Seit über 30 Jahren sind sie befreundet, seit über zehn sind sie begeistert von Rolando Villazón. Jetzt hat Beatrix Andres ihrer Freundin Heidi Fleischer eine Konzertkarte für das Salem Open Air zum Geburtstag geschenkt und ist extra aus Bad Salzuflen angereist, um sie zu begleiten. "Wir wollten ihn in Köln schon hören, aber da kam die Stimmbandoperation dazwischen", sagt Fleischer. Endlich hat es geklappt und es hat sich gelohnt, da sind sie sich einig. "Wunderbar, das Duett war sehr schön und auch die Stücke nur mit Orchester", findet auch Claudia Bauer. Renate Dittrich kann hier den Reibereien des Alltags entkommen: "Diese Musik ist so voll und rund, sie nährt die Seele, weil sie wieder mit Schönheit Kontakt hat."

Die bunten Regenjacken hätte das Publikum nicht gebraucht, es blieb mild und fast ganz trocken im Salemer Schlosshof.
Die bunten Regenjacken hätte das Publikum nicht gebraucht, es blieb mild und fast ganz trocken im Salemer Schlosshof. | Bild: Reiner Jäckle

In der Pause ist es dunkel geworden, die Luft ist mild und nur wenige Regentropfen haben es in den im Salemer Schlosshof geschafft. Dabei ist das Publikum gut ausgerüstet, bunte Regenjacken leuchten in der Dämmerung. Schirme allerdings müssen draußen bleiben: "Es wird nicht regnen, wir haben den ganzen Tag schon gestrahlt", begründet die Dame vom Sicherheitsdienst. Vielleicht hat auch das Ritual von Villazón geholfen. "Wir haben in Mexiko einen Aberglauben: Wenn wir eine fiesta feiern – und wir feiern viele fiestas – nehmen wir ein Messer und stechen es in den Boden. Dann glauben wir, dass der Regengott Tlaloc gut zu uns ist", sagt er zu Beginn des Konzerts und reicht ein Messer von der Bühne.

Mit Humor, Charme und Spontaneität hält der Sänger von Anfang an intensiven Kontakt zum Publikum: Er winkt in die hinteren Reihen, springt von der Bühne, um mit einer Frau aus der ersten Reihe zu tanzen und erzählt Geschichten aus seinem Leben: "Eine meiner schönsten Erinnerungen verdanke ich Wolfgang und Marlies – seid ihr hier? Nein? Schade! Als ich vor 14 Jahren am Bodensee war, waren sie meine Vermieter und wir sind 111 Kilometer mit dem Rad um den Bodensee gefahren." Das sei eine Art "Impossible Dream" gewesen, sagt er und singt "The Impossible Dream" von Man of La Mancha, in tiefen, vollen Tönen und mit Sehnsucht und Entschlossenheit im Ausdruck. Für jede Arie erhält er rauschenden Beifall.

Rolando Villazón ist nicht mehr der Latin Lover, der vor elf Jahren an Anna Netrebkos Seite mit einer Stimme voll jugendlicher Strahlkraft begeisterte. Aber die Zuhörer lieben auch den reifen Sänger, der in der Tiefe rauh und etwas angestrengt in der Höhe klingt. Denn gerade in der mittleren Lage singt er erlesen schön, mit weitem Vibrato und einem Volumen, das sich mühelos über das Orchester hebt.

Rolando Villazón und Pumeza Mathikiza singen Libiamo, libiamo ne'lieti calici aus Verdis La Traviata.
Rolando Villazón und Pumeza Mathikiza singen Libiamo, libiamo ne'lieti calici aus Verdis La Traviata. | Bild: Corinna Raupach

Seine Partnerin in Salem ist die südafrikanische Sopranistin Pumeza Matshikiza, mit der er bereits im vergangenen Jahr international auf Tournee ging. Bei ihrer Zugabe "Libiamo, libiamo ne'lieti calici aus Verdis "La Traviata" stoßen sie spielerisch mit Wassergläsern an, das Publikum klatscht begeistert mit.