Gerade einmal 25 Jahre alt war August Lohr, als ihn der damalige Pfarrer Kaiser bat, das Amt des Münstermesners zu übernehmen. Ein halbes Jahrhundert hat er es ausgefüllt, acht Pfarrer erlebt und interessante Menschen kennen gelernt, wie er betont. Einiges hat sich für ihn grundlegend verändert von damals bis heute. Fest macht er die neuen Gegebenheiten vor allem an den Änderungen durch das Zweites Vatikanische Konzil (1962 bis 1965), an das Einführen einer Vorabendmesse am Wochenende um 1990 sowie am jüngsten Zusammenschluss der vormals eigenständigen Kirchengemeinden zu einer Seelsorgeeinheit. Aber auch im Verhalten der heutigen Kirchenbesucher macht der Mesner Unterschiede zu den früheren aus.

„Der Befreiungsschlag kam von Papst Johannes, dem XXII.“, sagt Lohr mit Blick auf die Neuerungen des Konzils. Zu Amtsantritt war er bei seinem Kirchendienst noch auf ein Wörterbuch angewiesen gewesen, mit dessen Hilfe er die ausschließlich verwendete lateinische Sprache ins Deutsche übersetzen konnte. Nach 1965 war das anders. „Das Volk sollte besser in die Liturgie eingebunden werden.“ Plötzlich habe der Priester begonnen, von einem Volksaltar aus, den Kirchenbesuchern zugewandt die Heilige Messe zu feiern. Ein ganz anderer, freierer Wind wehte plötzlich. Es folgten weitere Umbrüche. So führt der Kirchendiener den Rückgang der Kirchgänger im Salemer Münster „zum Teil auf das Einführen einer Sonntagsvorabendmesse“ zurück. Das war vor 25 Jahren. Vorher habe der Großteil der Bürger die Kirche selbstverständlich am Sonntagvormittag besucht. Das sei mit der samstäglichen Messfeier aufgeweicht worden, meint Lohr. Einiges verändert hat sich für ihn ebenso durch das Zusammenlegen der vormals eigenständigen Pfarreien zu Seelsorgeeinheiten. „Danach ist alles anonymer geworden“, findet er.

Einen anderen Wind gegenüber seiner Anfangszeiten spürt der Mesner selbst außerhalb der Messzeiten. Viele der mehr als 130 000 Besucher, die jährlich in der Schlossanlage unterwegs sind, machen auch einen Abstecher in die Kirche der ehemaligen Reichsabtei. „Die Leute sind frecher geworden“, resümiert der Küster. Wenn es gar zu bunt zuging, habe er das Gespräch gesucht. „Du spürst, ob Menschen eine religiöse Beziehung haben oder nur Kunst suchen.“ Auch, wenn mancher Mini-Puttenkopf aus Alabaster verschwunden sei, Opferkerzen würden aber trotzdem angezündet: „Das zeigt mir, die innere Bereitschaft der Kirchenbesucher ist da." Sehr froh ist der in Salem-Altenbeuren Geborene über die gute Verbindung zwischen dem markgräflichen Haus als früherem Schlosseigner und der Pfarrgemeinde. „Wir wurden immer auf dem Laufenden gehalten auch bei Übernahme der Schlossanlage durch das Land.“ Hinzu kommt die Gewissheit, „dass das Münster unsere Pfarrkirche ist und auch bleibt“. Auch, wenn nun alles dem Land gehöre, „rausschmeißen können sie uns nicht“, unterstreicht Lohr. Er verweist auf einen Grundbucheintrag von 1806, der das belege. Am allerwichtigsten ist ihm aber bis heute, „dass die Salemer Gemeinde keine schlafende, sondern eine lebendige Gemeinschaft ist“.

Daran hat er über ein halbes Jahrhundert mitgewirkt. Die in vielen Jahren entstandenen Kontakte, ebenfalls aus seinem langjährigen Dienst als Pfarrgemeinderat, seien ihm immer hilfreich gewesen. Missen möchte er weder das Zwischenmenschliche noch sein Mesneramt. Auch, wenn er 1960 bei Amtsantritt nicht annährend gewusst hat, was auf ihn zukommt. Zumal alles mit seinem Beruf als Angestellter bei der Deutschen Bundesbahn zu vereinbaren war. “Ohne meine Familie und vor allem ohne meine Frau wäre das aber nicht gegangen“, weiß er. Schließlich wirkte er zusätzlich noch über 36 Jahre als Ortsreferent für den Teilort Stefansfeld und gehörte 24 Jahre lang dem Salemer Gemeinderat an.

August Lohr: „Da war schon Mal die ganze Familie gefordert“

Der Aufgabenbereich des Mesners ist vielfältig, damals wie heute. Viel Zeit und Arbeit haben August Lohr und auch seine Familie in die ehrenamtliche Tätigkeit gesteckt. Zu seinen Aufgaben gehörte mehr als nur den Gottesdienst vorzubereiten, die Liturgie mitzufeiern und bei Taufen oder Hochzeiten zu assistieren. So musste und muss dafür gesorgt werden, dass die Mess- und Ministrantengewänder sauber und ordentlich hergerichtet sind, ebenso der Kelch und die Hostien müssen bereit stehen. Auch um den Blumenschmuck kümmert sich der Kirchendiener und darum, dass die Kirchenräume sauber sind. Hinzu kommt das Auf- und Abschließen der Kirche selbst. Lohr war zusätzlich Kommunionhelfer und Lektor.

Allein ist das für den berufstätigen Vater kaum zu bewältigen gewesen. Zumal August Lohr gleich zu Beginn ohne Pfarrer agieren musste. Im Laufe seiner 50-jährigen Mesnertätigkeit hat er noch mehrere Pfarrervakanzen überbrücken müssen. „Da war schon Mal die ganze Familie gefordert“, erinnert sich seine Frau Erika Lohr.

„Besondere Herausforderung waren die Vakanzen“, erinnert sich Lohr an die mehrfach freien Pfarrerstellen. Zwar sei immer der damalige Pfarrer von Hagnau zuständig gewesen, doch habe jemand vor Ort gefehlt. „Das war das Schlimmste, immer zu gucken, dass die Leute eine Anlaufstelle haben.“ Nicht selten kamen die Menschen auf der Suche nach Rat mit ihren Anliegen zu ihm. So erinnert sich Lohr beispielsweise daran, dass ein verzweifelter Familienvater ihm sogar während einer Fastnachtsveranstaltung in der früheren Gastwirtschaft Lindenbaum sein Herz ausgeschüttet hat. „Wir haben uns mitten im Fasnachtstrubel in eine Ecke neben den Ofen gesetzt und miteinander geredet“, erzählt Lohr. Auch vor großen Kirchenfesten war großes Engagement von Nöten. „Je höher der Feiertag, desto mehr Arbeit“, bringt es der heute 83-Jährige auf den Punkt.

Als Beispiel nennt er die 600-Jahr-Feierlichkeiten zur Weihe des Salemer Münsters, die im Jahr 2014 mit mehreren großen Gottesdiensten gefeiert wurde. Freiburgs ehemaliger Erzbischof Robert Zollitsch sowie dessen Nachfolger Stephan Burger waren unter anderem zu Besuch im Münster. “In Salem war immer etwas geboten: Unzählige Bischöfe sind in den letzten 55 Jahren da gewesen und auch Kardinal Walter Kasper“, entsinnt sich der Kirchendiener. Trotz der vielen Arbeit denkt Lohr gerne an die vielen guten Begegnungen zurück. „Da ist menschlich immer was gewachsen“, freut er sich, „dass ich so viele Persönlichkeiten kennen lernen konnte.“