen baut sie industriell gefertigte Gegenstände ein, nimmt ihnen durch die Kombination mit organisch wirkenden Elementen ihre Kälte und Anonymität. In dem Objekt „Lean: Naught“, zusammengesetzt aus einer Holzkiste, Pappe, Papier, Aluminium und geformten Gips entwickelt sich ein organisch agierendes Wesen, wie die Künstlerin betont, das sich mit einer Art Fühler an der Wand festsaugt, Verbindung sucht, gleichzeitig Energie abzieht, aber auch aus seinem Reservoir welche abgeben kann. Soper ist mit mehreren Werken vertreten.

Richelle Soper vor ihrem Objekt "Lean: Naught".
Richelle Soper vor ihrem Objekt "Lean: Naught".

Sicherheitsdenken der Deutschen

Patrick Healy, aufgewachsen in New York, studierte Skulptur an der Alfred Universität und ist Mitarbeiter bei Salem-Artworks-USA. In seinen Werken untersucht er die Schnittstelle zwischen Realität und Fantasie anhand alltäglicher Objekte, um ihre Funktion und Bedeutung zu hinterfragen. Mit seiner Skulptur „Parent of theyear“ bestehend aus neun Feuerlöschern, "sitzend" auf einem Kinderklappstuhl, reflektiert er, nach eigenen Angaben, das allgegenwärtige Sicherheitsdenken hier in Deutschland, all die Vorschriften, Verbote, und Versicherungen. Auch ein zweites Objekt, ein Karren voller Feuerlöscher, wartet als mobiles „Einsatzkommando“ auf die nächste Gelegenheit, die Ordnung wieder herzustellen.

Patrick Healy vor der Installation "Parent of the year".
Patrick Healy vor der Installation "Parent of the year".

Gemäldefahne wie ein Wasserlauf

Hans Christian Winkler studierte Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und Intermediales Gestalten in Stuttgart. In seiner Arbeit spielt die Spontaneität und Unbefangenheit eine zentrale Rolle, das fertige Objekt oder Bild ist lediglich Relikt des Prozesses. In der Bibliothek hat er eine mehrere Meter lange Gemäldefahne „Three flying Eggs“ an der Brüstung des Umlaufes der Galerie befestigt und lässt sie wie einen Wasserlauf hinunter in den Saal „fließen“. Nach seinen Angaben reagiert er so auf die Schwingungen des barocken Dekors mit spontanen Farbverläufen. Die Arbeit versinnbildlicht die Dynamik des Raumes und die formbildende, füllige Kraft des Barock.

Hans Christian Winkler neben seiner Gemäldefahne "Three flying Eggs".
Hans Christian Winkler neben seiner Gemäldefahne "Three flying Eggs".

Verzerrte Abbilder der Salemer Äbte

Michael Brenner ist gelernter Kunststoffschlosser. 2004 gründete er die Produzentengalerie „Alte Kanzlei“ in Albstadt, arbeitet selbst an unterschiedlichen Kunstprojekten mit und setzt künstlerische Gestaltung als sozial und therapeutisch wirksames Element in Kursen ein. In seinem Acryl-Gemälde „Abtbild“ hinterfragt er die vielfältigen Darstellungen der Äbte hier im Salemer Kloster, verzerrt, wie er es formuliert, ihre Abbilder, indem er den unantastbaren Gestalten versteckte, menschliche Züge zuschreibt. Ein Bischofsstab ruft zur Disziplin, durchwoben von religiösen Textfragmenten, strenge Richtlinien, aber durch die aus dem Stab sprießenden Blätter hoffnungsvoll dem Leben zugewandt.

Michael Brenner präsentiert sein Gemälde "Abtbild".
Michael Brenner präsentiert sein Gemälde "Abtbild".