Gemälde, Skulpturen, Videos, Installationen, Performances, Texte und mehr sind entstanden. Die Vielfalt ist groß – und verwirrend? Zwar empfängt eine moderne Ariadne die Besucher der Vernissage im Gang zur historischen Bibliothek. Es ist die amerikanische Performance-Künstlerin Amy Kaps, doch sie bleibt an ihrem Standort und bietet sich nicht als Führerin durch das Labyrinth an. Jeder Gast kann nach Herzenslust auf Entdeckungstour gehen. Man soll ja auch nicht in einem Raum verharren. Deshalb ist die Bibliothek, der Mittelpunkt der Ausstellungseröffnung, nur spärlich bestuhlt. Es handle sich um eine „bewegte Vernissage“, informiert der Hausherr, Landrat Lothar Wölfle, der außerdem nochmals allen Unterstützern des Projektes dankt.

Doch trotz aller Diversität der Kunstwerke, scheint es einen roten Faden zu geben. Das geht aus der Einführung und den Kurzvorstellungen hervor, die Stefan Feucht, Leiter des Kreiskulturamtes, und Denise Anderson von Salem Art Works aus den USA geben. Denn etliche Künstler haben sich teils sehr intensiv mit dem Geist des Ortes und der Umgebung auseinandergesetzt. So ließen sich die amerikanische Performance-Künstlerin Laurel Jay Carpenter und der Musiker Philippe Wozniak aus Friedrichshafen vom Glauben und Leben der Salemer Zisterziensermönche zu ihrer Installation und Performance „Hingabe“ inspirieren, die unter anderem vielleicht blindes Gottvertrauen vor Augen führen will. Auch Ingrid Wild stellt mit ihren Arbeiten einen Bezug zu Religion und Landschaft her, etwa mit Gemälden, die an geologische Schichten- sowie Flurkarten erinnern. Mary Early arbeitet mit Wachs, das den bienenzüchtenden Zisterziensern vertraut und wertvoll war, und nimmt in ihren Arbeiten Linien der Klosterarchitektur auf.

„Aber ist nicht Erzählen, das den Namen verdient, auch dies: gefährlich?“

Sonia Steidle verwandelt in ihren Gemälden Pflanzen der Umgebung. An den abstrakten Skulpturen Susanne Immers, die Feucht „dreidimensionale Zeichen“ nennt, lässt sich der Einfluss des Klosterumfeldes nicht direkt ablesen. Doch zum ersten Mal habe Immer die Farbe Orange eingesetzt.

Die Schriftstellerin Dorothea Dieckmann entführt in ihrer Lesung die Zuhörer auf eine Reise zum Isenheimer Altar. In ihrer Erzählung beschreibt sie aber nicht diese Ikone der christlichen Kunst sondern die Fahrt dorthin. Und hat das Reisen, auch wenn das Ziel gewiss zu sein scheint, mit dem Erzählen nicht auch die Gefahr gemein? „Aber ist nicht Erzählen, das den Namen verdient, auch dies: gefährlich?“

Brandgefährlich und ganz weit weg von Salem, Bodensee, nämlich in Miami, Florida, bewegt sich der Protagonist in Andrew Petrillis „kurzer und komplizierter Geschichte der Vereinigten Staaten“. Er, der von allem genug hat, wenn er auch nicht genau weiß, wovon, kauft sich eine Schusswaffe, die man unter Wasser abfeuern kann und geht damit zum Baden an den Strand. Die Waffenproblematik in den USA prägnant auf wenige Zeilen konzentriert. Das scheint weit weg zu sein vom ehemaligen Kloster Salem und doch, dank moderner Kommunikation und Globalisierung, stets präsent.

Die romantische Ausstrahlung des Ortes unterstreicht zum Abschluss die Sängerin Kaja Plessing, die zuvor schon mit Justin Morrissey auftrat. Langsam bewegt sie sich singend und Rosenblätter verteilend eine mit Lichtern übersäte Holztreppe hinauf. Während sie die letzten Stufen erklimmt, singt sie aus Schumanns Lied nach Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus. Flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“ Und Plessing öffnet das Fenster.


„Salem2Salem“

Das internationale und interdisziplinäre Kunstprojekt „Salem2Salem“ gibt es seit 2010. Seine Anfänge nahm es, als 2009 eine Delegation der Künstlervereinigung Salem Art Works aus Salem im US-Bundesstaat New York erstmals Salem am Bodensee besuchte. Daraus entstand ein Kulturaustausch, der abwechselnd im amerikanischen und im deutschen Salem stattfindet, dieses Jahr in siebter Auflage und zum vierten Mal am Bodensee. Drei Wochen lang arbeiteten 21 Künstler aus den USA, Deutschland und der Schweiz in Schloss Salem. Das Projekt wird organisiert vom Kulturamt Bodenseekreis und gefördert von der Carris Foundation, dem US-Generalkonsulat in Frankfurt am Main, den Staatlichen Schlössern und Gärten, der OEW und dem Verein BodenseeKulturraum. Die Ausstellung mit den bei „Salem2Salem“ 2016 entstandenen Werken ist noch bis 3. Oktober in der Prälatur von Schloss Salem zu sehen. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei, allerdings nur in Verbindung mit dem kostenpflichtigen Besuch des Schlosses Salem zu dessen Öffnungszeiten möglich.