"SimSalemBim" – diese Zauberformel spricht der Text- und Performancekünstler Bruno Nagel bei seinem Kurzauftritt zum Auftakt der siebten Auflage des internationalen Kunstprojekts "Salem2Salem" in der Bibliothek von Schloss Salem. Tatsächlich verwandelt Kunst ja, sowohl ihr Ausgangsmaterial in etwas, das oft über das sinnlich Begreifbare hinausreicht, als auch ihre Schöpfer und Konsumenten. Das war seit ihren Anfängen so, sagt Birgit Rückert, Leiterin der Schlossverwaltung Salem, die ihren Chef Michael Hörrmann vertritt, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg. Augenzwinkernd betont die Archäologin gar: "Hier in Baden-Württemberg wurde die Kunst erfunden." Sie meint damit die eiszeitlichen Elfenbeinfigürchen aus dem Lonetal, wie die rund 40 000 Jahre alte Venus und der berühmte Löwenmensch, die als die ältesten Kunstwerke der Menschheit gelten. Schon damals habe der Mensch versucht, seine Welt mittels Kunst zu erklären, über Sprachgrenzen hinweg. Über die deutsch-amerikanische Sprachgrenze hinweg hilft Rückert Amy Kaps mit ihrer Übersetzung ins Englische. Der gemeinsame Auftritt ist schon eine kleine Performance, Kaps Metier. Sie trägt ein Kleid mit üppigem Reifrock, das aus vielen Stoffteilen besteht. Sie sind mit Klettband befestigt, sodass Fans gegen Obolus ein Stück von Kaps abbekommen können.

"Hoffen wir auf weitere 100 Jahre für Salem2Salem. Dieser Austausch ist wichtig für die deutsch-amerikanische Freundschaft und diese ist sehr wichtig für die Welt."
James W. Herman, US-Generalkonsul
"Hoffen wir auf weitere 100 Jahre für Salem2Salem. Dieser Austausch ist wichtig für die deutsch-amerikanische Freundschaft und diese ist sehr wichtig für die Welt." James W. Herman, US-Generalkonsul | Bild: Sylvia Floetemeyer

Überhaupt ist die Überwindung von Grenzen das Leitmotiv des "Salem2Salem"-Projekts – über Kontinente, künstlerische Sparten, sprachliche und kulturelle Barrieren hinweg. Angesichts der gegenwärtigen Terrorgefahr bekommt es 2016 eine zusätzliche Dringlichkeit, die auch in etlichen der künstlerischen Kurzbeiträge anklingt – und im Grußwort des amerikanischen Generalkonsuls James W. Herman aus Frankfurt am Main, der für diesen Abend, neben einem Strohhut, ganz bewusst ein Hawaii-Hemd als Outfit gewählt hat. Herman hat lange Zeit in Hawaii gelebt. Als er an den Bodensee kam, habe er sich gleich wie zuhause gefühlt. Denn Menschen, die am Wasser wohnten, hätten eine ganz besondere Art zu leben, eine Geisteshaltung, die Herman "Aloha-Spirit" nennt. Dieser beinhalte Lebensfreude, doch "zuallererst Respekt für den anderen, dass wir einander verstehen und nicht verurteilen". Diesen "Aloha-Spirit" wünscht Herman auch dem dreiwöchigen Projekt.

Kunst, das unterstreicht auch Denise Anderson von Salem Art Works aus den USA, sei "eine universelle Sprache, die Barrieren niederreißt". Anderson betont: "Kunst hilft jedem von uns zu wachsen." Sie hoffe, dass "Salem2Salem" ein Bewusstsein für die Weltgemeinschaft kreiere, der alle angehörten. Zusammen mit Kreiskulturamtsleiter Stefan Feucht, der den interdisziplinären Ansatz des Projekts hervorhob, stellt Anderson die 21 Künstler vor, von denen etliche Kostproben ihrer Kunst geben. So das amerikanische Multitalent Justin Morrissey mit mehreren selbst geschriebenen Liedern. In einem heißt es: "Wir haben unser Herzen zum Lieben, unsere Arme zum Umarmen, unser Lippen, um einander zu küssen.

"Hier in Baden-Württemberg wurde die Kunst erfunden, vor etwa 35.000 Jahren." Birgit Rückert, Leiterin der Schlossverwaltung Salem
"Hier in Baden-Württemberg wurde die Kunst erfunden, vor etwa 35.000 Jahren." Birgit Rückert, Leiterin der Schlossverwaltung Salem | Bild: Sylvia Floetemeyer

" Der Skulpteur und Landart-Künstler "Hundefaenger Karl Rudi Domidian" trägt ein Gedicht vor, das er aus acht Merkzetteln zusammengesetzt hat, die er in Sigmaringen auf der Straße fand. Es sind Einkaufs- und Aufgabenlisten, die achte lautet lapidar: Betreuungsbehörde.

Andrew Petrilli aus den USA liest eine dichte Kurzgeschichte über zwei gebrochene Existenzen, die sich vor einer Drogen-Reha-Klinik ihr Leben erzählen. Die weibliche Hauptfigur gehört dem Indianerstamm der Seneca an und versucht immer wieder, sich zu erinnern, wie alle sechs Irokesenstämme heißen.

Die Schriftstellerin Dorothea Dieckmann, die Malerin Ingrid Wild und die Bildhauerin und Zeichnerin Susanne Immer (vordere Reihe, von links nach rechts) sind drei von 21 Künstlerinnen und Künstlern, die am Projekt Salem2Salem 2016 beteiligt sind.
Die Schriftstellerin Dorothea Dieckmann, die Malerin Ingrid Wild und die Bildhauerin und Zeichnerin Susanne Immer (vordere Reihe, von links nach rechts) sind drei von 21 Künstlerinnen und Künstlern, die am Projekt Salem2Salem 2016 beteiligt sind. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Die deutsche Schriftstellerin Dorothea Dieckmann spielt auf Englisch mit den Worten "Home and away", daheim und weg, und kommt zum Schluss: "You must be away from home to find a way home." Übersetzen ließe sich das in etwa so: "Du musst weg von zuhause sein, um einen Weg nach Hause zu finden." Bruno Nagel performt fantasievoll auf der Galerie der Bibliothek, singt, teilweise mit Falsett-Stimme, unverständliche Silben, die irgendwie romanisch klingen und wie eine Mischung aus Gregorianik und italienischer Barockoper.

Ebenso eigenwillig, wenn auch auf ganz andere Art, ist die musikalische Performance, die Maya Kuroki gibt, mit Augenbinde und Riesenbrille sowie selbst gebasteltem Klangspiel und begleitet von Morrissey. Jakob Schaible trägt auf Englisch ein Besinnungsgedicht vor, in dem es darum geht, wozu man Ja und wozu man Nein sagen soll.

Die Sängerin und Musikerin Kaja Plessing, die einst die Schule Schloss Salem besuchte, beendet den Abend: mit ihrem Spiel auf dem Monochord und einem zauberhaften, wortlosen Gesang. Echte Magie kommt auch ohne Text aus.

 

"Salem2Salem"

Das internationale und interdisziplinäre Kunstprojekt "Salem2Salem" gibt es seit 2010. Seine Anfänge nahm es, als 2009 eine Delegation der Künstlervereinigung Salem Art Works aus Salem im US-Bundesstaat New York erstmals Salem am Bodensee besuchte. Daraus entstand ein Kulturaustausch, der abwechselnd im amerikanischen und im deutschen Salem stattfindet, dieses Jahr in siebter Auflage. Drei Wochen arbeiten 21 Künstler aus den USA, aus Deutschland und der Schweiz in Schloss Salem. Die Werke sind in einer Ausstellung zu sehen, die am 26. August, 19 Uhr, in der Bibliothek von Schloss Salem eröffnet und bis 30. Oktober gezeigt wird. Das Projekt wird organisiert vom Kulturamt Bodenseekreis und gefördert von der Carris Foundation, dem US-Generalkonsulat in Frankfurt, den Staatlichen Schlössern und Gärten, den Oberschwäbischen Elektrizitätswerken und dem Verein Bodensee-Kulturraum. (flo)

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