Als die historische Ravensburger Stadtkirche St. Jodok am Mittag des 10. März 2018 weithin sichtbar brannte, war das Entsetzen groß. In einer anonymen Nachricht an die Polizei wurde anschließend gedroht: „Es werden weitere Kirchen brennen.“ Aber der Brandstifter wurde ermittelt und gestern nach fünftägigem Prozess von der 7. Großen Strafkammer des Ravensburger Landgerichts wegen schwerer Brandstiftung und Sachbeschädigung zu sieben Jahren und zwei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, was dem Antrag von Oberstaatsanwalt Peter Vobiller entsprach. Der Vorsitzende Richter Franz Bernhard bezeichnete den Angeklagten als eine „kriminelle und dissoziale Persönlichkeit“. Dissozial – damit charakterisierte er Verhaltensweisen des Angeklagten, die sich nicht in das soziale Wertesystem einordnen lassen.

Es droht die Sicherungsverwahrung

In der fast einstündigen Urteilsbegründung charakterisierte der Richter den vielfach Vorbestraften als einen Menschen, dem nicht durch Therapien, sondern allenfalls durch harte Sanktionen zu helfen sei. Sollte es jedoch nach der langen Haftstrafe zu neuen Taten kommen, drohe ihm die Sicherungsverwahrung, sprich dauerhafte Unterbringung im Gefängnis, mit der die Allgemeinheit vor besonders gefährlichen Straftätern geschützt werden soll.

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Mit der Einschätzung der Persönlichkeit folgte die vierköpfige Strafkammer dem Urteil der psychiatrischen Sachverständigen Roswitha Hietel-Weniger vom Zentrum für Psychiatrie Weissenau, die den Angeklagten einerseits voll schuldfähig, jedoch als unfähig zu Empathie und manipulativ bezeichnet hatte und fast lapidar befand: „Die Tat als solche ist nicht überraschend.“ Und dann war wieder von der dissozialen Persönlichkeitsstörung die Rede. Typisch hierfür seien Verantwortungslosigkeit, Missachtung sozialer Normen, fehlendes Schuldbewusstsein und geringe Frustrationstoleranz.

dpatopbilder – 10.03.2018, Baden-Württemberg, Ravensburg: Feuerwehrleute tragen Kunstwerke aus der brennenden Kirche Sankt Jodok in der Innenstadt von Ravensburg raus. Foto: Felix Kästle/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Feuerwehrleute tragen Kunstwerke aus der brennenden Kirche Sankt Jodok in der Innenstadt von Ravensburg raus. | Bild: Felix Kästle

Der Vorsitzende erinnerte gestern in der Urteilsbegründung an die Situation des Angeklagten zur Tatzeit: kein Job, kein Geld, keine Partnerin und der drohende Umzug in eine Obdachlosenunterkunft – „auf allen Ebenen Leere“. Und da war die Ankündigung, „dass es jetzt knallen soll – was ganz Großes“. Stattdessen zündete der von Frust und Hass Getriebene in der Kirche St. Martin in Schlier bei Ravensburg eine Stellwand mit Bildern der Kommunionkinder an. Als der Brand von selber erlosch, fuhr er nach Ravensburg, „mit dem festen Vorsatz, die Kirche St. Jodok anzuzünden“, so Richter Bernhard. In der Stadtkirche aus dem 14. Jahrhundert, Treffpunkt junger Christen und einer kroatischen Gemeinde, zündete er mit dem Foto einer früheren Geliebten eine Couch an und verließ die Kirche, um auf dem Ravensburger Marienplatz eine Portion Schupfnudeln zu essen, wie er im Prozess erzählte. Als vorgespielt und gelogen wertete das Gericht die Behauptung starker Alkoholisierung, denn in „glasklaren“ Sprachnachrichten an einen Bekannten bezichtigte er andere der Tat und kündigte weitere Kirchenbrände an. Richter Bernhard: „Das ist schon bodenlos.“

ARCHIV – 10.03.2018, Baden-Württemberg, Ravensburg: Feuerwehrleute schauen sich nach dem Brand den Schaden in der Kirche Sankt Jodok in der Innenstadt von Ravensburg an. (zu dpa: «Feuer in zwei Kirchen – Mutmaßlicher Brandstifter vor Gericht» vom 04.09.2018) Foto: Felix Kästle/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Feuerwehrleute schauen sich nach dem Brand den Schaden in der Kirche Sankt Jodok in der Innenstadt von Ravensburg an. | Bild: Felix Kästle

Sachverständiger: Persönlichkeit des Mannes quasi festgeschrieben

Den Appell des Verteidigers Fritz Döringer (Stuttgart), seinem Mandanten noch eine Chance für eine Therapie in einer Entziehungsanstalt zu geben, lehnte die Strafkammer ab. Richter Bernhard erhielt dabei Unterstützung von der psychiatrischen Sachverständigen, die erklärte, die Persönlichkeit des Mannes sei quasi festgeschrieben.

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Die aufwendige Renovierung der Kirche von St. Jodok soll übrigens im nächsten Frühjahr abgeschlossen sein. Den Millionenschaden muss eine Versicherung ersetzen. Der verurteilte Brandstifter hat Schulden in fünfstelliger Höhe bei einer früheren Partnerin und Bekannten.