Einen friedlichen, ruhigen und halbwegs trockenen Abend erlebten 3500 Zuschauer mit Joan Baez beim Salem-Open-Air. Die US-amerikanische Folk-Sängerin, Bürgerrechtlerin und Pazifistin ist inzwischen 75 Jahre alt und sie ist ruhig geworden. Charmant, bescheiden und überaus charismatisch ist sie immer noch. Früher stellte sie sich mit ihrer Gitarre auf die Bühne und sang los. Hell, klar, kraftvoll. Und sie geizte nicht mit politischen und menschlichen Aufrufen. Sie war eine, die motivierte und Menschen mitnahm. Eine, die vorne marschierte. Gerade ihr politisches Engagement gegen den Vietnamkrieg und die Rassentrennung machte sie berühmt und man bewunderte, dass sie sich angstfrei den Mächtigen entgegenstellte.

Die Länder Mexiko, Schottland und Amerika vereinigen sich in ihr und aufgrund ihrer Hautfarbe erlebte sie in der Kindheit Rassismus hautnah. Die erste Rede des jungen Martin Luther King, die erste Gitarre und Auftritte mit melancholischen Balladen zeichnen ihren erfolgreichen Weg. Die Bürgerrechtlerin hallt als "Stimme und Gewissen ihrer Generation" und prangerte mit direkten Worten die Missstände der Welt an. Sie erhob ihre klare Sopranstimme gegen Diktaturen, Militärputsche oder Landminen, gründete eine Menschenrechtsorganisation zum Wohl der vietnamesischen Boatpeople und warb für Verständnis für Strafgefangene. Ein Ostermarsch ohne sie war lange Zeit nicht denkbar. Nun ist ihre Stimme naturgemäß gesunken. In einer warmen, manchmal brüchigen Altfärbung erklingen die alten Lieder – aber sie haben sich verändern dürfen. Sie verlocken durch Stärke und Geradlinigkeit, nicht mehr zum Mitsingen oder gar zum Marschieren. Da hat sich ein wenig Soul eingeschlichen und auch Blues. Die Melancholie des Anfangs ist wieder da.

Was bis auf einen kleinen Seitenhieb gegen Donald Trump völlig fehlt, sind ihre starken Worte. All die Jahre, die ihre Fans lauschten, hatte sie neben ihren Liedern auch Klage, Anklage und Vorschläge vorgebracht. Sie gab Generationen Kraft zu einem "Nein". In Salem stand sie mit ihrer Band, die sie umhüllt, begleitet und stützt – und schwieg. Gepaart mit der Angst, die durch Ansbach entstand, war die Frage: "Was wird sie zu unserer unruhigen Gegenwart sagen?" Sie sprach nur vom Wunsch, die Welt zu einem besseren Platz zu machen. Ihre eigentliche Botschaft verpackte sie so diskret, dass man sie erst auf dem Heimweg verstand. Sie erzählt von Tränen und von ihren Füßen, die müde vom zu vielen Marschieren seien.

Jeder Zuhörer durfte sich seine Lebensbotschaften aus den Liedern von Konstantin Wecker und Pete Seeger, Bettina Wegner und all den anderen Großen holen. Lieder von Gefängnissen, von Unterdrückung und Schicksalsschlägen. Aber die Grand Dame des Folk schwieg. Sie, die stets mit flammender Stimme von Gewaltlosigkeit spricht, schwieg. In einem Interview sagte sie vor einiger Zeit, die Leute würden sich die 60er zurückwünschen, aber das könne nicht passieren. Und sie stellte fest, dass das Publikum seit Jahren nicht mehr mitsänge. Auch in Salem erhoben die Besucher sich selbst und ihre Stimme erst bei den reichlich gewährten Zugaben. Natürlich kamen Joe Hill, The Boxer und Donna Donna. Aber man hörte am sanften, beinahe beschaulichen Abend auch den Satz: "Was ist geschehen? Wir waren die Woodstock-Generation – und jetzt? Sind wir alle müde und hoffnungslos geworden?"

Dieses Mal nimmt man nicht mit Tränen und Gänsehaut das "We shall overcome" mit nach Hause. Es ist das "Gracias a la vida", mit dem die Königin des Folk das offizielle Programm beschloss. Ein reicher, aber müder Dank für ein erfahrungsreiches Leben. Das overcome, das Siegen, das Gewinnen, das Bewältigen, muss in diesen unruhigen Zeiten wohl jeder mit sich ausmachen. Den Samen hat sie uns in vielen Bühnenjahren gegeben, für die Frucht ist sie nicht mehr zuständig.