Barfuß spaziert Claudius Hoffmann in den Theatersaal der Fachklinik Siebenzwerge und begrüßt sein Publikum. Auf der Bühne schlüpft der Wahl-Salemer für das Stück "Der fünfte König" in die Rolle von Kleophas und begegnet dem vierten König, der nach einer russischen Legende zu spät in Bethlehem ankommt, weil er unterwegs bedürftigen Menschen hilft. Der Straßenjunge Kleophas wird zum Begleiter wider Willen und kann zunächst nicht viel damit anfangen, ständig Gutes zu tun. Doch während der lebenslangen Suche wandelt sich auch Kleophas und kommt sich dabei selbst ein ganzes Stück näher. Einige der Zuschauer an diesem Abend haben das Theaterstück in der Vergangenheit schon mal gesehen. Gelegentlich sogar zwei, drei Mal. Denn Hoffmann spielt es jedes Jahr in der Ephiphaniaszeit – und das seit 17 Jahren. Schriftsteller Manfred Grüttgen hat das Stück 2001 mit dem Hinweis "Das wäre was für dich" an Hoffmann geschickt.

Was Hoffmann an der religiösen, aber auch komödiantischen und teils tragischen Geschichte reizte? Dass Grüttgen ihm zutraute, sie zu spielen, erinnert sich der Schauspieler und Regisseur. Einige Tage nach der Aufführung in Oberstenweiler berichtet er am Kaffeetisch von den Anfängen. Von seinen Anfängen mit Kleophas. Theater spielte er bereits seit Mitte der 90er-Jahre. Dann kam "Der fünfte König". "Das mache ich jetzt mal zehn Jahre" habe er sich damals gedacht. Den Gedanken des jüngeren Claudius Hoffmann hält er heute für vermessen, "zu glauben, dass die Welt auf mich wartet", und muss schmunzeln. Doch das Stück erfreut sich auch im zweiten Jahrzehnt "steigender Beliebtheit", so Hoffmann.

Kleophas ist auf der Bühne alleine und hat nur das bei sich, was er am Leib trägt. Es gibt keine weiteren Schauspieler oder großen Kulissen, nur einige Requisiten. Hoffmann: "Das ist der Reiz, es immer wieder neu zu machen." Er sei derjenige, der alles im Griff haben könne – und findet Gefallen daran, die Zuschauer in ihrer Vorstellung zu führen. Alles, was an Gemaltem oder Technik auftauche, lenke die Besucher von ihrer Vorstellung ab – von der geistigen.

Claudius Hoffmann mit Hut und Umhang als Kleophas auf der Bühne.
Claudius Hoffmann mit Hut und Umhang als Kleophas auf der Bühne. | Bild: Wolfgang Schmidt

In seinem Spiel lässt sich Hoffmann auf das Publikum ein. Das bedeutet aber nicht, dass er etwa den Text oder Ablauf ändert. Es geht um Details, wie die Betonung von Worten und Emotionen. "Empfindungen teilen. Das ist das Erleben im Theater", sagt Hoffmann. Das Schöne daran, mit dem Publikum konfrontiert zu sein, sei, dass das Publikum immer richtig sei: "Die Zuschauer sind so, wie sie sind." Daraus machen möchte Hoffmann immer das Beste. Die Vorstellungen sind dabei mitnichten dieselben wie am Anfang, in den 2000er-Jahren. Als junger Vater von zwei kleinen Kindern war es ihm unerträglich, die Szene zu spielen, in der Kleophas und der König in der Wüste auf ein hilfloses Baby stoßen, das aus fünf Wunden blutet. Dies fällt ihm inzwischen leichter. Denn seine beiden Kinder sind größer und er älter geworden. "Ich bin nicht mehr der Gleiche wie vor 17 Jahren. Dadurch, dass ich älter werde, ändert sich auch der Sinn für mich", so Hoffmann. Immer wieder entdeckt er etwas Neues an seiner Interpretation. Kleophas reift in "Der fünfte König" vom gewitzten Straßenjungen zum besten Freund in der Not.

Dessen weise Verhaltensweisen spielt der gebürtige Laupheimer heute anders als früher. Sie haben ihm zufolge eine weitere Tiefe erlangt. Außerdem setzt er sich anders mit dem biblischen Thema auseinander. "Es ist interessant zu sehen, was ein Kleophas daran erlebt", sagt Hoffmann. Im Stück geht es dem Stern von Bethlehem hinterher – und irgendwie sucht Kleophas auch seinen eigenen Stern. Für Hoffmann passt dieses Bild vortrefflich in die heutige Zeit. Er findet: Jeder ist auf der Suche nach seinem eigenen Stern. Der Schauspieler und Regisseur glaubt, dass die Menschen gerne ins Theater kommen, weil sie sich in der Gruppe erleben und nicht am Computer oder vor dem Fernseher. "Es ist ein reales Erlebnis. Es ist live, es ist echt", erklärt Hoffmann und nimmt an, dass der Hunger der Menschen nach solchen Momenten weiter zunimmt. "Theater und Theaterpädagogik sprechen den gesunden Menschenverstand an und führen zu einem Ich-Bewusstsein hin", sagt Hoffmann. Theaterpädagogik fasziniert ihn. In der Fachklinik Siebenzwerge begleitet er zwei Produktionen pro Jahr. Zudem arbeitet er mit Kindern an Theaterstücken. "Die Kinder können über sich hinauswachsen und eigene Fähigkeiten ausbilden", beschreibt er die Theaterarbeit, die nach seiner Ansicht fördert, den Einzelnen zu sehen: "Wir bilden mit dem Theater eine Reflexionsfläche, darüber nachzudenken: Wie will ich sein?" Fernab der digitalen Welt. Schauspielerei oder Regie: Weder das eine noch das andere ist ihm lieber. "Bei der Schauspielerei darf ich erfolgreich sein." Bei der Regie gehe es um den Erfolg des Kindes.

Mit 16 Jahren lernte Hoffmann, gerade in der Lehre, einen Clown kennen und bat ihn, mit ihm zu arbeiten. An professionelle Schauspielerei dachte er damals noch nicht. Darauf folgten Engagements in verschiedenen Theatern, Ausbildungen, Fortbildungen, Lehr- und Regietätigkeiten. 1998 befragte Hoffmann auf der Straße Passanten, was der Begriff Theater mit ihnen mache. "Meinen Sie Musical?", "Das war mal im Deutschunterricht": So lauteten die Antworten der Befragten. Dennoch glaubte Hoffmann stets an eine Zukunft für das Theater, sieht sich bestätigt in den vergangenen Jahrzehnten. Für ihn ist Theater eine Form von Anteilnahme an der Welt. Die zunehmende Digitalisierung sieht er kritisch: "Das Bewusstsein des Menschen wird nicht mehr gebraucht." Im Theater schon, meint er. Der Mensch habe immer durch Geschichten und Märchen gelernt.

Können sich die Zuschauer denn etwas bei Kleophas abschauen? Hoffmann: "Kleophas bleibt sich treu. Er macht nicht die Dinge, die von ihm verlangt werden." Das gefällt Hoffmann am Protagonisten in Manfred Grüttgens "Der fünfte König". Ob sie etwas mehr so wie Kleophas sein wollen, "müssen sich die Menschen aber selbst fragen", sagt Hoffmann und grinst.

 

Zur Person

Claudius Hoffmann wurde 1970 in Laupheim geboren und lebt mit seiner Familie in Salem. Hoffmann ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er hat nach der Fachhochschulreife Schauspiel und Regie studiert. Auf einige Fortbildungen in den Bereichen Improvisationstheater und Pantomime folgte ein Masterstudium im Bereich PhysicalTheatre. Der 47-Jährige arbeitet als Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagoge. Die Schauspielerei führte ihn bislang durch deutsche Theater und ins Ausland. In der Fachklinik Siebenzwerge und an Walddorfschulen führt er bei Theaterprojekten Regie. Als (Gast-)Dozent hat er bisher an der Schauspielakademie Stuttgart, am Lehrerseminar in Dortmund und am Heilpädagogischen Seminar in Salem/Frickingen sowie in der Schweiz unterrichtet. Bei der Christengemeinschaft, Rengoldshauser Straße 16, in Überlingen spielt er am Sonntag, 14. Januar, um 16.30 Uhr das Stück "Der fünfte König".