Annamaria Waibel kommt extra aus Markdorf, um die Bohnen abzugeben. Ihre Großmutter und ihre Mutter hatten die Stangenbohnen schon im Garten gepflanzt. Das besondere an ihnen ist, dass sie keine Fäden ziehen und die Farbe beim Garen ändern. "Deshalb haben wir Kinder die Bohnen Zauberbohnen genannt", berichtet sie Maria Schlegel von der Initiative Saatgutbildung. Schlegel nimmt die Bohnen in ihren Katalog auf und notiert alle Informationen zu dem Saatgut. Genau solche Kulturpflanzen suchen sie und ihre Mitstreiter von der Initiative: Samen ohne Sortenschutz oder solche, deren Sortenschutz nach 25 Jahren ausgelaufen ist, und die schon Jahrzehnte in der Region wachsen, sich somit an das Klima angepasst haben.

Bei Mimmenhausen hat die Initiative Saatgutbildung 2014 einen Schaugarten angelegt, in dem sie die unterschiedlichen Kulturpflanzen groß zieht, um deren Samen zu sammeln und für die Nachwelt zu erhalten. Die Anlage ist kleinteilig angelegt, Maschinen kommen nicht zum Einsatz. Seit kurzem ist sie auch biozertifiziert. In der Anlage selbst werden auch Aktionen veranstaltet. So wird es dieses Jahr wieder eine Tomatenverkostung geben. Eine Schulung, wie der Kleingärtner selber Samen sammeln kann, ist in Vorbereitung. Von Anfang an war die Initiative darauf ausgerichtet, altes Saatgut zu dessen Erhalt kostenlos abzugeben. "Auf einmal stand die Idee im Raum", erzählt Maria Schlegel. Anfangs waren es fünf Gleichgesinnte, nachdem die Idee geboren war, organisierte man sich in einem Verein. Zwölf Gründungsmitglieder waren sie damals. In einer ungenutzten Ecke auf einem Firmengelände in Frickingen wurde 2012 ein erster Garten angelegt.

Der wurde schnell zu klein. Die Hofgemeinschaft "Wegwarte" überlies dem Verein ein Feld bei Mimmenhausen. Förderung bekamen die Saatgutaktivisten vom Landkreis, dem BUND und der Gemeinde Salem. Mit Eseln wurde das Feld bestellt. In der Zwischenzeit leben auch Schafe aus dem Montafon dort. Gegen die Schnecken will man Laufenten anschaffen. Aber im Vordergrund steht immer der Erhalt des Kulturguts der Pflanzen.

"Über Jahrtausende hat man Saatgut selbst gewonnen und getauscht. Bis vor gut hundert Jahren das Konzept des Sortenschutzes eingeführt wurde", referiert Diplombiologe und Botaniker Nicolas Dostert auf seinem Schlüsselvortrag "Saatgut sammeln und teilen" bei der Salemer Saatgutbörse. Sortenschutz ist die Grundlage der industriellen Gewinnung von Saatgut und des wirtschaftlichen Anbaus der Pflanzen. Nur wenige Sorten hätten dann auf dem Markt Bestand, das Wirtschaftlichkeitsdenken führe zum Verlust der Sortenvielfalt von Nutzpflanzen. Genau hier will die Initiative Saatgutbildung entgegenwirken. Von der Vermehrung regionaler Sorten und Hofsorten, einer fast vollständig verloren gegangenen Tradition, weiß Dostert zu berichten.

Das Interesse an der dritten Salemer Saatgutbörse macht Hoffnung. Viele haben eigenes Saatgut mitgebracht. Sehr viele fragen nach, wie sie selbst die Samen ihrer Gartenpflanzen gewinnen können. Und noch mehr nehmen das kostenlos abgegebene Saatgut für ihren Garten mit. Die Samen werden in kleine Tütchen verpackt, auf denen das Saatgut-Versprechen aufgedruckt ist: "Saatgut ist Gemeingut" steht da, man kann das Saatgut verwenden, wie man möchte. "Im Gegenzug versprechen Sie uns, dieses Pflanzenmaterial nicht gentechnisch zu verändern und die Verwendung nicht durch Sortenschutz einzuschränken", heißt es weiter.

Informationen im Internet: www.saatgutbildung.org

"Der Geschmack ist das A und O"

Hans Haller aus Überlingen: Ich haben meinen Radausflug mit dem Besuch der Saatgutbörse verbunden und bin von Überlingen hierher geradelt. Ich bin hier, weil ich neugierig bin. Mais liebe ich und habe mir deshalb Maiskörner mitgenommen. Kurz in Wasser dünsten, schmeckt mir wunderbar. Und Sonnenblumenkörner der Sorte "Russische Riesensonnenblume". Diese Blumen sollen riesig werden und bienenfreundlich sein. Aber das A und O ist der Geschmack. Der ist bei vielen Industrieprodukten verloren gegangen. Ich bin gespannt, wie die Pflanzen wachsen.

Hans Haller aus Überlingen.
Hans Haller aus Überlingen. | Bild: Mardiros Tavit

"Helfen, regionale Sorten zu etablieren"

Bruno Eblen aus Stefansfeld: Nach dem Arbeitsleben habe ich jetzt mehr Zeit für meinen Garten. Der hat an Fläche 30 Quadratmeter für Gemüse und zehn Quadratmeter für Blumen. Ich möchte widerstandsfähige Pflanzen im Garten haben und so helfen, regionale Sorten zu etablieren. Auf keinen Fall Hybridpflanzen. Schon vergangenes Jahr habe ich eigene Tomatensamen gewonnen. Jetzt nehme ich Samen von Zucchini, Mangold, Tomaten und Paprika mit. Auch einige Blumensamen habe ich mir einpacken lassen. Ich bin neugierig wie sie werden. Ganz wichtig ist mir der Geschmack.

Bruno Eblen aus Stefansfeld.
Bruno Eblen aus Stefansfeld. | Bild: Mardiros Tavit

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