Dorothea Vollmer, Rektorin der Grundschule Neufrach, spricht ihren drei Schulleiter-Kollegen am Tisch aus dem Herzen. "Das Fass ist nicht nur voll, sondern übergelaufen", sagt sie. Auch Sonja Fahlenbock von der Grundschule Beuren, Stefan Neher von der Fritz-Baur-Grundschule Salem und Gabriele Heidenreich von der Grundschule in Heiligenberg wollen die Probleme nicht mehr so stehen lassen. Unter dem Motto "Grundschule unter Druck: das Stiefkind der Bildungspolitik" laden sie unter dem Dach der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am 12. April zu einer Veranstaltung in Salem-Mimmenhausen ein, bei der all ihre Sorgen und Nöte auf den Tisch kommen sollen.

Was sie am meisten ärgert, sind mangelnde Wertschätzung für die Arbeit der Grundschulen und fehlender Rückhalt aus dem Kultusministerium. Wenn Studien wie der IQB-Bildungstrend 2016 oder Vergleichstests wie "Vera 3" zum Ergebnis haben, dass Baden-Württemberg nicht mehr das "Bildungsmusterländle" ist, "dann heißt es sofort, die Grundschulen machen einen schlechten Job", beklagt Stefan Neher. Es gebe Punkte, wo Verbesserungen zweifellos nötig sind. Aber hier würden vorschnelle Schlüsse gezogen. Denn die Grundschule arbeite unter den schlechtesten Bedingungen im Vergleich aller Schularten, was die personelle und sachliche Ausstattung angeht, ergänzt Dorothea Vollmer. Dabei werden in Klasse 1 bis 4 die wichtigsten Grundlagen für die gesamte Schullaufbahn gelegt. "Doch unsere Forderungen laufen regelmäßig ins Leere. So kann es nicht weiter gehen", sagt die Rektorin der Neufracher Grundschule.

Das Schulleiter-Quartett kann sehr genau benennen, wo die Grundschulen hinten dran sind. Als einzige Schulart in Baden-Württemberg erhalten sie keine einzige Poolstunde für Förderunterricht. "Wir müssen um jede zusätzliche Stunde kämpfen", so Vollmer. Für die geplante Einführung von zwei Förderstunden für Mathe oder Deutsch falle der Fremdsprachenunterricht in Klasse 1 und 2 wieder weg. Ganz abgesehen davon, dass diese Entscheidung genau wie beispielsweise die ergebnislose Abschaffung des Schulversuchs "Grundschule ohne Noten" für Stefan Neher "unmotiviert" ist. Sinnvolle Konzepte für Förderstunden oder ergänzende Angebote von Theater- bis Chor-AG gebe es nicht, weil die Stunden nicht verlässlich eingeplant werden könnten.

Noch drastischer sieht es bei den Finanzen aus. Für jede Schulart hat das Land einen Sachkostenbeitrag je Schüler festgelegt – außer für Grundschulen. Hier dürfen die Gemeinden als Schulträger den Betrag für die Ausstattung selbst festlegen. Während es von Gemeinschaftsschule über Realschule bis Gymnasium rund 840 bis 1300 Euro pro Schüler und Jahr gibt, seien es bei den Grundschulen im Schnitt 170 bis 190 Euro.

Viele Eltern seien verunsichert, weil sie selbstverständlich mitbekommen, was an den Grundschulen los sei. Und der Unmut in den Kollegien wachse, weil die Lehrer mit den obendrein gestiegenen Anforderungen ziemlich allein gelassen würden, so Neher. So dürfen in der verlässlichen Grundschule trotz hohem Lehrermangel keine Stunden ausfallen, aber eine Reserve für Vertretungsstunden gebe es kaum. Dabei ist die Grundschule mit der heterogensten Schülerschaft überhaupt wie der Schmelztiegel der Gesellschaft. In den Klassen sitzen Kinder mit geringen Sprachkenntnissen, mit Lernschwierigkeiten, mit erhöhtem Förderbedarf. Mehr Zeit dafür gibt es nicht. "Das zehrt an der Energie und geht zu Lasten des Kollegiums", sagt Stefan Neher. Dazu komme mehr Kontrolle oder Vorschriften, obwohl doch eigentlich das Kollegium über Unterrichtsmethoden entscheidet. Dass es unter diesen Rahmenbedingungen immer schwieriger wird, Schulleiterstellen an Grundschulen zu besetzen, ist für die vier Rektoren kein Wunder – und nicht nur, weil die Zulage mit 150 Euro brutto sehr mager dotiert sei.

Die vier Schulleiter wollen aber nicht nur klagen, sondern mit der Veranstaltung und konstruktiven Gesprächen auf dem Podium unter anderem mit Landtagsabgeordneten aus der Region möglichst etwas Produktives daraus machen. "Bildungspolitik wird leider nicht vom Kind aus gedacht, sondern ist von anderen Interessen geleitet", sagt Dorothea Vollmer. Nicht nur sie hofft, dass die zentrale Frage wieder in den Fokus rückt: Was brauchen Kinder, damit sie gut lernen?

Podiumsdiskussion

Die von den vier Grundschul-Rektoren unter dem Dach der GEW organisierte öffentliche Veranstaltung findet am 12. April ab 19 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus Salem-Mimmenhausen statt. Nach einem Vortrag des Bremer Erziehungswissenschaftlers Prof. Hans Brügelmann zum Thema "Stiefkind der Bildungspolitik" ist ein Podiumsgespräch mit Vertretern aus Politik, Schule und Gewerkschaft geplant. Mit dabei sind die Landtagsabgeordneten Martin Hahn (Grüne) und Klaus Hoher (FDP) sowie SPD-Kreisrat Norbert Zeller, der bis zur Pensionierung Stabsstellenleiter im Kultusministerium des Landes war. Neben einem Vertreter der Schulleitung sind Ricarda Kaiser (Vorsitzender der GEW-Fachgruppe Grundschule), Bernd Dieng (Lehrerseminar Meckenbeuren) und Roswitha Malewski, Rektorin der Kuppelnauschule Ravensburg, auf dem Podium. (kck)