Salem – Wenn sich die Hauptakteure der Behindertenhilfe im Wirkkreis Westlicher Bodensee zu einer Ideenwerkstatt treffen, bestimmten die zwei Schlagworte „Inklusion“ und „Dezentralisierung“ das Thema zu bestimmen. Auf Einladung der St.-Gallus-Hilfe sowie der beteiligten Kooperationspartner haben sich mehrere Vertreter der sozialen Organisationen, Diensten und Vereinen in der Region im Alten- und Pflegeheim Wespach getroffen, um den Stand der Dinge zu beleuchten und Zukunftsideen zu entwickeln. Dabei ging es im Wesentlichen um die Bereiche, die eine Inklusion von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft heute nach wie vor ausmachen: Arbeitswelt, Bildung, Freizeit, Vereinsleben und Wohnen.

Wie kann hier eine verbesserte Teilhabe im Zuge der Dezentralisierungsbestrebungen aller sozialen Organisationen, Dienste und Vereine erreicht werden? Was bieten die an der Ideenwerkstatt beteiligten Partner bisher an Leistungen und Möglichkeiten und wie können diese verbessert werden? Anhand von vier Themenaspekten haben die Teilnehmer der Ideenwerkstatt versucht, der Fragestellung auf den Grund zu gehen – das Etappenziel dabei immer im Blick: Die Vernetzung. Auf diese Weise sollen nicht nur bestehende und neue Partnerschaften geknüpft werden, sondern auch die Zusammenarbeit aller Kooperationspartner weiter ausgebaut und intensiviert werden.

Zentrale Begriffe

  • Inklusion bedeutet Zugehörigkeit. Der Begtriff beschreibt eine soziale Forderung, welche durch die vollständige gesellschaftliche Teilhabe und Akzeptanz von Menschen und deren Individualität verwirklicht wird.
  • Dezentralisierung heißen die Reformprozesse der Behindertenhilfe, die darauf zielen, zentrale überregionale Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in Richtung gemeinwesenintegrierter und regional organisierter Dienste zu verändern.

 

Für Felix Heckenberger von der St.-Gallus-Hilfe steht die Begegnung von Menschen und deren Vernetzung im Vordergrund. So sei er sich zwar nicht ganz sicher, ob es eine Ideenwerkstatt wie diese schon einmal gab, von der Notwendigkeit der Inklusion ist er jedoch überzeugt. Das Ziel, den Menschen in die Mitte zu bringen, sei für ihn gleichbedeutend mit dem Abbau der Barrieren, die viele Menschen immer noch in ihren Köpfen hätten. Erreichen möchte Felix Heckenberger, der für die Projektförderung im Wirkkreis Westlicher Bodensee verantwortlich ist, unter anderem die Öffnung lokaler Vereine für Menschen mit Behinderung. Dabei solle nicht der Leistungsgedanke im Vordergrund stehen, sondern die Teilhabe am Vereinsleben, sei es als Schriftführer oder als Bedienung im Vereinslokal. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt Felix Heckenberger verstärkt auf öffentlichkeitswirksame Projekte.

Hildegard Sasse vom Landratsamt Bodenseekreis ist Leiterin des Familientreffs "Grenzenlos". Dieser leistet im Rahmen seines umfassenden Familiendienstes nicht nur interkulturelle Arbeit, sondern ermöglicht beispielsweise in Form eines gemeinsamen Projekts mit der St.-Gallus-Hilfe auch die Teilnahme behinderter Mädchen am Veranstaltungsangebot des Landratsamts. Seit 2015 gibt es das gemeinsame Tanzprojekt der Mädchengruppe. Wichtig findet sie, dass nach der Erstirritation im Umgang miteinander schließlich das Kennenlernen den Weg frei macht für die Gemeinschaftsfähigkeit. Soll heißen, es findet eine Begegnung von Mensch zu Mensch statt. Die Freizeitpädagogik sieht Sasse denn auch als Schnittstelle zur Inklusion und führt weiter aus, dass es die Selbstverständlichkeit des Miteinanders ist, die zum Ziel führe. Man dürfe nie vergessen: "Die Wertigkeit liegt immer im Menschen."

Als Bereichsleiterin Wohnen bei Pfingstweid ist Melanie Süß-Scharf bestens im Bilde über die Bauvorhaben in der Region westlicher Bodenseekreis. So berichtet sie von einem aktuellen Bauprojekt in Salem-Mimmenhausen, wo ein neues Gebäude für 18 Menschen mit geistiger Behinderung entsteht. Dass das Angebot für Menschen mit Behinderung, die eigenständig wohnen möchten, von Wohnungsnot geprägt sei, liege an verschiedenen Faktoren. Einerseits sei die besondere geografischen Lage und der damit einhergehende Mietpreisspiegel dafür ausschlaggebend, andererseits liege es aber recht oft auch am mangelnden Vertrauen potentieller Vermieter. Hier will Pfingstwald Unterstützung anbieten, um beispielsweise beim Abschluss eines Mietvertrags Probleme auszuräumen. Dass Pfingstweid mit dem Neubau seinen Aktionsradius nach Salem erweitert, sieht Melanie Süß-Scharf sehr positiv.

Heide-Rose Rauch, Vorsitzende der Lebenshilfe Bodenseekreis, weiß, dass Menschen mit Behinderung so selbstbestimmt wie möglich leben können und die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Aus persönlicher Erfahrung berichtet sie, dass es auch die Grenzen der Dezentralisierung zu respektieren gilt: Sie habe eine erwachsene Tochter mit Behinderung, die im Haushalt der Familie lebe und mit dem Arbeitsangebot in einer Werkstatt gut aufgehoben sei.

Auch der geschützte Raum, den eine Werkstatt als solche darstellt, müsse Bestand haben angesichts der Überforderung, die unterschiedliche Formen von Behinderung mit sich bringen, betont sie. Es dürften nicht nur Kostenfaktoren ausschlaggebend sein, sagt Rauch, schließlich sei die Dezentralisierung eine riesen Aufgabe, vor die sich die Behindertenarbeit gestellt sieht. Dass dennoch eine Eigenvertretung von Menschen mit Behinderung wie beispielsweise im Landratsamt heutzutage möglich geworden ist, freut Heide-Rose Rauch sehr. Sie erkennt darin ein gutes Beispiel für positive Entwicklungstendenz, die das Schlagwort „Restgesellschaft“ hoffentlich Lügen strafe.

Fabienne Schnurr, vom Büro für Ambulante Dienste der Zieglerschen in Kluftern, kümmert sich neben der Fallbetreuung von derzeit fünf Klienten auch um die Betreuung der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Ziel der Arbeit sei es, die Kunden in ihrem Alltag zu begleiten, sie zu unterstützen, ihre Selbstständigkeit weiterzuentwickeln und ihre Selbstbestimmung zu wahren. Mit Felix Heckenberger eint sie das Anliegen, Vereine darauf aufmerksam zu machen, dass mit ihnen eine Teilhabe noch besser ermöglicht werden kann. Zudem könne der Erwerb von lebenspraktischen Fähigkeiten im Rahmen des Vereinslebens spielerisch gefördert werden. Dass dabei für die Vereine auch Vorteile entstünden, wie etwa die Belebung des Vereinsklimas durch ein buntes Miteinander, müsse immer wieder neu erlebt werden. Auch im Bereich der Freizeit wollen die Zieglerschen dem Projekt Auftrieb geben.