Für einige Aufregung unter den Helfern, die sich um die Menschen in den Flüchtlingsunterkünften kümmern, sorgt das Landratsamt Bodenseekreis derzeit. Aus Brandschutzgründen soll alles Inventar aus den Zimmern entfernt werden, das nicht zur ursprünglichen Grundausstattung gehört. Im Helferkreis, der sich um die im "Hirschen" in Salem-Mimmenhausen untergebrachten Menschen kümmert, befürchtet man nun, die Helfer könnten dann den Frust der Bewohner abbekommen, wenn man ihnen all die gespendeten und teils selbst gekauften Dinge abnimmt, die ihre Behausungen wohnlicher machen.

Ursprünglich war nach Informationen des Helferkreises die Ausräumaktion bereits für den vergangenen Dienstag geplant. Doch nachdem die Aktion bekannt geworden war, setzte man im Landratsamt eine Hausbegehung an, die nun am heutigen Donnerstag stattfinden soll. „Da wollen wir den Bewohnern sagen, was sie aus Brandschutzgründen an persönlichen Gegenständen beseitigen sollen“, erklärte Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamtes.

Es gebe zwar eine Hausordnung, in der stehe, was erlaubt und was nicht erlaubt sei, sagt Schwarz, aber in den letzten Monaten seien die Mitarbeiter des Sozialamtes so massiv mit der Unterbringung neuankommender Flüchtlinge beschäftigt gewesen, dass die Überwachung der Hausordnung etwas aus dem Blick geraten sei. So habe sich im Lauf der Monate in den Unterkünften ausstattungsmäßig ein gewisses Eigenleben entwickelt, das mit den Sicherheitsaspekten nicht mehr vereinbar sei. Schwarz verweist darauf, dass in der Vergangenheit häufig die Feuerwehren in Flüchtlingsheime hätten ausrücken müssten.

Es habe sich zwar meist nur um angebranntes Essen auf Kochplatten gehandelt. Aber auch daraus könnte sich einmal ein größerer Brand entwickeln. Und dann sei es halt entscheidend, wie hoch die Brandlastigkeit in einer Unterkunft sei. Schwarz verweist außerdem darauf, dass ausreichende Fluchtwege gewährleistet sein müssten. Diese seien aber durch persönliche Gegenstände der Flüchtlinge auf den Fluren mitunter eingeengt.

Kreisbrandmeister Henning Nöh hat an einer Liste mitgewirkt, in der brandlastige Gegenstände aufgeführt sind. „Wir wollen in allen Unterkünften nach denselben Kriterien verfahren“, betont Schwarz. Zu den brandlastigen Gegenständen zählt der Kreisbrandmeister auch Teppiche. Sie sind zwar in jedem Haushalt zu finden. Aber in Gemeinschaftsunterkünften müsse man sie im Kontext mit der hohen Anzahl an Bewohnern sehen, sagt Nöh. „Wir haben nichts dagegen, wenn in den Wohnräumen kleine Gebetsteppiche ausgelegt werden oder wenn eine Kinderspielecke eingerichtet wird“, gibt Schwarz zu verstehen, dass man den Flüchtlingen bei der Einrichtung durchaus noch einen individuellen Spielraum lassen möchte. „Aber wir wollen die Brandlasten schon sehr reduzieren“, verdeutlicht Nöh.

Deshalb sollen in den Flüchtlingsunterkünften auch keine Vorhänge aufgehängt werden. Es sei denn, es handelt sich um schwer entflammbare Stoffe, wie sie auch in Kinderheimen gefordert werden. „Die Flüchtlinge bekommen aber“, so Nöh, „aus der Bevölkerung Dinge geschenkt, von deren Qualität wir nichts wissen.“ Das gilt auch für Röhren-Fernsehapparate. „Je älter die Geräte sind“, erklärt Nöh, „desto höher ist die Gefahr, dass durch eine Implosion ein Brand entstehen könnte.“

Alle diese vorbeugenden Maßnahmen gelten nur für Gemeinschaftsunterkünfte. „Aber“, so Nöh, „wir können darauf wegen der Sicherheit für die Flüchtlinge nicht darauf verzichten.“ Wohlwissend, dass dadurch etwas vom "Wohlfühlfaktor" genommen werde. Aber die Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft sei ja nur befristet. Für die Anschlussunterkünfte, in die die Menschen nach Abschluss des Asylverfahrens kämen, gälten die Maßnahmen nicht.

„Völlig überrascht und entsetzt“

Mit der Privatsphäre ist es in den Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge ohnehin nicht weit her. Auch im Asylbewerberheim in Überlingen-Goldbach sind die Menschen zu viert auf 18 Quadratmetern untergebracht. Da will man nicht auch noch neugierige Blicke von außen ertragen. Vergangene Woche hörten die Bewohner auch hier von Mitarbeitern des Landratsamtes, dass sie künftig keine Vorhänge mehr benutzen dürfen und auch alle Teppiche binnen Wochenfrist entfernen müssen. „Die Menschen waren völlig überrascht und entsetzt“, sagt Maria-Gratia Rinderer, die als ehrenamtliche Mitarbeiterin schon seit mehr als 20 Jahren Asylbewerber betreut.

Die Sorge um den Brandschutz rechtfertigt aus ihrer allerdings nicht das aktuelle Vorgehen. Teppiche seien für das Leben in den jeweiligen Heimatländern ganz wichtig. „Wie es hieß, sollten auch keine Schuhe mehr auf den Gängen stehen, alles müsse in die kleinen Zimmer gepackt werden.“ Ohnehin werde den Bewohnern jegliche persönliche Einrichtung verwehrt. „Die Menschen müssen doch nicht in einer Gefängniszelle leben.“ Bei einer Hausbegehung zum Brandschutz vor wenigen Tagen seien sogar ohne Vorwarnung einzelne abgeschlossene Zimmer geöffnet worden, in denen arabische Mütter mit Kindern geschlafen hätten. „Das muss man sich vorstellen bei diesen kulturellen Unterschieden“, sagt die Betreuerin. So „unsensibel“ dürfe man sich doch auch gegenüber Flüchtlingen nicht verhalten. (hpw)